Das Leben der Eltern ist das Buch, in dem Kinder lesen1) Ausgabe 2006/4

Vortrag2) von Doris Sandbrink3)

Die Erziehung erleidet Rückschritte! Viele der heutigen 3- bis 4-jährigen Kindergartenkinder sind nicht sauber und essen nicht alleine. Sie müssen von den ErzieherInnen gewickelt und gefüttert werden.
Von einem Dorf wird berichtet, wo die Mehrzahl der Kinder in der Grundschule noch nie am nahen Fluss gewesen ist, geschweige davon gehört hat. Sie lernen ihre nähere Umgebung nicht mehr kennen. Das Niveau der Erziehung geht nach unten.

Super Nanny und Ratz-Fatz-Erziehung schüren den Glauben an die schnelle und wirksame Erziehungsmethode nach einem bestimmten "Strickmuster". 10 bis 20 Prozent der Kinder sind verhaltensauffällig, 5 Prozent behandlungsbedürftig. Was den Kindern fehlt, ist Beziehung und Zeit. Sie brauchen Verlässlichkeit, Geborgenheit und Geduld. Darum geht es eigentlich!

Nach einer Studie der Robert-Bosch-Stiftung gibt es in zwölf Prozent der Familien Regeln, während bei 88 Prozent die Erziehung völlig offen sei. Die Mahlzeiten werden nicht gemeinsam eingenommen, jede/r "macht sozusagen was er will, wann er will". Kinder brauchen Regeln, an denen sie wachsen und sich reiben können, die aber gleichzeitig einen Schutz bedeuten. Regeln und Grenzen in vernünftigem Maße geben Halt. Ohne Regeln sind die Kinder in einem "Watteknast". Sie wollen zu ihren Eltern aufschauen, brauchen Vorbilder, auch wenn sie sich dann doch anders orientieren. Erziehung ist harte Arbeit und erfordert ein hohes Maß an Selbstaufgabe. Aber Eltern sind schwächer und müder geworden, eine Folge des Mobilitätsdruckes in Beruf und auch Freizeit. Flexibilität ist gefragt.

Um Stärkung der Erziehungskompetenz der Eltern und zugleich Verhinderung von psychischer und physischer Gewalt in den Familien geht es in den Elternkursen "Starke Eltern, starke Kinder"4), die der Kinderschutzbund in ganz Deutschland anbietet. Dabei geht es nicht um Patentlösungen. Die Eltern werden in ihren Stärken unterstützt, das Augenmerk auf das gerichtet, was sie gut können. Im Vordergrund steht die liebevolle Sicht auf das Kind und als Motto gilt: Es gibt immer einen guten Kern. Weil die Evangelische Aktionsgemeinschaft für Familienfragen (EAF) von der Qualität dieses Elternkurses überzeugt ist, hat sie ihn deutschlandweit für sich übernommen, als gelungene Synthese von konservativen und modernen Werten. Für sie ist wichtig, dass auch im Kind Gottes Ebenbild gesehen wird.

Das Thema Erziehung ist kein privates mehr, sondern – wegen der Defizite – eine politische Aufgabe ersten Ranges. Jedoch hat die Familienpolitik alle ihre Ziele verfehlt. Immer weniger Kinder werden geboren, aus der Bevölkerungspyramide wird ein Pilz mit immer längerem Stiel. Familienarmut ist weit verbreitet, die Geschlechter-/ Gender- Arbeitsteilung ist unzureichend. Das alles ist verstärkt durch Arbeitslosigkeit und schwaches Wirtschaftswachstum. Transferleistungen (145 an der Zahl!) für Familien sind undurchsichtig. Als Grund nennt Doris Sandbrink, dass es in der Familienpolitik nur abstrakte Ziele gibt. Formuliert man konkret, gerät man leicht in Konflikte. Wenn die abstrakten Werte jedoch durch die Politik konkretisiert würden, könnten sich junge Frauen eher für Kinder entscheiden.

Familien brauchen Zeit, Geld und Infrastruktur, sprich Unterstützung. Eine Umfrage in 14 Ländern über Bevölkerungspolitik, Familie und Wertschätzung ergab, dass zu einem erfüllten Leben nicht mehr unbedingt Kinder gehören. Kinder haben wenig Einfluss auf
Lebensfreude. Jeder vierte Mann und jede siebte Frau wollen keine Kinder. Als Voraussetzung für Kinderwunsch wurden stabile Partnerschaft und sicherer Arbeitsplatz an erster Stelle genannt. Und es verunsichert immer noch mehr die Frauen, denn zwei Drittel von ihnen befürchten eine Verschlechterung im Beruf, was bei den Männern nicht der Fall ist.

Heutzutage spielt sich derzeit fast alles in der "Rushhour des Lebens" ab. Es wäre besser, Ausbildung, Beruf, Kinderkriegen könnte frühzeitiger geschehen, möglichst nicht gleichzeitig. Wird eine Frau während der Ausbildung schwanger, muss sie diese abbrechen. Und bis die Kinder aus dem Gröbsten heraus sind, ist "der Zug oft schon abgefahren". Der ganze Lebenslauf müsse verändert werden, so steht es im siebten Familienbericht des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. So genannte Optionszeiten sollen ermöglichen, z. B. eine Ausbildung zu unterbrechen, wenn ein Kind geboren wird, um dann später daran wieder anknüpfen zu können. Es soll keine konkurrierenden Lebensmodelle geben, Familienarbeit und ehrenamtliche Arbeit sollten gleichgestellt werden mit Erwerbsarbeit. Es komme darauf an, ein geschlechtsneutrales Modell zu entwickeln, damit diese Optionszeiten nicht wieder nur von Frauen genutzt werden. Die monetären Transferleistungen für Familien sollen in einer "Familienkasse" zusammengefasst werden, um für Familien eine Anlaufstelle zu schaffen und um dieser Institution auch einen größeren (gebündelten) politischen Einfluss zu ermöglichen.

Durch das große Interesse der ZuhörerInnen kam eine rege und kontroverse Diskussion in Gang, die sich schon während des Vortrags entspann. Kritisiert wurde, dass die Familienarbeit nicht genügend als Wert an sich thematisiert wurde. Auch der Teil, den die Politik in dieser Hinsicht noch zu leisten hat, kam in Frau Sandbrinks Vortrag leider wegen Zeitmangel zu kurz. Die TeilnehmerInnen waren sich einig, dass die Ausführungen, die im Familienbericht beschrieben und vorgeschlagen werden, auf die bisher eingeschlagene Weise nicht realisierbar sind. Es gehe viel zu sehr um die Erwerbsarbeit, die Bezahlung der Familienarbeit sei immer noch kein Thema. Und ohne die Mitarbeit der Wirtschaft als Arbeitgeberin, wird dies alles nicht verwirklicht werden können.
Monika Kuhn

Anmerkungen:
1) Augustinus
2) auf der Jahreshauptversammlung des vffm in der ökumenischen Werkstatt Wuppertal am 23. September 2006
3) Studienleiterin im Evangelischen Erwachsenenbildungswerk Nordrhein und ehrenamtliche Vorsitzende der Evangelische Aktionsgemeinschaft für Familienfragen (EAF) Rheinland e.V.
4) Das Konzept wurde von Paula Honkanen-Schoberth, Geschäftsführerin Kinderschutzbund Aachen, entwickelt

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