Fh Ausgabe 4/2004: Arlie Russell Hochschild: „Keine Zeit“

Arlie Russell Hochschild

"Keine Zeit" – Wenn die Firma zum Zuhause wird und zu Hause nur Arbeit wartet

Wenn die Firma zum Zuhause wird
und Zu Hause nur Arbeit wartet

Leske und Budrich, Opladen, 2002
18 Euro; ISBN 3-8100-3620-X
"Wir brauchen mehr Kinderhorte. Am besten von der achten Lebenswoche an und von sieben bis 19 Uhr – dann können die Frauen Familie und Beruf vereinbaren und alle sind glücklich!" Auf diese Kurzformel kann man bringen, was derzeit zum Thema Kinder und Familie durch die Medien und die politischen Diskussionen geistert. Ob das wohl wahr ist?

Wer die soziologische Studie "Keine Zeit" von Arlie Russell Hochschild liest, dem kommen Zweifel. Hochschild hat in den neunziger Jahren in Amerika die Mitarbeiter eines vorbildlichen, familienfreundlichen Unternehmens befragt. Sie nennt es Amerco. Es bietet Elternzeiten und flexible Arbeitszeiten. Drei Sommer lang hat die Professorin der University of California in Berkeley die Angestellten von Amerco befragt und dabei mit Managern, Bandarbeiterinnen, Gewerkschaftern und Angestellten gesprochen, sie an ihrem Arbeitsplatz und zu Hause in ihren Familien beobachtet.

Sie berichtet von Menschen, denen laut ihrer eigenen Aussage nichts wichtiger ist, als Zeit mit denen zu verbringen, die sie lieben und doch lesen wir auf rund 300 Seiten Erstaunliches: Statt dankbar die Arbeitszeit zu reduzieren und sich in Ruhe nach einem Sechs-Stunden-Tag der Familie zu widmen, übertrumpfen sich die 130 Männer und Frauen, die Hochschild für ihre Studie befragt hat, gegenseitig darin, wer länger von zu Hause wegbleibt.

Der chaotische Familien-Ess-Tisch zu Hause, das nervtötende Hin und Her zwischen Wohnort und Kinderbetreuungseinrichtung, das Krisenmanagement, wenn ein Kind unvorhergesehen krank wird – wo für Familie nur die Abendstunden bleiben, da wird sie zum chaotischen Arbeitsplatz, an dem sich Männer wie Frauen einfach nur überfordert und ausgenutzt fühlen.

Das, wofür es sich wirklich zu leben lohnt, scheint die Erwerbstätigkeit zu sein. Bestärkung und Zuwendung kommen von den Arbeitskollegen und nicht vom Lebenspartner, der zu Hause als Konkurrent empfunden wird um die Zeit, die man außer Haus bei der Erwerbsarbeit zubringen darf und der sich vor der zweiten "Schicht" in Haushalt und Familie drückt. Und doch ist in den Köpfen das Bild von der Familie übermächtig, das schlechte Gewissen allgegenwärtig und das Wunschbild von gemütlich miteinander verbrachten Spiel- und Entspanntagen bei jedem lebendig.

Und so hetzen die Menschen durch ihr Leben in dem Gefühl, es sei nicht das "richtige" Leben, nicht das, das sie eigentlich wollten. Sieht so Deutschlands Zukunft aus? Ich habe mich schon so oft gefragt, wie ich das wohl schaffen würde wenn ich neben meinen drei Kinder noch erwerbstätig sein wollte. Dieses Buch hat mich wie kein anderes von vielen Selbstzweifeln befreit. Jawoll, ich habe nur einen geringen Rentenanspruch und bin finanziell von meinem Mann abhängig. Jawoll, wir müssen mit dem Geld auskommen, das mein Mann verdient – aber ich lebe mit meiner Familie in einem "Zeit-Schloss" in dem ständig große und kleine Freunde ein und aus gehen. Welch ein Glück!
Sabine Allmenröder

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