Die Soziale Marktwirtschaft – neu interpretiert – Ausgabe 2006/2

Ein Beitrag von Hans Ludwig

Der nachfolgende Text beleuchtet die Publikation "Jenseits von Kommunitarismus und Neoliberalismus – eine Neuinterpretation der Sozialen Marktwirtschaft" von Andreas Renner.1

Die am Walter Eucken Institut in Freiburg vorgelegte Dissertation nimmt begriffliche Klärungen vor und ordnet die verschiedenen Ursprünge und Hauptrichtungen in eine überschaubare Struktur. Dabei ist für den aufmerksamen Leser/die aufmerksame Leserin angesichts der tagespolitischen Diskussionen um Globalisierung und Neo-Liberalismus erhellend, dass sich die Begründer des Ordo-Liberalismus (den sie selbst nicht so nannten) als Neo-Liberale verstanden. Damit wollten sie sich gegenüber dem alten Laissez-faire-Liberalismus nicht nur absetzen, sondern eine Gegenbewegung dazu begründen.

Zwei Dinge versuchten sie miteinander zu vereinen: Das Vertrauen auf die Freiheit der Märkte und die Einsicht, dass diese Freiheit einer umfassenden Politik bedarf, die das Feld der wirtschaftlichen Freiheit wie ein Spielfeld streng absteckt, ihre Bedingungen – sozusagen die Spielregeln – sorgfältig bestimmt und mit unparteiischer Strenge für die Respektierung dieses Rahmens der Marktwirtschaft (des Spielfeldes wie der Spielregeln) sorgt.2

Das entscheidende Kriterium, durch das sich der Ordo-Liberalismus von anderen Strömungen verlässlich abgrenzen lässt, ist das des "Primats der Rahmenordnung". Seine Begründer wollten den Primat der Politik, des Staates, wiederherstellen und zugleich auf die Felder "Absteckung des Spielfeldes" und "Bestimmung der Spielregeln" begrenzen.

Vor diesem Hintergrund werden verschiedene Kritikpunkte um das Konzept referiert und diskutiert, so der Vorwurf, er sei eine "Neoliberale Utopie", die einerseits einen funktionsfähigen Markt oder Wettbewerb voraussetze, andererseits dem Markt das entscheidende Sagen überlässt und die Subjektstellung des Menschen ignoriere.3 In der ordo-liberalen Konzeption werde die Wirtschaft über den Menschen gestellt, die Konzeption beruhe auf einem mechanistischen Weltbild, bei dem der Markt metaphysisch überhöht werde. "Wenn der Markt herrschen soll, dann darf man sich auch nicht weigern, sich ihm anzupassen".4 Oder die Frage, wieweit bei diesem Konzept die Produktion und Verteilung von Sozialkapital, die außerhalb des Marktes geschieht, angemessen berücksichtigt wird.5

Ein zweiter Argumentationsstrang wird deutlich: Es liegt der Arbeit ein Verständnis von ökonomie als Methode zugrunde, die in allen Lebensbereichen relevant ist. Im Gegensatz dazu haben wir im Alltagswissen und auch im soziologischen Denken der Gegenwart eine Tendenz, ökonomie als ausschließlich auf den Bereich "Wirtschaft" bezogen zu denken, womit die marktvermittelte Warenproduktion gemeint ist. Diesem "Sektor" werden dann ganz bestimmte, eher negativ besetzte Verhaltensweisen und Normen zugeschrieben wie Profitstreben, Egoismus, Ellbogenmentalität. So erscheint dann z.B. die Idee, Familienarbeit materiell zu entlohnen, als eine "Pervertierung von Liebe", als die "Monetarisierung der Haus- und Familienarbeit, die den Tendenzen in der Gesellschaft zuwiderlaufe, die die Eindimensionalität eines allein an Erwerbsarbeit orientierten Arbeitsbegriffs aufbrechen wollen"6.

Auch bei Walter Eucken scheint diese Sicht der Trennung zwischen Wirtschaft und Familienarbeit vorherrschend gewesen zu sein. Sonst versteht man nicht, warum Eucken in seinem grundlegenden Werk "Grundzüge der Nationalökonomie" zwischen den historisch vorfindlichen privaten Haushaltungen und den Haushalten der reinen Verkehrswirtschaft unterscheidet. Erstere sind nach ihm hocheffiziente Produktionssektoren unserer Volkswirtschaft, in letzteren dagegen wird kein Gut hergestellt, es wird weder gekocht, noch gewaschen, noch genäht. Alle Güter und Leistungen, welche die Haushalte brauchen, werden konsumreif aus Betrieben gekauft und im Haushalt lediglich verbraucht. So gehen sie dann auch in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung ein.

Obwohl er auch sieht, daß aus diesen Haushalten der Faktor Arbeit und die Sparsummen für die Sachkapitalbildung kommen, ordnet er ihnen keine eigenständigen Einkommensströme zu. Die Produktion der Haushalte, soweit es die Arbeitskraft angeht, wird offensichtlich noch naturhaftem Abstammungs- bzw. Vermehrungsverhalten der Menschen zugeordnet und bedarf keiner ökonomischen Betrachtung. "Kinder werden sie immer haben"7

Das wird auch deutlich, wenn ökonomen den Kern dieser Haushaltsarbeit beschreiben sollen. Hier ist dann die Rede von Familienmitgliedern, die im eigenen Garten Gemüse anbauen. Offensichtlich gibt es aber eine Scheu, von Schwangerschaft, Geburt, Versorgung eines Säuglings bis hin zu Erziehung und Pflege als auch ökonomischen Tätigkeiten zu sprechen, was selbst inzwischen dem Papst ohne Probleme von den Lippen kommt, wenn er davon spricht, dass die "Mutterschaft und all das, was sie an Mühen mit sich bringt, (…) auch eine ökonomische Anerkennung erhalten (muß), die wenigstens der anderer Arbeiten entspricht."8

Im Ergebnis votiert die ganze Arbeit, und das bleibt ihr Verdienst, für eine zweifache Ergänzung des Ordo-Liberalismus bzw. des ordo-liberalen Denkens, das nach wie vor als theoretische Grundlage einer "Sozialen Marktwirtschaft" zu gelten hat:
1) Ergänzung um die Makro-ökonomik. Die derzeit überwiegend neo-klassisch geprägte Wirtschaftspolitik, die Arbeitslosigkeit nicht eigentlich wahrnehmen kann, muss um die Keyns"sche Konjunkturproblematik und die heutige Strukturproblematik (Arbeitslosigkeit aufgrund der steigenden Arbeitsproduktivität, Entschwinden des Marktsektors) erweitert werden.
2) die "Black Box" (bisher nicht ökonomisch betrachtete produktive Arbeit in den Familienhaushalten) muß geöffnet, die dort sich vollziehenden Produktionsprozesse müssen sichtbar und in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung integriert werden.

Bei Renner klingt das dann mit Bezug auf Walter Eucken so: Eine klug durchdachte institutionelle Rahmenordnung ist mehr-dimensional; sie bringt wirtschaftliche, soziale und ökologische Ziele miteinander in Einklang. Soziale und ökologische Probleme, die eine Ergebniskorrektur nahelegen, weisen auf einen Korrekturbedarf der institutionellen Rahmenordnung hin.

Quellen
1) Renner, Andreas: Jenseits von Kommunitarismus und Neoliberalismus – eine Neuinterpretation der Sozialen Marktwirtschaft, Reihe: Connex, gesellschaftspolitische Studien, Band 2, Vektor Verlag, Grafschaft 2002, 452 Seiten, 22 Euro
2) Wilhelm Röpke
3) Oswald von Nell-Breuning und Edgar Nawroth
4) Walter Eucken
5) Peter Ulrich
6) aus einem wissenschaftlichen Gutachten der KAB Westdeutschland
7) Konrad Adenauer
8) Papst Johannes Paul II

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