Kommt der „Krieg der Generationen“?

Agentur Schweiz. Stiftung für die Familie Nr. 26/02 vom 18. Juni 2002

Die dramatisch schrumpfende Bevölkerung in Deutschland wird möglicherweise zum grössten

innenpolitischen Problem des 21. Jahrhunderts. "Es ist fünf Minuten nach zwölf", sagt die bayerische Familienministerin Christa Stewens (CSU). Bei einem hochkarätig besetzten Kongress in Berlin machten Wissenschaftler darauf aufmerksam, dass mit dem Ausbleiben von Kindern auch das gefährdet ist, was dem modernen Menschen am allerwichtigsten scheint: der Wohlstand.

Das Problem stellt sich, wenn auch etwas weniger dringend, auch in der Schweiz.
(SSF/ idea) Der Kongress "Demographie und Wohlstand", der vom Koordinationskreis Familien und Gesellschaft veranstaltet wurde, machte vom 12. – 13. Juni auf beunruhigende Fakten aufmerksam: Zum Erhalt eines Volkes bei einer konstanten Grösse muss eine Frau im Durchschnitt 2,1 Kinder gebären. In Deutschland liegt dieser Wert bei 1,3. In den vergangenen 20 Jahren ist die Zahl der Deutschen bereits um rund vier Millionen geschrumpft.

Die sich daraus ergebenden Probleme treffen fast alle Lebensbereiche. Vor allem Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung müssen an diesem Negativtrend kaputtgehen. Denn sie sind umlagefinanziert. Das bedeutet: Wer heute Versicherungsbeiträge einzahlt, finanziert damit die Bedürfnisse der Rentner, Kranken und Pflegebedürftigen von heute. Was er einmal an Leistungen erwarten darf, wenn er später selbst alt, krank und pflegebedürftig ist, hängt davon ab, was die kommende Generation erwirtschaftet. Wenn die aber schrumpft, wird sie fast zwangsläufig auch weniger erwirtschaften können. Die Prognose der Bevölkerungswissenschaft:

Wenn die Deutschen nicht mehr Kinder kriegen, wird ihre Zahl bis zur Jahrhundertmitte bei 60 Millionen, bis Ende des Jahrhunderts bei etwas über 30 Millionen liegen. Auch in der Schweiz wird sich die Schere zwischen erwerbstätiger Bevölkerung und alten Menschen laut Prognosen der amtlichen Statistik schon bis 2050 dramatisch öffnen.

Zuwanderung ist keine Lösung

Nicht nur das Sozialsystem, sondern auch die Wirtschaft muss bei dieser Entwicklung erodieren. Zu diesem Ergebnis kommt Gérard-Francois Dumont von der Pariser Universität Sorbonne. "Die Geschichte zeigt: Bei zurückgehender Bevölkerung hat es noch nie einen wirtschaftlichen Aufschwung gegeben." Er hoffe nicht, dass die zu erwartenden Verteilungskämpfe zwischen jungen und alten Menschen zu einem "Krieg der Generationen" führen, sagte Dumont.

Als Irrweg betrachteten es die meisten Referenten, das Geburtendefizit durch die Zuwanderung von Ausländern ausgleichen zu wollen. Deutschlands bekanntester Bevölkerungswissenschaftler, Herwig Birg (Bielefeld), nennt mehrere Gründe: Einwanderer bringen in wirtschaftlicher Sicht weniger als Einheimische. Ihre Arbeitslosenquote ist fast in allen EU-Ländern mehr als doppelt so hoch; sie sind meistens auch schlechter ausgebildet. Ihre Kinder haben aus sprachlichen Gründen ebenfalls Schwierigkeiten, bildungsmässig Anschluss zu finden.

Dazu kommt, dass gerade Zuwanderer dazu neigen, nur wenige Kinder zu haben – das demographische Problem wird also nur verschoben. "Es spricht alles dafür, auf Geburten statt auf Zuwanderung zu setzen", argumentiert deshalb Herwig Birg.

Gegen die Rekrutierung gut ausgebildeter Fachkräfte aus Entwicklungsländern spreche auch, dass diese Länder damit ihre besten Leute verlören und geistig verarmten. "Es wäre eine moralisch durch nichts zu rechtfertigende Strategie, wenn die reichen Länder auf Dauer ihre demographischen Defizite auf Kosten der armen ausgleichen und mit den Mitteln der Migrationspolitik eine Art demographischen Kolonialismus etablieren würden."

An diesem Punkt kritisierte er die Vertreter der Kirchen in der so genannten Süssmuth-Kommission, in der das Zuwanderungsgesetz vorbereitet wurde. Sie hätten nicht gegen diese Form der Ausbeutung von Entwicklungsländern das Wort ergriffen.

Wer keine Kinder hat …

Wie aber können Paare dazu motiviert werden, wieder mehr Kinder zu bekommen? Der Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn (München), machte deutlich, dass die Entscheidung für Kinder nicht zuletzt von wirtschaftlichen Impulsen beeinflusst werde.

Die DDR habe 1974 ein Familienprogramm aufgelegt, das beispielsweise mit der Geburt eines Kindes die Zuweisung einer Wohnung verband. Dieser Regelung folgte ein deutlicher Anstieg der Geburtenzahlen. Schädlich auf das Ja zum Kind hat sich nach Sinns Beobachtung die Einführung sozialer Sicherungssysteme ausgewirkt. Früher musste man Nachwuchs zeugen, um bei Krankheit und im Alter abgesichert zu sein.

Seit der Einführung von Rente und Krankenversicherung hätten die Menschen von Generation zu Generation gelernt, man könne auch ohne Kinder ein attraktives Leben führen. Viele Menschen hätten das Prinzip der Umlagefinanzierung gar nicht verstanden. "Wer keine Kinder hat, hat auch keinen Beitrag zur eigenen Rente geleistet", betonte Sinn.
Einzahlungen in die Rentenversicherung würden ja von den derzeitigen Rentnern verbraucht. Er plädierte dafür, die Rente zu reformieren:

  • Die Normalrente sollte es erst ab drei Kindern geben.
  • Wer weniger hat, sollte Abschläge von bis zu 50 Prozent (bei Kinderlosen) in Kauf nehmen müssen.

    Flankiert würde das durch Pflichtersparnisse zur Sicherung der Normalrente, wie sie auf freiwilliger Basis jetzt durch die so genannte Riester-Rente eingeführt worden seien.

    Erziehungsgehalt gefordert

    Noch weiter geht der Vorschlag des früheren Bundesverfassungsrichters Paul Kirchhof (Heidelberg). Er fordert die Einführung eines Erziehungsgehaltes und bezeichnete es als einen "System- und Rechtsfehler", dass der sogenannte Generationenvertrag so tue, als ob Mütter nichts zu diesem Vertrag beitrügen, obwohl sie die künftigen Beitragszahler aufzögen. In der Politik sieht Kirchhof nach wie vor erhebliche Defizite. So sei die steuerliche Freistellung des Existenzminimums für Kinder ein "bis heute unerfüllter Verfassungsauftrag".

    Der Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Gary Becker (Chicago) wies darauf hin, dass die moderne Wirtschaft in erster Linie auf das Wissen und die Ausbildung ihrer Arbeitskräfte angewiesen sei. Um diese zu erreichen, komme der Familie eine Schlüsselrolle zu.

    Für problematisch hält Becker das frühe Rentenalter in den EU-Staaten. Dabei werde "Humankapital" vernichtet, weil mit dem Ausstieg aus dem Erwerbsleben auch die Berufserfahrung und viel Fachwissen verlorengingen. In den USA bewege man sich derzeit auf ein Rentenalter von 68 zu.

    Kinder früh weggeben?

    Scharfe Kritik wurde von mehreren Seiten daran geübt, dass von Politikern verschiedener Couleur ausschliesslich die ausserhäusliche Betreuung von Kindern gefordert und gefördert werde. "Parteien hoffen auf mehr Stimmen, wenn sie Eltern versprechen, ihnen die Kinder abzunehmen", sagte der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus.

    Ulrike Horn, Pressesprecherin des Verbandes der Familienfrauen und -männer, warnte vor einer falschen Professionalisierung der Kinderbetreuung insbesondere der unter Dreijährigen. Während Babys und Kleinkinder von ihren Müttern in der Regel fast ungeteilte Aufmerksamkeit bekämen, müssten sie in der Kinderkrippe um Aufmerksamkeit kämpfen. Das könne sich negativ auf ihr Selbstwertgefühl auswirken.

    Umfrage: Mütter wollen bei Kindern bleiben

    Der Karlsruher Landrat Claus Kretz informierte über eine Umfrage, die im März in seinem Landkreis durchgeführt worden war. Darin sprachen sich zwei Drittel der Befragten gegen eine Unterbringung von unter Dreijährigen in Kinderkrippen aus. 80 Prozent der berufstätigen Mütter sagten, sie würden bei ihren Kindern bleiben, wenn sie eine monatliche finanzielle Unterstützung von vorgeschlagenen 450 Euro bekämen.

    Auch das spricht nach Kretz" Einschätzung gegen die frühe ausserhäusliche Betreuung. 1990 hätten viele in Deutschland das DDR-Krippensystem gegeisselt. "Heute sind wir drauf und dran, dasselbe zu tun."
    Der Berliner Kongress macht klar: Wir brauchen eine Wende in der Familien- und Bevölkerungspolitik – und zwar schnell, da sich ein Geburtenplus erst langfristig auf die Zahl der Erwerbstätigen und Beitragszahler auswirkt. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) sagte zu Recht, es habe keinen Sinn, die Weichen zu stellen, wenn der Zug bereits vorbeigefahren ist.

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