Offener Brief an den Deutschen Frauenrat

Headerbild Junge Eltern

Betrifft: Ihre Stellungnahme zum Ausgang der Bundestagswahl 2021 im Informationsblatt frauenpolitischer dienst – fpd, Ausgabe vom 01.10.2021

Sehr geehrte Frau Dr. von Miquel, sehr geehrte Vorstandsmitglieder des Deutschen Frauenrats,

nicht zum ersten Mal fällt bei der o.g. Stellungnahme auf, dass der Deutsche Frauenrat sich offenbar ausschließlich als Stimme der erwerbstätigen Frauen versteht. In ihrer potentiellen Eigenschaft als Mütter, egal ob Vollzeit- oder Teilzeitmütter, kommen Frauen bei Ihnen nicht vor. Die Tatsache, dass die häusliche Erziehung und Betreuung von Kindern eine Leistung ist, die durchaus als einer Erwerbsarbeit gleichwertig zu betrachten und folglich nicht nur mit warmen Worten am Muttertag sondern vor allem finanziell zu honorieren ist, spielt für Sie keine Rolle. Warum soll die Kinderbetreuung denn nur dann eine lohnwerte Leistung sein, wenn Dritte sie erbringen?

Diesem ist allerdings nicht effizient beizukommen, indem der Dt. Frauenrat eine fragwürdig „progressive Frauen- und Gleichstellungspolitik“ proklamiert, denn allein mit der Gleichstellung in der Erwerbsarbeit ist eine wirkliche Gleichberechtigung aller Frauen nicht zu erreichen. Auch der Appell an die Väter, sie sollten sich zu gleichen Teilen an der häuslichen Carearbeit beteiligen, kann nur als zynisch und wenig erfolgversprechend beurteilt werden, solange die kindbezogene Carearbeit unentgeltlich zu erbringen ist. Das Mittel der Wahl wäre ein zu versteuerndes Erziehungsgehalt (EZG, vergleichbar der Beamtenbesoldung), das diese Arbeit einer Erwerbsarbeit gleichstellt. Es kann keinesfalls Aufgabe des Deutschen Frauenrats sein, eine einseitige Ideologie der Gleichstellung als Weg zur Gleichberechtigung der Frauen zu propagieren und so die grundgesetzlich festgeschriebene Freiheit der Lebensgestaltung der Bürger*innen zu ignorieren!

Nicht nur angesichts des seit Jahren anhaltenden Geburtendefizits, sondern grundsätzlich ist die Forderung eines EZG zeitgemäß und „modern“, denn nur dieses eröffnet die Möglichkeit einer echten Wahlfreiheit, wie außerhäusliche Erwerbsarbeit und häusliche Betreuungsarbeit in den Familien partnerschaftlich aufgeteilt werden können. Auch hier ist es nicht akzeptabel, dass politisch Verantwortliche sich anmaßen, den Begriff der Partnerschaftlichkeit als eine 50:50-Beteiligung zu definieren. Diese Entscheidung steht allein den beiden Beteiligten zu.

Historisch gesehen begann die falsche Weichenstellung, mit deren Folgen wir es heute zu tun haben, mit der Adenauer’schen Rentenreform 1957, die den Anspruch auf eine Alterssicherung ausschließlich an die Erwerbsarbeit koppelte. In der Meinung: „Kinder kriejen de Leute immer“ wurde der zweite tragende Pfeiler des Umlagesystems, nämlich die Sorge für eine quantitativ ausreichende und qualitativ leistungsbereite nachwachsende Renten-Einzahlergeneration einfach amputiert. Die von Wilfrid Schreiber, dem Architekten des Reformkonzepts geforderte „Kinderrente“ – sprich Elternentgelt – als Preis für die dynamische Altersrente wurde vom Tisch gefegt. Frauenverachtender ging es nicht! Aber genau in diesem Kielwasser schwimmen wir heute, wenn wir immer noch glauben, die kindbezogene häusliche Carearbeit könne dauerhaft zum Nulltarif abgerufen werden. Ohne Umdenken an diesem Punkt bleiben alle Reformbemühungen zur Rente untaugliches Herumdoktern. Auch die staatlicherseits massiv forcierte Tendenz zur Auflösung der Familie durch eine milliardenschwer geförderte institutionelle „Betreuung von der Wiege bis zur Bahre“ unter Ausschluss der Honorierung der familiären Leistung wird sich als Sackgasse erweisen.

Der Verband Familienarbeit e.V. wünscht sich, im Streben nach der längst überfälligen finanziellen Anerkennung der häuslichen Erziehungs- und Betreuungsarbeit den Deutschen Frauenrat an seiner Seite zu haben, durch aktive Förderung einer entsprechenden Agenda in Politik und Gesellschaft.

Mit freundlichen Grüßen

Gertrud Martin,
Schatzmeisterin im Auftrag des Vorstands

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