Familiär und kulturell entwurzelt

Headerbild-Rentenkonzept

 

von Dr. Martin Voigt in der fh 2/2021

In a world where you can be anything.. BE YOURSELF ♥ – schreibt eine 16-Jährige unter ihr neues Selfie. Sie lächelt auf dem Bild, die Augen strahlen und ihr leicht zur Seite geneigtes Gesicht wird von langen, geglätteten Haaren umrahmt, die ihr bis ins Dekolleté fallen. Die Wahl des Spruchs und die Art der Bildgestaltung unterscheiden sie nicht von den Inszenierungen junger Frauen in den sozialen Medien, doch sie selbst empfindet ihre Selbstdarstellung als individuelles und authentisches HERSELF.

Was ist individuell, was authentisch? Es braucht den Begriff der ‚Bindung‘, um klarer zu sehen. Soziologische Theorien sprechen von einem aktiven Prozess der Identitätskonstruktion – Stichwort: Individualisierung. In der Postmoderne soll durch die Auflösung traditioneller Bindungen (Familie, Ehe) und gesellschaftlicher Strukturen (Religion, Beruf, soziale Schicht, Wohnsitz) erstmals eine freie Gestaltung der Identität möglich geworden sein. Vermeintlich eigene Lebensentwürfe werden zu neuen sinnstiftenden Instanzen.

Doch ähnlich wie in vergangenen Epochen werden heute immer noch vorgefertigte soziale Rollen und standardisierte Selbstbilder übernommen und in einem Kombinationsprozess zu einer Identität zusammengefügt, die nun jedoch als selbstbestimmt empfunden wird. Dass die Auswahl an solchen Identitätsbausteinen größer wird und theoretisch jeder sein und werden kann, was er möchte, bedeutet nur an der Oberfläche mehr Freiheiten und Chancen. Denn durch die Aufhebung der als einengend empfundenen Strukturen entstand eine Unsicherheit, die das Individuum oszillieren lässt zwischen den schier unbegrenzten Möglichkeiten der freien Entfaltung.

Dem Leben vor der Aufklärung fehlten diese schillernden Horizonte. Es erscheint uns als intellektuell beschränkt: Gebunden an die Familie, gefangen in der Zunft der Väter, gefügt in vorgegebene Geschlechterrollen, unterdrückt von Staat und Kirche.

Die Grenzen waren eng gefasst und wurden zu Recht gelockert, doch die inzwischen nahezu vollständig gesprengten Bande werden durch neurotische Zwänge ersetzt. Die Abkehr von allem, was Grenzen setzt, führt zu einem Verlust an Sicherheit, auf die das sich ausprobierende Individuum zurückfallen kann, falls der Lebensentwurf schief geht. Wenn Ungebundenheit zur Maxime erhoben und mit Freiheit gleichgesetzt wird, können Einsamkeit, Orientierungslosigkeit und bohrende Sinnfragen zu düsteren Wolken am grenzenlosen Horizont werden. Der postmoderne, auf sich selbst zurückgeworfene Mensch ist wie ein freies Radikal – immer auf der Suche nach Bindung. Die Identitäts- und Sinnsuche kann zu einem lebenslangen Aushandlungsprozess in einer stets pluralistischer werdenden Gesellschaft werden. Wann bin ich angekommen, wo wirklich angenommen?

Langsam findet eine Rückbesinnung auf bindende Werte statt, die dem außer Rand und Band geratenen Leben wieder Führung und Sinn verleihen: Selbstvertrauen und individuelle Entfaltung werden durch die Sicherheit einer verlässlichen Bindung erst ermöglicht. Die entscheidende Bindung im Leben ist die zwischen Mutter und Kind. Das besonders in den ersten Lebensmonaten gefasste Urvertrauen stabilisiert das weitere Leben. Die emotionale Verwurzelung des heranwachsenden Kindes in seiner Kernfamilie bietet jene Geborgenheit, die später für eine freie und selbstbestimmte Identitätsbildung unabdinglich ist. Die ersten Lebensjahre im Besonderen aber auch die Jahre danach bis in die Pubertät entscheiden darüber, ob der zukünftige Erwachsene einmal die Kraft innerer Ruhe ausstrahlen wird, oder ob er sich zwanghaft und selbstbezogen über einen Ersatz zur mangelhaften Mutterliebe definieren muss.

Das familienpolitische Ziel ist ein anderes: Volle Fahrt in Richtung Neurose. Kinder wachsen immer seltener in geordneten Familienverhältnissen auf und sie werden immer mehr aus ihren Familien gelöst und in schulischen Gleichaltrigengruppen neu sozialisiert. Der flächendeckende Ausbau von Kinderkrippen und Ganztagsschulen hat zum Ziel, Mütter schnell und dauerhaft ins Erwerbsleben zurück zu holen und „modernen gesellschaftlichen Anforderungen“ gerecht zu werden. Kinder sollen von klein auf ganztags kollektiviert aufbewahrt werden.

Die linken Geister, die heute mehr Betreuungsangebote schaffen, haben gestern an den finanziellen Stellschrauben gedreht, die es einem Vater unmöglich machen, als Alleinverdiener für seine Familie zu sorgen. Gleichzeitig haben sie die Rolle der Hausfrau und Mutter der Lächerlichkeit preisgegeben. Beides ein Novum in der Menschheitsgeschichte. Dazu zwei historisch relevante Zitate:

Wir heben die trautesten Verhältnisse auf, indem wir an die Stelle der häuslichen Erziehung die gesellschaftliche setzen (Marx, Kommunistisches Manifest).

SPD-Generalsekretär Olaf Scholz hat angekündigt, die Regierung wolle mit einem Ausbau der Ganztagsbetreuung eine „kulturelle Revolution“ erreichen. Für die Zukunft Deutschlands sei es wichtig, den Rückstand an Ganztagsschulen im Vergleich zu anderen europäischen Län- dern aufzuholen, sagte Scholz am Sonntag im Deutschlandfunk. Die SPD wolle „die Lufthoheit über den Kinderbetten erobern“ (FAZ vom 04.11.2002, Nr. 256, S. 1).

Solcherlei „kulturelle Revolutionen“ verfolgen stets das Ziel, die traditionelle Familie und damit die Mutter-Kind-Bindung zu schwächen, um Kinder nach ihrem Menschenbild prägen zu können. Die geistigen Erben von Marx und Engels sprengten familiäre Bande und spielten Mann und Frau gegeneinander aus. Aus Ehemännern und -frauen wurden Lebensabschnittspartner und von Kindern hört man immer öfter: „Am Wochenende besuche ich meinen Papa.“ Unsere Kultur dreht sich wie ein Schwungrad noch etwas weiter, auch wenn bald jede zweite Ehe geschieden und fast jedes Baby, das geboren und nicht abgetrieben wird, von der KiTa bis zum Abi staatlich betreut wird. Die Bindungsfähigkeit als emotionaler Kitt unserer Kultur erodiert aber weiter, wenn die traditionelle Familie nicht neue Wertschätzung erfährt. Seelisch entwurzelte Kinder, die in ihren Selbstverwirklichungs-Manien und in einer scheinbar vielfältigen und für alles offenen Gesellschaft gefangen sind, können das Schwungrad kaum aus eigener Kraft zum Laufen bringen. Wie sollten auch aus einer Scheidungs- und Institutionenkindheit heraus neue Herzenswärme im Umgang mit eigenen Kindern entstehen?

In der egozentrischen Sinnsuche äußern sich narzisstische Defizite, also die unbefriedigte Sehnsucht nach stabiler Bindung. Der unsicher gebundene Mensch ist politisch lenkbar und in gewissem Maße arbeitswillig, aber kaum in der Lage, den höheren Sinn seiner Verantwortung für Familie und Gemeinschaft zu erfassen. Dem familiär und kulturell Entwurzelten fehlt der generative Aspekt in seiner Selbstwahrnehmung und folglich reagiert er mit Gleichgültigkeit, sofern nicht seine unmittelbaren Kreise gestört sind. Artikel wie dieser hier, die zum wiederholten Male Altbekanntes für einen kleinen Kreis bereits überzeugter Leser aufbereiten, werden kaum dazu beitragen, die emotionale Situation in den Familien wieder zu stabilisieren. Die Renaissance der Familie braucht unsererseits nicht nur Worte sondern auch entschlossenes Handeln auf neuen Wegen. Ein Ziel kann es sein, die Initiative Erziehungsgehalt weiter zu forcieren und etwa aktuelle Musterklagen tatkräftig zu unterstützen.

Dr. Martin Voigt ist Sprachwissenschaftler und Journalist 

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