Zu früh, zu viel, zu lang – Ausgabe 2007/1

Gedanken zur Neuerscheinung Steve Biddulphs "Das Geheimnis glücklicher Babys"

von Julia Berendsohn

Zwei meiner Mitchoristinnen bekamen Anfang Januar 2007 ihr erstes Kind. Ich las gerade das neue Taschenbuch von Steve Biddulph und hätte es ihnen am liebsten ins Wochenbett gelegt. Aber um nicht zu aufdringlich zu sein, blieb es bei einer begeisterten Empfehlung1).

Erinnerungen: Erst die schwangere Vorfreude und dann die kribbelnde Aufregung mit dem Neugeborenen im Arm – all das war plötzlich wieder überdeutlich, auch wenn es dreißig Jahre her ist. Ich wäre damals nie auf die Idee gekommen, den heutigen Empfehlungen der Politiker und Medien zu folgen und das kleine Wesen Fremden zu überlassen; denn hatten wir uns dies Baby nicht sehnlichst gewünscht, und wollten wir nicht beide, Mutter und Vater, gemeinsam oder abwechselnd, für es sorgen? Wozu sonst will man Kinder kriegen? Ich entdeckte in mir das starke Bedürfnis, etwas Ureigenes zu behüten, es wachsen zu sehen und mit zu formen, eine schöne Kindheit zu schaffen. Unsere Hoffnung: Lieben und geliebt zu werden. Wir mussten nun mit wenig Geld über die Runden kommen, aber durften dafür täglich mit unserem Kind zusammen sein. Anstrengend und beglückend zugleich.

Gab es überhaupt Betreuungseinrichtungen? Als unser Sprössling und sein später geborener Bruder zwei oder drei waren, guckten wir gelegentlich bei der von Eltern selbst organisierten Spielgruppe im Dorf vorbei, aber keiner der beiden wollte dort gern bleiben. Es war ihnen zu laut und unruhig und bald auch zu langweilig. Man saß also eine Weile daneben, machte mit oder klönte, ging vielleicht kurz allein einkaufen oder zum Arzt und arrangierte eventuell einen kleinen Kindertausch für den nächsten Nachmittag. Die meiste Zeit aber waren die Jungs – wie alle anderen Kleinen, die wir kannten – zu Hause und nahmen an unserem bescheidenen Leben teil, bis sie dann mit fünf Jahren von 9 bis 15.30 Uhr zur Schule gehen mussten. Das war in Schottland.

Steve Biddulph ist Anfang der Fünfziger in Yorkshire geboren, lebt in Australien auf dem Lande und schreibt viel über Großbritannien. Sicher ist mir auch deshalb sein Buch so vertraut, sind mir seine Ansichten so nah und die Ziele so selbstverständlich. Es geht ihm um die elementaren Bedürfnisse kleiner Kinder und ihrer Eltern – und um die Kritik an der Propagierung und Ausweitung früher Unterbringung in Tageseinrichtungen. Er spricht dabei seine Leser stets höflich, aber direkt an ("Die Art der Betreuung sollte dem Entwicklungsstand Ihres Kindes entsprechen"), lässt Raum zum Nachdenken und gesteht erst in den letzten Kapiteln, dass er zu folgenden Fragen selber inzwischen klare Antworten gefunden hat, die er seitdem leidenschaftlich vertritt:

– Möchten tatsächlich alle neuen Mütter/Väter so schnell wie möglich ihre Babys loswerden?

– Ist es wirklich vorteilhaft für die Entwicklung eines Menschen, schon in den ersten drei Jahren viele Stunden täglich außerhalb der Familie zu verbringen?

– Wieso sollten eigentlich "Experten", die manchmal noch sehr jung sind, meistens einen niedrigen Schulabschluss haben und oft den Arbeitsplatz wechseln, besser sein als eine vertraute, beständige Person, an die das Kind emotional gebunden ist?

– Können professionelle Erzieher unseren Kindern das geben, was für ihre optimale physische, psychische und intellektuelle Entwicklung nötig ist, selbst wenn Ausbildung und Ausstattung in der Krippe optimal wären?

– Passt das Abschieben in "effektive Massenbetriebe" einfach der Wirtschaft und damit den Politikern und vielen ehrgeizigen Paaren in den Kram – aus unterschiedlichsten Motiven, die aber gar nichts mit dem Wollen oder Wohlergehen der kleinen Leute zu tun haben?

– Welche Motive sind das? Geld und Macht und Vergnügen? Profite – auch für Kindertagesstätten; Wiederwahl – für die regierenden Minister; ein hoher Lebensstandard – für die Besserverdienenden; Jobs – für die Wenigerverdienenden; Steuern – für den Staat; Karrieren und Freizeit – für die Eltern?

Anhand seiner Erfahrungen und der jüngsten Ergebnisse internationaler Langzeitstudien kommt Biddulph zu Schlüssen, die manchem nicht gefallen werden, denn sie liegen so radikal gegen den Trend der Zeit, dass sogar dieser weltweit bekannte und erfolgreiche Autor zuerst Angst hatte, sein Buch über "Babies" zu schreiben:

Schon die Ein- bis Dreijährigen in Kitas zu stecken und für die ein wenig älteren Ganztagsfremdbetreuung zu favorisieren, ist ein Experiment, dessen Auswirkungen wir nur langsam erahnen können. Die erste Generation der kleinen Versuchskaninchen ist jetzt gerade um die Zwanzig, ihre Entwicklung wurde in mehreren Ländern eingehend verfolgt. Seit Jahren steigen in allen Industrienationen die Probleme der Schulkinder: Sprachdefizite, Aufmerksamkeitsstörungen, Depressionen, Magersucht, Angstzustände, Drogen, Gewalt und Selbstmorde – bei armen wie reichen Jugendlichen gleichermaßen! In letzter Zeit fanden Wissenschaftler heraus, dass das menschliche Gehirn völlig neue Strukturen in Form von neuronalen Verzweigungen wachsen lässt, wenn Babys intensive Liebe und Zuwendung erfahren. Aber in den Krippen werden immer mehrere Kleinkinder von einer Person versorgt (als ob eine Mutter Fünf- bis Zehnlinge hätte), und es verkümmern diese cerebralen Möglichkeiten. Weniger Gefühl, Empathie und Intelligenz sind die Folgen. Stattdessen wachsen später Wut und Traurigkeit als Reaktion auf lang anhaltenden Stress, denn alles Fremde und Laute lässt den Cortisolspiegel hochschnellen und auch nach einer Eingewöhnungsphase nicht auf den normalen Stand hinuntersinken.

Und die so oft gepriesene "soziale Kompetenz"? Die erlangen auch Kinder, die zu Hause bleiben: im Kontakt mit Geschwistern, Nachbarn, Freunden und Verwandten. Je mehr tägliche Gruppenbetreuung aber ein kleiner Mensch durchgemacht hat – selbst mit vier und fünf Jahren liegt die optimale Kindergartenzeit bei unter zwanzig Wochenstunden, fanden die Forscher heraus – desto mehr antisoziales, auffälliges Verhalten zeigt er später. Sehr junge Kinder spielen sowieso noch nicht mit Gleichaltrigen, brauchen aber einen (geliebten) Erwachsenen in der Nähe, als Halt und Anregung zugleich. Sie haben auch unter den besten Bedingungen in Gruppen dort zu wenig persönliche Zuwendung, um sich zu beruhigen und wirklich aufnahmefähig zu sein. Ihre Potentiale werden nur selten geweckt oder ausgeschöpft. Emotionale Vernachlässigung, kombiniert mit anhaltender innerer Anspannung und resignierter Apathie, ermöglicht weder akutes Wohlbefinden noch zukünftiges mitmenschliches oder akademisches Brillieren. Der Schaden, der in den ersten drei Jahren entsteht, ist kaum zu beheben. Sogar die Bindung der Kleinen zu ihren Eltern wird durch lange und häufige Trennungszeiten im wichtigen zweiten Lebensjahr geschwächt und kann dann immer weniger die negativen Aspekte früher Fremdbetreuung kompensieren. Sie sind am Ende nicht die Menschen, die sie hätten sein können.
Ein ganz entscheidendes Ergebnis der ausgewerteten Studien ist, dass es vorrangig auf den Zeitpunkt, die Häufigkeit und die Länge der Fremdbetreuung ankommt, also wie früh, wie viel und wie lange. Daraus ergeben sich laut Biddulph folgende Empfehlungen für Kleinkinder:

1.) Im ersten Lebensjahr: gar keine Krippe, sondern immer bei den (Groß-)Eltern oder vielleicht ganz kurz (z.B. abends) mit einem vertrauten Babysitter.

2.) Im zweiten Jahr: höchstens einen halben Tag in der Woche mit einer bekannten, vertrauten Person auf der Basis 1:1 bis 1:3.

3.) Im dritten Jahr: bis zu zwei kurze Tage in der Woche mit derselben vertrauten Person.

4.) Im vierten Jahr: bis zu drei kurze oder halbe Tagen in einem guten Kindergarten (wobei anzumerken ist, dass Jungen später als Mädchen bereit und fähig sind, in einer Gruppe zu bleiben!).

Interessanterweise werden die frühkindlichen Betreuungseinrichtungen in Schweden und manchen anderen Ländern schon wieder weniger angenommen, seit es dort möglich ist, mit dreijährigem Elterngeld, flexiblen Arbeitszeiten, dem Recht auf den alten Job oder interessanter Weiterbildung mehr Gerechtigkeit in der Aufteilung der Familienarbeit unter den Eltern zu erreichen und die Kleinen zu Hause zu behalten. (Niemand muss geistig veröden oder sich sozial abgekapselt fühlen, nur weil er/sie Kinder versorgt!) Weshalb Biddulph von den Politikern genau diese Maßnahmen verlangt – statt der angepeilten staatlichen Krippenförderung. Die berühmte schwedische Ratgeberautorin Anna Wahlgren ("Das KinderBuch"2)) sagte zum selben Thema in einem langen Interview (Frankfurter Rundschau, 23.12.2006):
"Ja, sie (unter Dreijährige) sollten zu Hause bleiben dürfen. (…) Kinder brauchen eine kleine Welt, bevor sie flügge werden. Man darf sie nicht zu früh in die große Welt hinaussetzen. (…) Sie (die Kinder) fragen sich: Wo gehöre ich hin? (…) und es dauert drei Jahre, bis sie sich sicher und behütet fühlen." Und weiter stellte sie fest: "Also muss man seine Prioritäten ändern – auch aus Respekt vor den Grundbedürfnissen unserer Kinder." Sie hat übrigens selber acht Kinder großgezogen und erreicht seitdem mit ihren Büchern ein Millionen-Publikum – wie Steve Biddulph.

Ein Hoffnungsschimmer!? In Großbritannien schlug "Raising Babies" schon hohe Polit-Wellen! Vielleicht der Anfang einer Trendwende? Wäre schön, auch für die vielen Mütter/Väter, die nur auf gesellschaftlichen Druck hin und von irgendwelchen unbewiesenen Ideologien beeinflusst ihre Kleinen jeden Morgen an fremde Leute abgeben, um danach mit Trennungsschmerz und Schuldbewusstsein im Herzen am Arbeitsplatz – oder sogar zu Hause – zu sitzen.

Die nun vorliegenden Forschungsergebnisse und Biddulphs anregende Beispiele aus dem Alltag einiger realer Familien geben neuen Mamas & Papas wichtige Hinweise und uns alten die Bestätigung der Gefühle, die wir schon immer hatten. Die einzig vernünftige, liebevolle Art ins Leben zu wachsen und gut zu gedeihen ist eben ein schrittweiser, langsamer Prozess aus der engen Mutter-Baby-Symbiose hin in die große, aufregende Welt: Nicht zu früh, nicht zu oft, nicht zu viel!

Und das ganze Gerede der letzten Jahre, auch bei uns in Deutschland, über die so "wunderbaren und notwendigen" Ergebnisse früher öffentlicher Erziehung ab dem ersten Jahr entpuppt sich als ein willkommenes Mäntelchen über der eigenen Selbstsucht oder dem Desinteresse am Kind, im besten Falle verdeckt es nur die Feigheit, dem angesagten Weltbild zu widersprechen. Das jüngste Buch des Psychologen Biddulph wird allen Eltern Mut und Zuversicht geben, ruhig und gut informiert zu wählen, wie sie mit dem kleinen Bündel in einer für Kinder besseren Zukunft weiterhin leben möchten. "Die große Entscheidung, der wir heute alle gegenüberstehen, ist die Entscheidung zwischen Liebe und Geld", sagt er schlicht und – ja – ergreifend. Es ist nun kein Geheimnis mehr, wie man Babys glücklich macht! Davon können wir im Chor bald ein Lied singen.

Quellen:
1) Steve Biddulph: Das Geheimnis glücklicher Babys.
Kinderbetreuung – ab wann, wie oft, wie lange?
Heyne Verlag; Taschenbuch, 206 Seiten; 1. dt. Auflage 1/2007; ISBN-10: 3-453-67015-9; 7,95 Euro
2) Anna Wahlgren: Das KinderBuch. Wie kleine Menschen groß werden. Beltz Verlag; Dt. Erstausgabe 2004; ISBN 978-3-407-85787-3

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