Lasst Kinder wieder Kinder sein!

 Text von Dr. Michael Winterhoff in der fh 4/2020

Impulse für eine gelingende Kindheit in Familien

Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene von heute unterscheiden sich wesentlich von denen, die vor dreißig Jahren, also etwa um 1990 herum aufgewachsen sind. Nur eine Generationsspanne hat es gebraucht, um radikal veränderte Verhältnisse als völlig normal erscheinen zu lassen:

  • Es ist normal, wenn Kinder und Jugendliche keinen freien Nachmittag in der Woche mehr haben, an dem sie sich spontan miteinander verabreden können.
  • Es ist normal, wenn Schüler jeden Alters von ihren Eltern mit dem Auto zur Schule gefahren werden, auch wenn diese nur zehn Fußminuten entfernt liegt.
  • Es ist normal, wenn Kinder und Jugendliche sich in fremder Umgebung – zum Beispiel in einem Hotel oder einem Restaurant – nicht zu benehmen wissen; genauso, wie es normal ist, wenn Erwachsene, die das Einhalten auch nur der allernotwendigsten Regeln des Miteinanders einfordern, geradezu reflexhaft als spießig und reaktionär beschimpft werden.
  • Es ist normal, wenn Kinder und Jugendliche Tage lang hinter abgeschlossenen Zimmertüren auf Tauchstation gehen, um den Highscore eines Spieles zu knacken.
  • Es ist normal, wenn Kindern und Jugendlichen – zum Beispiel in der Schule – auch die einfachsten Sachverhalte mehrfach erklärt werden müssen („Bitte rennt im Museum nicht durch die Gänge“), bis sie verstehen, was von ihnen erwartet wird, und Lehrkräfte sich glücklich schätzen dürfen, wenn sie dem dann auch Folge leisten.
  • Es ist normal, wenn die Anforderungen in Schule und Studium immer weiter nach unten korrigiert werden müssen, damit nicht ein Großteil der Lernenden in den Prüfungen versagt.
  • Es ist normal, wenn trotz dieser Anpassungen ein erschreckend hoher Anteil unserer Kinder auf dem Arbeitsmarkt chancenlos ist, schon allein weil es ihnen an Konzentrationsfähigkeit und Frustrationstoleranz fehlt.

Die Neunzigerjahre sind aus verschiedenen Gründen für mich der Wendepunkt. Wohlgemerkt: Ich leide nicht unter nostalgischen Anwandlungen; nichts liegt mir ferner, als die Vergangenheit zu verklären oder gar die Verhältnisse vergangener Jahrzehnte wieder installieren zu wollen – weder die der Neunzigerjahre und erst recht nicht die der von Muff und hierarchisch geprägten Beziehungen geprägten Fünfziger. Oder anders gesagt: Mein Augenmerk richtet sich auf die Zukunft. Der Rückgriff auf die Zeit um 1990 dient allein dazu, deutlich zu machen, dass für unsere Kinder die Welt seitdem nicht besser geworden ist. Sondern dass sie verstörter, ausgelieferter, missbrauchter sind als zuvor. Und dass es höchste Zeit ist, wieder auf ihre tatsächlichen Bedürfnisse zu achten. Ziel für unsere Kinder muss eine gelingende und entwicklungsfördernde Kindheit sein. Eine Kindheit, die sie zu glücklichen, lebenstüchtigen, selbstständigen Erwachsenen mit gut entwickelter Persönlichkeit werden lässt, die darauf brennen, als beziehungsfähige und verantwortungsvolle Menschen ihren Platz in der Welt zu finden. Wenn ich in meiner Praxis ein verhaltensauffälliges Kind vor mir habe, kann ich seine Psyche nicht messen, nicht sehen. Es gibt keinen Test, aus dem man den psychischen Entwicklungsstand eines Kindes direkt ableiten könnte. Das Kind zum Beispiel einen Menschen malen zu lassen, würde nicht greifen. Ein nicht entwickelter Zwölfjähriger würde seinem Alter gemäß einen Menschen mit Kopf, Körper, Armen und Beinen malen, auch wenn der Entwicklungsstand seiner Psyche einem Alter entspricht, in dem Kinder noch „Kopffüßler“ malen. Die einzige Möglichkeit, Erkenntnisse über seine Psyche zu bekommen, besteht darin, sein Verhalten zu beobachten und so zu erfassen, wie er seine Welt wahrnimmt und wie er seinen Platz in ihr sieht. Denn das Weltbild eines Menschen zeigt sehr genau den Entwicklungsstand seiner Psyche an. Fachlich ausgedrückt: Ich ordne das auffällige Verhalten nach analytischen, tiefenpsychologischen Konzepten dem realen Entwicklungsalter der Psyche zu.

Als ich 2008 mein erstes Buch schrieb, hatte ich bereits über zehn Jahre lang mit wachsender Sorge beobachtet, dass immer mehr Erwachsene sich im Umgang mit Kindern überfordert zeigen. Anfangs hatte ich erstaunt diagnostiziert, dass sie in eine Partnerschaft zu den Kindern gerutscht waren; dann kamen die ersten Fälle der Projektion, in der sich bei Erwachsenen alles darum drehte, dass ihre Kinder sie orientieren und ihnen Liebe schenken sollten. Später kippte das Bild und die Symbiose wurde in meiner Praxis zum „Normalfall“.

Was wir nicht mehr aufhalten können: Manche der seit 1995 in gestörten Eltern-Kind-Beziehungen aufgewachsenen Kinder sind nun schon selbst Eltern geworden – das Problem nicht entwickelter Kinder potenziert sich damit. Denn Erwachsene, die eigentlich Kleinkinder sind, können keine guten Eltern sein. Wie auch? Sie sehen sich im Mittelpunkt und ihr Kind ist dazu da, ihre Bedürfnisse zu erfüllen.

Wenn wir eine Zukunft mit gesund entwickelten Kindern verwirklichen wollen, brauchen die Erwachsenen wieder Zugang zu ihrer Intuition. Solange sie nicht über diese verfügen, werden weitere Generationen von Kindern heranwachsen, die sich nicht entwickeln dürfen und können.

Dazu brauchen wir innere Ruhe und Gelassenheit. Um wieder in Ruhe zu kommen, müssen wir vor allem mit den gesellschaftlichen Umbrüchen klarkommen, die die digitale Revolution ausgelöst hat. Keine Frage: Wir werden lernen, Laptop und Smartphone sinnvoll einzusetzen und Nutzen aus diesen großartigen Geräten zu ziehen.

Statt uns zu überfordern, werden sie unseren Alltag noch einfacher machen. Je schneller diese Entwicklung vorangeht, desto besser. Denn dann ist der Weg frei, dass wir wieder in uns ruhen und abgegrenzt sind. Wir können uns wieder auf die Bedürfnisse der Kinder einstellen und ihnen eine wirkliche Kindheit schenken.

Wie schaffen wir das? Unsere wunderbare, einzigartige menschliche Psyche macht es möglich, dass Eltern mit nur einem Waldspaziergang den ersten Schritt hinaus aus einer so schwerwiegenden Beziehungsstörung wie der Symbiose finden. Ist der Bann einmal gebrochen, können die Erwachsenen mit der Arbeit beginnen, die Kinder nach und nach auf den ihrem Alter entsprechenden Stand ihrer Psyche zu entwickeln.

Genauso simpel ist für Erwachsene die folgende Möglichkeit, wieder heraus aus der Überforderung und der diffusen Angst zu finden: einfach mal Laptop, Tablet und Smartphone ausgeschaltet lassen. Mit der gewonnenen Zeit und Ruhe kommen Eltern, Großeltern und Lehrer wieder in Kontakt mit sich selbst und dann auch mit den Kindern. Sie können sie ganzheitlich als Kinder wahrnehmen – und damit wieder spüren, was für ein Glück Kinder sind: Kinder machen glücklich und stiften Lebenssinn.

Was für eine Freude, sie auf ihrem Weg ins Erwachsenenleben begleiten zu dürfen!

Mehr zu den Büchern von Dr. Michael Winterhoff finden Sie hier: https://www.randomhouse.de/Michael-Winter- hoff-Lasst-Kinder-wieder-Kinder-sein/Die-Bue- cher/aid28921_6170.rhd

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