Bild der Frau: JETZT SCHEIDUNGS-GRUND NR.1: Der ständige Streit ums Geld

Der Beitrag erschien in BILD der FRAU am 13. September 2004, geschrieben von Stephanie Quandt und Claudia Zwierchowski

"Viele Frauen müssen um jeden Euro betteln!"

Spar-Zwänge, höhere Abgaben und Schulden belasten eine Partnerschaft.
Haupt- Trennungsgrund sind heute nicht mehr Eifersucht und Untreue –
sondern Zoff ums Geld! Hier erzählen Paare, wie sie ihre Finanzen regeln

"Ich wusste nie, wie viel er verdient"

Viele Jahre arbeitet Anne H. (56) aus dem Westerwald als Erzieherin. Erst als 1976
das erste Kind kommt, gibt sie ihren Job auf. "Bis dahin waren wir gleichberechtigt in
Sachen Finanzen", sagt Anne. Mit der Geburt des dritten Kindes ändert sich dann
alles: "Wir kauften ein Haus, mein Mann machte sich selbstständig – und informierte
mich überhaupt nicht mehr über unsere finanziellen Verhältnisse." Bald gibts
Probleme: "Ich musste mir das Wirtschaftsgeld für die Familie richtig erkämpfen."

Anne setzt einen festen Betrag durch. "Doch davon sollte ich nicht nur Essen und
Kleidung, sondern alles für die Familie zahlen. Auch Versicherungen und andere
Rechnungen." Das Geld reicht kaum. "Mein Mann gab mir nicht mehr. 20 Jahre musste
ich trotz steigender Preise mit der gleichen Summe auskommen!" Anne spart, wo sie
kann: "Ich hab Gemüse angebaut, Kleidung genäht, sogar auf Fleisch verzichtet."
Trotzdem muss sie schließlich einen Klein-Kredit aufnehmen. "Damit war er
einverstanden, sonst hätte ich die Rechnung fürs Heizgas nicht zahlen können." Die
Ehe leidet immer mehr. "Er verriet mir nie, wie viel er verdient. Mein Vertrauen war
völlig zerstört, als er auch noch bei der Steuererklärung meine Unterschrift fälschte –
damit ich nicht sehe, welches Gehalt er kriegt!"

Das Paar trennt sich. Anne: "Jetzt, wo die Scheidung eingereicht ist, habe ich das
Recht auf Konteneinsicht und die Halbierung von Kosten und Schulden. Während der
Ehe nicht!" Deshalb macht sich Anne heute stark für den Gesetzentwurf "Gläsernes
Ehe-Konto" (s. Kas- ten). "Dann hätten Frauen endlich das Recht,
gleichberechtigt von ihrem Partner über das Familieneinkommen informiert zu
werden."

"Jetzt bezahle ich Rechnungen, später er"

Sie haben sich im September verliebt, sind im Februar zusammengezogen: Meike
Henschen (34) und Ernst Mende (35) aus Hamburg sind glücklich. "Bei uns passt
alles. Nur ums Geld gibts immer mal wieder Diskussionen", sagt Ernst.

Der Diplom-Betriebswirt hat sich vor einem Jahr selbstständig gemacht, verkauft
übers Internet Socken, Strumpfhosen und Brautkleider (www.hosieria.de). Ernst:
"Große Sprünge kann ich noch nicht machen. Deshalb kommen ständig Fragen auf:
Wer bezahlt die neue Waschmaschine? Wer den Urlaub?" Meike hat kein Problem, als
Angestellte in einem Software-Unternehmen die Hauptverdienerin zu sein. "Ich zahle
zurzeit mehr. Das ist nicht schlimm." Ernst aber macht das manchmal zu schaffen: "Es
ist komisch, wenn meine Freundin mir neue Schuhe kaufen will." Ihre Lösung: Jetzt
zahlt Meike, später Ernst. "Irgendwann gründen wir sicherlich eine Familie", sagt er.
"Und dann werde ich mich revanchieren."

"Bei uns kriegt jeder Taschengeld"

Kleider, Kosmetik, Schuhe: Welche Frau gibt dafür nicht gern Geld aus? Auch Sonja
Zangel (50, Lehrerin) aus Laboe (bei Kiel). "Aber wenn ich mal wieder mit einem
neuen Teil nach Hause kam, gabs Streit. Mein Mann meinte, ich kaufe zu viel."
Allerdings bediente sich auch Ehemann Werner (53, Lehrer) vom gemeinsamen
Konto. "Er kaufte schon mal guten Wein, ohne mich vorher zu fragen", erzählt die
dreifache Mutter.

Dann gibt eine Freundin ihr vor fünf Jahren den Taschengeld-Tipp: "Seitdem verfügen
mein Mann und ich im Monat jeder über eine bestimmte Summe. Und mit der können
wir machen, was wir wollen. Jetzt gönne ich mir auch mal zwei Paar Schuhe – ohne
dass von Werner ein ,Kommentar“ kommt." Die Zangels sind zufrieden mit dieser
Lösung. "Seitdem gibts keinen Streit mehr."

"Beide haben Zugriff aufs Konto"

Zoff ums Geld? Bei Wiltraud (57) und Bruno Beckenbach (65) aus Grünstadt gibts das
nicht. Wiltraud: "Jeder von uns hat Zugriff aufs Konto, niemand muss vorher
fragen! Große Anschaffungen besprechen wir. Wir haben auch klare Aufgabenteilung:
Ich kümmere mich um Kontoverwaltung, Versicherungen und den Haushalt, mein
Mann sich ums Handwerkliche." Wiltraud weiß, dass diese Gleichberechtigung nicht
selbstverständlich ist: "Ich engagiere mich beim Verband der Familienfrauen- und
Männer. War 17 Jahre Vorsitzende. Ich kenne die Probleme vieler Frauen, die um
jeden Euro betteln müssen!"

Industriekauffrau Wiltraud ist seit „95 erwerbslos. "Ich bin in meinem Alter wohl nicht
mehr vermittelbar", sagt sie. "Es ist mir vor allem anfangs schwer gefallen, Geld für
mich vom Konto abzuheben. Ich musste mir sagen, dass ich als Hausfrau einen
ebenso wertvollen Beitrag leiste wie mein Mann durch seine Erwerbstätigkeit! Viele
Frauen brauchen aber für ihre Arbeit als Hausfrau mehr Anerkennung!" Wiltraud und
Bruno haben beim Notar sogar eine Gütergemeinschaft vereinbart: "So schreiben wir
juristisch fest, dass uns beiden unser Vermögen wirklich zu gleichen Teilen gehört."

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Wieviel Taschengeld steht mir zu?
Hausfrauen kriegen 5 – 7 % des Nettoeinkommens Ihres Mannes (BGH, Az.: XII ZR
140a0/96). Beispiel: Bei 2000 Netto-Verdienst sind das 100 bis 140 Taschengeld.
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Wann kommt endlich das "Gläserne Ehe-Konto"?
Mehrfach haben wir über die geplante Gesetzesänderung der Paragrafen . 1360
und 1360a berichtet. Der Entwurf fürs "Gläserne Ehe-Konto" sieht vor, dass
auch der nicht Erwerbstätige in einer Partnerschaft das Recht auf genug
Haushaltsgeld hat. Und darauf, über die Einkommenslage Bescheid zu wissen. Seit
2002 liegt der vom Bundesrat verabschiedete Entwurf dem Bundestag vor. Sibylle
Laurischk (FDP): "Ich kämpfe jetzt im Rechtsauschuss für das Gläserne Ehe-Konto.
Die Sache darf nicht ausgesessen werden!"
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"Drei-Konten-Lösung ist ideal"
Gespräch mit Psychologe Michael Thiel (44) aus Hamburg
– Brauchen Partner "genug Geld" fürs Glück?
"Nein. Sonst würde es nicht so viele Menschen geben, die mit wenig Geld zufrieden
sind – und so viele Reiche, die unglücklich sind."

– Warum gibt es dann so oft Streit ums Geld?
"Oft steckt hinter dem Streit ein völlig anderes Thema. Geld ist ein
Nebenschauplatz. Es steht für ein Problem, das nicht ausgesprochen wird."

– Zum Beispiel?
"Dass sich zum Beispiel ein Partner ausgenutzt fühlt oder glaubt, zu kurz zu
kommen. Beispiel: Der Mann wirft seiner Frau vor, dass sie zu viel Geld ausgibt und
doch ohne Arbeit zu Hause ein ganz schönes Leben hat. Dahinter steckt seine
schlichte Angst, als Alleinverdiener nicht die Familie ernähren zu können."

– Was tun, wenn es immer wieder zum Streit kommt?
"Ideal ist die ,Drei-Konten-Regelung“. Das heißt: Ein Konto für gemeinsame
Ausgaben, ein Extra-Konto für jeden."

– Aber wenn der Mann Alleinverdiener ist?
"Dann steht der Frau ein Taschengeld zu (s. Kasten). Besser ist aber, wenn in einer
Partnerschaft gemeinsam entschieden wird, wie viel jeder Partner monatlich für sich
selbst ausgeben kann. Große Anschaffungen sollten besprochen werden. Der
Mehr-Verdiener darf Geld nie als Machtmittel benutzen."

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