Interview mit Franziska Kliemt (Fh 2018/4)

Das Interview wurde von Ulrike Brandhorst geführt.

Geschlossene Kreißsäle, Personalmangel, Lücken in der Hebammenversorgung… Eltern nehmen diese Entwicklung nicht einfach hin, denn Geburt und die unmittelbare Zeit danach sind grundlegend für Mutter und Kind – und damit auch für die Familie und letztendlich für unsere Gesellschaft. „Familienarbeit heute“ sprach mit Franziska Kliemt, die sich seit Anfang 2014 für eine bessere Geburtshilfe einsetzt. Sie leitet die Bundeskoordination des Vereins Mother Hood e.V. und die Landesgruppe Hessen. Seit März 2017 ist sie auch Mitglied im geschäftsführenden Vorstand. Insbesondere liegt ihr die gesellschaftliche Dimension des Themas am Herzen: Denn in die Geburtshilfe zu investieren heißt, in eine gesunde Gesellschaft zu investieren.

Franziska Kliemt, Sie sind im Vorstand von Mother Hood e.V., einem Verein „für eine gesunde Schwangerschaft und eine selbstbestimmte Geburt“. Können Sie unseren Leserinnen und Lesern kurz über Geschichte, Arbeit und Ziele des Vereins berichten?

Wir haben im April 2014 als Facebookgruppe „Hebammenunterstützung“ mit 16.000 Mitgliedern begonnen – da hatte sich der Protest der Eltern gegen die Missstände in der Geburtshilfe formiert. Es stand im Raum, dass keine Versicherung mehr Verträge für Geburtshelferinnen und Geburtshelfer anbieten will. Es folgten Demonstrationen, Petitionen und Treffen mit Politikern. Im März 2015 haben wir Eltern dann einen eigenen Verein gegründet – Mother Hood e.V. Wir setzen uns für die Rechte von Mutter und Kind auf eine sichere und selbstbestimmte Versorgung rund um Schwangerschaft, Geburt und 1. Lebensjahr ein. Wir wollen bei dieser entscheidenden Lebensphase mitreden, wie die geburtshilfliche Versorgung verbessert werden kann.

Für eine gesunde Schwangerschaft und eine selbstbestimmte Geburt sind starke Hebammen unabdinglich – auch für deren (finanzielle) Anerkennung macht Mother Hood e.V. sich stark. Wie sehen Ihre Forderungen und Vorschläge im Hinblick auf die Situation der Hebammen aus?

Wir setzen uns als Elternverein für die Verbesserung der Geburtshilfe für Eltern und Kinder ein. Die aktuellen Probleme beginnen schon in der frühen Schwangerschaft. Viele Frauen haben Probleme ihre Schwangerenvorsorgetermine abwechselnd bei ihrer Hebamme oder ihrer Frauenärztin bzw. ihrem Frauenarzt wahrnehmen zu können. Die freie Wahl des Geburtsortes ist nicht mehr gegeben, zudem sind immer mehr Kreißsäle überfüllt. Viele Frauen erfahren medizinisch nicht notwendige Routineeingriffe, die häufig sogar als Gewalt empfunden werden. Und für die Wochenbettbetreuung nach der Geburt finden teilweise bis zu 50 Prozent der Frauen keine Hebamme mehr, auch wenn sie sich frühzeitig darum bemühen.

Im Juli haben wir zu all diesen Themen einen 10-Punkte-Plan mit Lösungsansätzen veröffentlicht und dem Bundesministerium für Gesundheit als auch zahlreichen Spitzenpolitikerinnen und Spitzenpolitikern übergeben.

Ein wichtiger Ansatz ist dabei natürlich die angemessene und aufwandsgerechte Vergütung der Geburtshilfe und somit auch der Hebammen. Zudem fordern wir einen besseren Personalschlüssel in den Kreißsälen. Die sicherste Geburtsbegleitung ist eine kontinuierliche 1:1-Betreuung durch eine Hebamme während der Geburt. Das bestätigt auch die Wissenschaft. Für Eltern ist dies ein essentieller Punkt, der wiederum auch die Arbeitssituation der Hebammen verbessern wird.

Ein Verein muss sich thematisch spezialisieren und eingrenzen, und da stehen die Geburt und das erste Lebensjahr für Mother Hood e.V. im Vordergrund – aber gibt es vielleicht auch Ansätze, sich zur politischen Situation der Mütter und der Famiie auch um die Zeit nach dem 1. Lebensjahr eines Kindes zu positionieren oder zu engagieren? Auch im Hinblick darauf, dass diese Situation ja ihren Schatten bereits auf das erste Lebensjahr wirft und die Planung und Gemütsstimmung der Eltern beeinflusst.

Mother Hood e.V. konzentriert sich auf den Zeitraum von Schwangerschaft, Geburt und erstem Lebensjahr. Natürlich ist uns als Eltern auch bewusst, dass es über diesen Zeitraum hinaus Handlungsbedarf gibt, wie beispielsweise in Hinblick auf die Probleme bei der kinderärztlichen Versorgung. Momentan lassen es unsere zeitlichen und monetären Möglichkeiten noch nicht zu, unser Arbeitsfeld zu erweitern.

Wenn Sie auf den bisherigen Weg von Mother-Hood zurückblicken: Was gibt Ihnen Hoffnung? Wo sehen Sie noch Arbeitsbedarf? Welche Erfolge können Sie verzeichnen? – Und wie können unsere Leserinnen und Leser das Anliegen von Mother Hood e.V. unterstützen?

Wir haben innerhalb der letzten drei Jahre mit Mother Hood e.V. unfassbar viel erreicht. In 15 Bundesländern vertreten wir Eltern auf Landes- und Kommunalebene und sprechen an Runden Tischen mit. Außerdem sind wir an zahlreichen fachlichen Gremien und Studien beteiligt. Unser 10-Punkte-Plan vom Juli dieses Jahres ist ebenfalls ein Meilenstein.

Wir bekommen viel positives Feedback und konnten allein im letzten Jahr unsere Mitgliederzahl auf mehr als 600 verdreifachen. Und wir freuen uns natürlich immer über Unterstützung! Schon ab 25 Euro im Jahr kann man bei uns Mitglied werden. Und als gemeinnütziger Verein freuen wir uns auch über Spenden. Mother Hood ist bundesweit in zahlreichen Regionalgruppen organisiert und aktiv. Bei verschiedenen Aktionen und Treffen kann sich jeder auch vor Ort einbringen und vernetzen.

Wir freuen uns über alle Mütter, Väter, Großeltern und Interessierte, die uns unterstützen! Denn Schwangerschaft und Geburt legen entscheidende Grundlagen für unser gesellschaftliches Zusammenleben.

Vielen Dank für dieses Gespräch.

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