Aufhören oder weitermachen – oder der hundertste Affe (Fh 2002/3)

von Monika Bunte

In der Kinderbuchreihe „Sehen, Staunen, Wissen“ gibt es einen Band über Affen. (1) Unter der Zwischenüberschrift ‚erst waschen, dann essen‘ heißt es: Eines Tages entdeckte das Makakenweibchen Imo, dass es keinen Sand ins Maul bekam, wenn es seine Süßkartoffel wusch. Bald reinigte ein Großteil der Horde die Kartoffeln vor dem Essen.

Die Wirklichkeit dieser Kinderbuchgeschichte war viel komplexer und spielte sich vor einem halben Jahrhundert in Japan ab. Dort wurde ein Feldexperiment mit Affen gemacht. Auf den unbewohnten Inseln gab es für die dort lebenden Affen nicht genug Futter. Deshalb wurden regelmäßig Süßkartoffeln in den Sand geschüttet. Beim Spielen fiel einem Affenkind eine Kartoffel ins Wasser. Es fischte sie wieder heraus. Die Kartoffel war im Wasser sauber geworden, und das Affenkind merkte, dass sie ohne den anklebenden Sand leckerer war. Andere Affenkinder ahmten das Waschen nach. Irgendwann machten es die „Erwachsenen“ auch, aber eigenartigerweise nur Mutter und Vater, nicht die kinderlosen Affen.

Als der hundertste Affe seine Kartoffel wusch, war es passiert!
Am Abend wusch fast jedes Mitglied der Affenhorde seine Süßkartoffel vor dem Essen. Die Kraft des hundertsten Affen schaffte den Durchbruch für alle. Die große Überraschung für die beobachtenden Wissenschaftler kam, als kurz darauf die Affenkolonien auf anderen Inseln und auf dem Festland auch die Kartoffeln wuschen.
Merke: Wenn eine bestimmte entscheidende Anzahl – Tiere oder Menschen – den gleichen Erkenntnisstand erreicht hat, wird möglicherweise durch die Kraft der Gedanken dieser neue Erkenntnisstand „von allein“ verbreitet, und zwar explosionsartig.
– Wenn allerdings nur eine begrenzte Anzahl diese neuen Erkenntnisse hat, dann bleiben diese neuen Erkenntnisse, so aufregend und spannend sie auch sein mögen, das geistige Eigentum nur weniger Leute.

Zur Zeit ist die „Erkenntnis“ verbreitet: Doppelbelastung ist schön, und Frauen wollen vereinbaren. Beim Vereinbaren geht es um Familie und Beruf, oder um Familienarbeit und Erwerbsarbeit, wenn man sprachlich etwas genauer ist. Das heißt also, es wird Arbeit mit Arbeit vereinbart; und es wird ignoriert, dass viele Mütter das ablehnen. Es gibt enormen Widerstand gegen die Erkenntnis: Familienarbeit ist Arbeit und muss bezahlt und sozial abgesichert werden.

Die oben erzählte Affengeschichte ist ein schönes Beispiel für das, was die Wissenschaft als morphogenetisches Feld bezeichnet. Dieser Begriff wurde durch ein Buch „Das Gedächtnis der Natur“(2) eingeführt. Die dhg, der Verband der Familienfrauen und -männer ist der erste Verband, der die volle und eigenständige finanzielle und soziale Sicherung bei Familienarbeit fordert (von den „Vorgängerinnen“ abgesehen vgl. Rundschau 2/91 bis 2/92).

Wir sind der erste Affe, könnte deshalb die Überschrift zu diesem Artikel auch heißen. Wir sind dabei, für unsere Forderung „Bezahlung der Familienarbeit“ ein morphogenetisches Feld zu schaffen. Wir finden inzwischen auch bei anderen Verbänden Zustimmung oder doch eine gewisse Sympathie, ungeachtet der Tatsache, dass wir auch krass abgelehnt werden. Wann schaffen wir den Durchbruch? Wann passiert es? Wo ist der hundertste Affe?

Wir sind auf Kirchentagen, Infobörsen und Familienfachtagungen präsent.
Wir sind bei Seminaren dabei, um unser Herzensanliegen zu einem Akademiethema zu machen. – Es gibt eine Langzeituntersuchung darüber, wann ein Thema, das zunächst auf Akademieebene diskutiert wurde, von PolitikerInnen aufgegriffen wurde und zu Parlamentsehren kam. Es dauert zehn Jahre! Besonders gut zu beobachten war das beim Thema Ökologie und der Außenweltzerstörung.

Das Thema Innenweltzerstörung (Jürgen Borchert) und die mögliche Abhilfe durch Bezahlung der Familienarbeit (Gehalt für Familienarbeit / Erziehungsgehalt / Entgelt für Erziehungsarbeit) ist seit 1998 ein Seminarthema. Dass das Erziehungsgehalt diese Stufe der Diskussion erreicht hat, hängt mit der unermüdlichen Arbeit unseres Verbandes zusammen, und dafür können wir uns auf die (Erkenntnis) – Schulter klopfen.

Fußnoten:
1) Sehen, Staunen, Wissen – AFFEN, Verlag Gerstenberg, Hildesheim 1991
2) Rupert Sheldrake: Das Gedächtnis der Natur, Scherz-Verlag 1992

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