Zum Muttertag 2006 – Mütter im Würdeverlust – Ausgabe 2006/2

Ein Beitrag von Gudrun Kattnig, Klagenfurt

Muttertag – seitdem ich vor neun Jahren zum ersten Mal Mutter wurde, sehe ich diesem Datum zunehmend mit gemischten Gefühlen entgegen. Die Ehrungen unserer drei kleinen Buben rühren mich. Den Ehrungen der Gesellschaft begegne ich mit Skepsis.
Ein Tag zu Ehren der Mütter. Welche Ehren?
Ich bin Vollzeitmutter, mein Mann der Alleinverdiener unserer Familie. Weil wir sehr gut wirtschaften müssen, ich mich aber bewusst entschieden habe, bei den Kindern zu sein, habe ich ausrechnen lassen, wie viel er – im Vergleich zu kinderlosen Erwerbstätigen – weniger an Steuern zahlt – sprich, wie viel sind Kinder dem fast kinderärmsten Land der Erde wert? Das Ergebnis erschüttert und sollte alle erschüttern:1
– Der Alleinverdienerabsetzbetrag beläuft sich auf 364 Euro netto.
– Die Bonuszahlung für das erste Kind beträgt 130 Euro
– für das zweite 175 Euro, für jedes weitere 220 Euro.

Prima. Sie denken vielleicht in der Woche? Nein, nein, weit gefehlt. Vielleicht monatliche Freibeträge. Wo denken Sie hin? Der Staat ist so großzügig, diese Freibeträge einmal im Jahr zu gewähren! Natürlich gibt es dankenswerter Weise Kinderbetreuungsgeld für Kleinkinder sowie die Familienbeihilfe und einen Mehrkindzuschlag ab dem dritten Kind – aber all das zusammen reicht bei nur einem (unteren) Familieneinkommen fürs Leben kaum aus.

Mit anderen Worten: Wirtschaftlich haben weder mein Mann und noch viel weniger ich als Mutter gut daran getan zu heiraten und Kinder zu bekommen. Es rechnet sich nicht. Es ist nicht nur so, dass es sich nicht rechnet – man muss schon fast geistig umnachtet sein, um sich auf diesen Deal einzulassen. Fragen Sie Ihre Nachbarinnen, fragen Sie Ihre Bekannten, warum sie kaum oder nur wenige Kinder haben. Die Antwort wird Sie überraschen: nicht, weil sie wenig Kinder wollten, sondern weil sie sie sich kaum leisten können, weil es kaum Anreize gibt, Kinder zu bekommen. Lebensraum ist teuer, Ausbildung ist teuer … Natürlich verhungert niemand in österreich, weil er zu viele Kinder hat – aber man wird wohl fragen dürfen, ob ein Land, das langsam zu vergreisen beginnt, kinderwilligen Ehepaaren nicht mehr Anreize geben könnte. Es ist eine große Ungerechtigkeit, die Frauen und Kindern geschieht. Und es ist ein bodenloses Unrecht, dass fast ausnahmslos kinderlose Erwerbstätige von unserem Steuersystem profitieren. Lebten wir in der dritten Welt – was könnte man sagen. Aber wir leben in einem der reichsten Länder der Erde. Und haben die fast niedrigste Geburtenrate der Welt.

Zu dem Armutsrisiko für Mütter kommt ein anderes, mindest gleichbedeutendes: eine Berufsmutter setzt sich einem Würdeverlust aus. Mutter sein zählt nicht viel. Ständig wird man gefragt, wann man wieder arbeiten wird und damit wird suggeriert – unsere Arbeit zu Hause an und mit der Familie zählt nicht. Der Fokus in der Politik liegt eindeutig auf Fremdbetreuung der Kinder. Mutter soll alles unter einen Hut bekommen: Beruf und Familie. Aus der Einfachbelastung wird dann häufig die Zwei- oder Dreifachbelastung. Es wird so dargestellt, als sei es ganz normal schon Kleinstkinder in Ganztagsbetreuungsplätze zu geben. Kinder sind aber eigenständige Persönlichkeiten von Anfang an. Sie haben ein Recht auf den Schutz der Familie und sie haben ein Recht auf eine konstante Bezugsperson. Es gibt unzählige Studien, die dies belegen. Warum zahlt der Staat im Gegenzug so bereitwillig die Folgekosten in Form von psychosozialer Intervention – warum wird so wenig an der Basis investiert? Alle würden davon profitieren! Kinder sind kein Privatvergnügen, sondern gehen uns alle an. Leider haben Kinder wenig Rechte.

Meine eigene Pension wird nach menschlichem Ermessen, bleibe ich weiter Berufsmutter, einmal sehr schmal ausfallen. Ich bin voll abhängig von meinem Partner. Diejenigen, die meinen, dass ich als Mutter zu wenig zur Pension beitrage, werden vermutlich keine Scheu vor dem Anspruch haben, dass unsere drei Söhne ihnen die ihrige einmal erwirtschaften sollen.
Ich liebe meine Kinder – ich bin das Risiko bewusst eingegangen. Kinder zu haben ist ein Wert, den man in Geld nicht messen kann. Aber zum Muttertag wünschte ich mir weniger große Worte, sondern Taten.

Quelle
1) Die angegebenen Beträge beziehen sich auf österreich
Dieser Artikel wurde 2005 erstmals im Magazin der österreichischen Hausfrauen-Union "Hera" veröffentlicht und uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

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