Offener Brief an Romano Prodi, Präsident der Europäischen Kommission

Im Oktober 2002 fand in Luxemburg die FEFAF-Hauptversammlung statt. Hier in der übersetzung von Ute Reister der offene Brief der F.E.F.A.F.-Mitgliedsorganisationen.

Luxemburg, 12. Oktober 2002
Offener Brief an Herrn Romano Prodi, Präsident der Europäischen Kommission
Herr Präsident
Wir, die Mitglieder der F.E.F.A.F., eines Zusammenschlusses von Organisationen unbezahlter Eltern und Zu-Hause-Pflegender auf der Ebene der Europäischen Union, schreiben an Sie, auf unserer Generalversammlung 2002 in Luxemburg, unsere Bitte, dass Sie die Prinzipien umsetzen, auf die sich die Europäische Union nach ihren eigenen Aussagen stützt, insbesondere die von Demokratie und Subsidiarität.

Diese Prinzipien sind nicht klar sichtbar, wenn die Europäische Union mit denen umgeht, die unbezahlte Familienarbeit leisten, d.h. häusliche Erziehungs- und Pflegearbeit auf Voll- oder Teilzeitbasis. Die Richtlinie bezüglich individueller Besteuerung (tax individualisation) wurde von vielen Ländern eingeführt, ohne dass die direkt Betroffenen in die Beratungen einbezogen worden wären. Wen wundert es da, wenn in Irland der Nizza-Vertrag schon einmal abgelehnt wurde.

Europa profitiert sehr stark vom Mehrwert der in Familien geleisteten Arbeit. Darüber hinaus setzt diese Nicht-Anerkennung auf der Ebene der Europäischen Union die Bürgerinnen und Bürger, die solche Arbeit leisten, einem höheren Armuts- und Marginalisierungsrisiko aus, sowohl in den Mitgliedsstaaten als auch den Kandidaten-Ländern. Sollte die Europäische Union ernsthaft diese Schwierigkeiten zu lösen bereit sein, muss sie das in Beratungen mit uns selbst tun, und zwar über unsere Dachorganisationen. Wir zählen in den Mitgliedstaaten ungefähr 80 Millionen Stimmberechtigte. Es ist uns nicht möglich, eine exaktere Zahl zu nennen; die EUROSTAT erhebt nämlich keine Statistiken hinsichtlich der Zahl von Voll- und Teilzeit-Eltern und Zu-Hause-Pflegenden.

Politik, wie sie auf Europa-Ebene formuliert ist, hat bereits in vielen Mitgliedsstaaten negative Auswirkungen auf die Geburtenrate. Europäische Politik muss im Einzelnen demografie- und armutsgeprüft sein; sie muss auch den Gleichheitsgrundsatz einhalten.
Die Zivilgesellschaft ist in den Institutionen der Europäischen Union unterrepräsentiert. Um dieses Ungleichgewicht wettzumachen, müssenÄnderungen im Vorgehen seitens der Kommission und des Wirtschafts- und Sozialkomitees vorgenommen werden. Die Zivilgesellschaft muss in die Beratungen über von der Kommission einzuführende Richtlinien einbezogen werden; und die Zivilgesellschaft sollte ihre Rolle in der Wirtschafts- und Sozialpolitik spielen.
Der Ministerrat hat als Ziel die Teilnahme von 60% der Frauen am Arbeitsmarkt angegeben. Was hat die Europäische Union mit den übrigen 40% vor? FEFAF würde Sie gern fragen, auf welcher Ebene und auf welche Art und Weise die Europäische Union Eltern und Zu-Hause-Pflegende repräsentiert, wenn wir doch auf keiner Stufe der Politikgestaltung und Umsetzung befragt werden.

Wir sind nicht zufrieden mit der Art, wie die Europäische Union an die Probleme herangeht. Es reicht nicht, uns zu versichern, dass unsere Sorgen auch Ihre sind, und dass Verbesserungen Zeit brauchen. Wir, Eltern und Zu-Hause-Pflegende, müssen einbezogen werden auf Entscheidungsebene bei den Fragen, die unser Leben jetzt betreffen. Wir müssen das Recht und die finanziell akzeptable Möglichkeit haben, über die Balance zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit in unseren eigenen Familien und in der Gesellschaft jetzt zu entscheiden. Institutionen müssen jetzt zur Verantwortung gezogen werden. Demokratie und Subsidiarität müssen jetzt umgesetzt werden. Unsere Mitglieder wissen, dass nach zwei Jahren Europa-Wahlen stattfinden. Wir werden dieses Schreiben und Ihre Antwort in unserer nationalen Presse veröffentlichen. Kopien gehen auch an die zuständigen Minister in den einzelnen Staaten. Die Art Ihrer Antwort wird unsere Aktionen in Zukunft bestimmen.

Hochachtungsvoll,
F.E.F.A.F.-Mitgliedsorganisationen, anwesend bei der F.E.F.A.F.-Hauptversammlung 2002:
A.s.b.l. Femmes et Foyer – AFF, Belgien
Consumer Group – CGC, Belgien
Deutscher Hausfrauenbund – DHb, Deutschland
Famill 2000 a.s.b.l,. Luxemburg
Femmes Actives et Foyer, Union Nationale, France
Femmes Actives au Foyer-Luxemburg, Luxemburg
Haro, Schweden
HERA, österreich
Lapsen kotihoito, Finnland
Liga voor het Kind, Belgien
Movimento Italiano Casalinghe – Moica, Italien
Thuiswerkende Ouder, Gezin, Samenleving – TOGS, Belgien
Union Hellénique des Femmes Diplômées, Griechenland
Verband der Familienfrauen und –männer e.V., dhg, Deutschland
WITH, Irland
Unterschriften:

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