Familie im Hamsterrad – Wie lange hält sie das (noch) durch?

Text von Sonja Treu in der fh 4/2020

Beim Einkauf in der Innenstadt bleibt ein kleiner Junge vor einem Schaufenster stehen und betrachtet die dort aufgebaute Eisenbahn. Er möchte sie unbedingt seiner Mutter zeigen, aber da die Mutter noch sehr viel zu erledigen hat, antwortet sie schon im Vorbeigehen: „Wir haben jetzt keine Zeit dafür, wir müssen weiter“! Das Kind eilt mit enttäuschtem Blick hinterher.

Familienleben im Wandel

Während vor einigen Jahren die Mutter noch zu Hause war und sich um die Kindererziehung, den Haushalt und das Familienleben kümmerte, bekommt man heute das Gefühl, dass durch den Druck von der Gesellschaft und einseitig verstandener Frauenemanzipation das kostbare Familienleben immer weiter verlorengeht. Selten bleibt noch Zeit für ein gemeinsames Frühstück morgens mit der ganzen Familie oder für gemeinsame Aktivitäten. Der gesamte Tag ist durchstrukturiert, damit jedes Familienmitglied seinen Zeitplan einhalten kann. Der Druck der immer schnelllebigeren Gesellschaft wirkt sich auf die gesamte Familie aus. Wer hat noch Zeit übrig? Stattdessen ist es eher so, dass 24 Stunden an einem Tag nicht ausreichen, um allen Anforderungen gerecht zu werden: Die Kinder müssen zur Kita oder Schule gebracht werden. Der Mann als Hauptverdiener hat bereits vor allen anderen das Haus verlassen. Die Mutter trägt durch Teilzeit-Erwerbstätigkeit ebenfalls zum finanziellen Hintergrund bei. Hausaufgaben, Haushaltsplanung und -führung und nebenbei sind die Kinder noch zu den verschiedensten Freizeitaktivitäten zu bringen: Der normale Familienalltag ist zum Leistungsmarathon für alle Beteiligten geworden. Kaum darstellbar ist die Vollerwerbstätigkeit beider Eltern, wie sie politisch propagiert wird. Und die Alleinerziehenden stehen ohnehin im Regen.

Zeit für die Kinder

Zeit für die Kinder zu haben geschieht meist nur noch zwischen Tür und Angel. Kaum noch haben Eltern Zeit sich mit ihren Kindern bewusst auseinanderzusetzen. Es muss alles schnell gehen, egal ob es morgens beim Frühstück ist oder mittags, wo jeder zu verschiedenen Uhrzeiten nach Hause kommt. Sogar abends fehlt die Zeit, um gemeinsam zusammenzusitzen. Die Eltern stehen ständig unter Strom, um verständlicherweise ihren Kindern das Bestmögliche zu bieten. Zusätzlich wollen sie auch „sich selbst verwirklichen“, um in dieser Gesellschaft bestehen zu können. Es vergeht kein Tag, an dem die Eltern ihre Kinder nicht mit dem Satz: „Ich habe gerade keine Zeit“ oder „Warte, ich muss Dies oder Jenes noch zuerst machen“ vertrösten. Entscheidet sich heute eine Mutter aus Überzeugung und Neigung für die „Rolle Mama“ ohne nebenbei noch erwerbstätig zu sein, das heißt: die Erziehung der Kinder selbst zu übernehmen, sich um den Haushalt zu kümmern und sich bewusst für das Familienleben zu engagieren, so ist sie in unserer Gesellschaft nicht angesehen und weniger wert als eine erwerbstätige Frau! Unsere Kinder lernen zum einen von klein auf, dass man als Erwachsener nie Zeit hat. Zum anderen müssen unsere Kinder immer noch früher selbstständiger werden, da für die Erwachsenen alle anderen Dinge wichtiger erscheinen als sie zu begleiten. Dies geht an den Kindern nicht spurlos vorbei und selbst an den Eltern nicht. Sie plagt das schlechte Gewissen.

Tagesordnung Massenkonsum

Die meisten Kinderzimmer sind vollgestopft mit allen möglichen Spielsachen. Hin und wieder könnte man meinen, ein einzelnes Kind habe mehr Spielsachen zur Verfügung als ein gesamter Kindergarten. In früheren Zeiten gab es das in diesem Ausmaß nicht, sicherlich weil das Angebot nicht vorhanden war, aber auch weil man den Wert nicht auf die materiellen Dinge gelegt hat, wie es heute der Fall ist. Eltern möchten ihren Kindern alles ermöglichen und sämtliche Wünsche erfüllen, da die Eltern so auch in geringem Maße ihr schlechtes Gewissen wegen der fehlenden Zeit beruhigen können. Wer möchte denn auch nicht ein wunschlos glückliches Kind zu Hause haben, wenn schon die Zeit fehlt, um sie mit den Kindern zu verbringen? Bei unseren Kindern herrscht mittlerweile das ganze Jahr Weihnachten! Fragt man Kinder in einer Kindertagesstätte, wissen die meisten nicht einmal, was sie sich zum Geburtstag noch wünschen sollen. Ist es jedoch wirklich von Vorteil für uns und unsere Kinder, wenn der Konsum ins Unermesslich steigt, nur damit unsere Familie in unserer Überflussgesellschaft in nichts nachsteht und anerkannt wird? Und wenn das Ganze noch zu Lasten der Zeit geht, die man eigentlich mit der Familie verbringen sollte?

Auswirkungen aufs Familienleben

Zur Normalität jeder Familie gehören heute Fernseher, Laptop, Tablet und Co. Jeder in der Familie hat Zugriff darauf und selbst schon die Allerkleinsten werden hin und wieder vor dem Fernseher geparkt oder mit dem Tablet bespaßt. In welcher Familie werden noch Gespräche geführt? Nicht einmal mehr beim gemeinsamen Essen geschieht dies, falls es überhaupt noch dazu kommt, da Eltern sowie auch Kinder entweder in den Fernseher oder auf das Handy schauen. Oder weil der nächste Termin schon wieder ansteht, und man nur schnell etwas runterschlingt. Das Essen kommt heute meist vom Imbiss um die Ecke oder es werden Fertiggerichte aufgetischt. Für eine ausgewogene und gesund zubereitete Speise mangelt es an der Zeit. Wofür haben wir generell noch Zeit außer zum Arbeiten? Die Kommunikation in Familien bleibt komplett auf der Strecke, da jeder seinen eigenen Weg suchen muss, um in dieser Gesellschaft seinen Platz zu behaupten. Die Eltern sind dauergestresst und haben weder Zeit noch Nerven, um mit den Kindern minutenlang einen Regenbogen zu betrachten, um den Marienkäfer zu beobachten, ein Gesellschaftsspiel zu spielen. Ebensowenig haben Eltern Zeit, um Kindern ausführlich zu erklären, warum etwas so ist wie es eben ist.

Beziehungsverhalten in Familien

Die fehlende Zeit wirkt sich nicht zuletzt negativ auf das gesamte Beziehungsverhalten in der Familie aus. Jeder geht seinen eigenen Weg. Jeder macht alles für sich und mit sich allein aus. Und gerade die Kinder, die von zuhause sehr früh auf sich selbst gestellt sind, werden früher oder später ausbrechen. Schon früh in der Pubertät haben die Eltern nichts mehr zu melden. Hilflos sind sie der kaltschnäuzigen Aufsäßigkeit ihrer Kinder ausgeliefert. Der Massenkonsum und die gut gemeinte Überhäufung mit Geschenken der Eltern sind für die Kinder anfangs selbstverständlich großartig, aber was nützt einem Kind zum Beispiel ein eigenes Tablet oder ein eigener Fernseher im Zimmer? Dadurch wird es nicht lernen mit anderen zu kommunizieren. Gerade Kinder, die im Kleinstalter viel Medienkonsum hatten, weisen da mehr Defizite auf als Kinder, welche diesen Konsum nicht hatten. Dasselbe betrifft auch die Eltern, wenn jeder nur noch seinen eigenen Weg geht und eine Kommunikation kaum noch stattfinden kann bzw. sich nur noch darum dreht, wer wann die Kinder wohin fährt. Wenn nur noch Diskussionen geführt werden sei es, um finanzielle Dinge oder wessen Arbeit mehr von Bedeutung sei, so ist diese Familie sehr wahrscheinlich früher oder später zum Scheitern verurteilt.

Quality-Time

Dieser Begriff wurde von den Verfechtern der Vereinbarkeit von Beruf und Familie „erfunden“. Sie gehen davon aus, dass die untertags den Kindern und der Familie vorenthaltene Zeit am Abend nachgeholt werden könne. Wieviel wiegen denn schon die Sorgen, die unsere Kinder tagsüber haben, als dass sie nicht bis zum Abend warten könnten?! Mobbing in der Schule, Streit mit der besten Freundin, die Verlustangst eines Krippenkindes, weil die Mama nicht da ist! Familienzeit in Häppchen soll die Lösung sein für alle großen und kleinen Probleme! Viele Familien beklagen sich, zu wenig Zeit miteinander zu haben. Aber was bedeutet es, miteinander Zeit zu haben? Gemeinsame Zeit geschieht nicht einfach so nebenbei, man muss sich bewusst Zeit füreinander nehmen, und dann muss hier auch gar nichts Weltbewegendes geschehen. Bewusst als Familie den Wocheneinkauf gemeinsam machen, gemeinsam kochen, gemeinsam spielen, gemeinsam ein Buch lesen oder einen Spaziergang mit der ganzen Familie genießen – nicht auf die schnelle Art und Weise, sondern sich darauf einlassen ohne einen Gedanken an etwas, das noch erledigt werden sollte. Es sind die alltäglichen kleinen Dinge, die man zu etwas Besonderem machen kann. Gerade für unsere Kinder sind diese gemeinsamen Zeiten als Familie von großer Bedeutung. Sie geben ihnen das Gefühl, dass man sich für sie interessiert, sie wertschätzt und dass sie nicht im Wege stehen, in einer großen, immer anonymer werdenden Gesellschaft. Diese Wertschätzung und Hilfe gibt Stabilität für das ganze Leben. Es liegt allein an uns Eltern, ob wir uns weiterhin darauf berufen „keine Zeit“ zu haben, da die Gesellschaft dies so vorgibt und andere Dinge für uns in diesem Moment wichtiger erscheinen, oder ob wir uns für unsere Kinder die Zeit nehmen. Unsere Kinder sind nur einmal Kinder, und diese kostbare Zeit mit ihnen wird nie wiederkommen!

1 Die Autorin ist staatlich anerkannte Erzieherin

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