Zeitverschwendung für die Kinder ? – Ausgabe 1/2005

Gedanken zur Zeitbudget-Studie "Wo bleibt die Zeit", 2003
von Sabine Allmenröder
"Die Zeit ist das kostbarste aller Güter, man kann sie mit Geld nicht kaufen", sagt ein altes jüdisches Sprichwort, und in der Tat: Jede und jeder von uns hat jeden Tag 24 Stunden zur Verfügung, jeder vergangene Tag ist unwiederbringlich vorbei und am Ende dieser Reihe steht unsere Lebensbilanz. Was also machen wir mit unserer Zeit?

Die Zeitbudget-Studie –
ein Schnappschuss unserer Gesellschaft
Das Statistische Bundesamt verrät es uns in seiner Zeitbudget-Erhebung. Die Studie findet alle zehn Jahre heraus, wie lang die Deutschen arbeiten, schlafen, spielen, lernen, sich um ihre Kinder kümmern oder ehrenamtlich tätig sind. Da sie aufwendig ausgewertet werden muss, beschreibt die "aktuelle" Studie, womit die Deutschen 2001/02 ihre Tage zubrachten: Fast die Hälfte unserer Zeit, nämlich zwischen zehn und zwölf Stunden täglich, brauchen wir für Schlafen, Essen, Körperpflege. Was wir mit dem Rest unserer Zeit anstellen, entscheidet über unser Leben.
Ob wir dabei lange Jahre zu Schulen und Universitäten gegangen oder früh eine Ausbildung gemacht und zu arbeiten angefangen haben, verrät die Studie dabei nicht. Auch nicht, ob wir in der Welt herumgekommen und oft umgezogen sind oder ob wir noch dort wohnen, wo wir geboren wurden, im Kreise von Eltern, Geschwistern und langjährigen Freunden. Die Zeitbudgetstudie ist eine Momentaufnahme. Allenfalls im Vergleich zur Erhebung vor zehn Jahren sind Veränderungen zu erkennen. über die Gründe, die dahinter stehen, kann man nur spekulieren und doch lohnt sich der Blick auf diesen zeitlichen Schnappschuss unserer Gesellschaft.

Unbezahlte Arbeit: Frauensache
So weist die Studie nach, dass die Frauen in allen europäischen Ländern einen größeren Anteil an der unbezahlten Arbeit übernehmen als ihre Männer. In Deutschland arbeiten Frauen und Mädchen ab zehn Jahren im Durchschnitt 31 Wochenstunden unbezahlt und damit 12 œ Stunden pro Woche mehr als Männer und Jungs, die nur auf 19 œ Stunden unbezahlte Arbeit kommen. Männer und Jungs arbeiten dafür im Schnitt 10 œ Stunden länger gegen Geld. Die Kinderbetreuung und der Haushalt sind dabei immer noch vorwiegend Frauensache. 37% der anfallenden Arbeiten im Haushalt übernehmen die Männer, entsprechend 63% davon die Frauen.

Familienarbeit ist Wertarbeit
Die Werte, die in der unbezahlten Haushaltsproduktion geschaffen werden, sind dabei beachtlich: 2002 werden sie mit 820 Mrd. Euro beziffert und entsprechen damit der Wertschöpfung der deutschen Industrie (472 Mrd. Euro) und der Bereiche Handel, Gastgewerbe und Verkehr (350 Mrd. Euro) zusammen. Wer die Arbeitsleistung einer Vollzeit-Familienfrau, die über gute Alltagskompetenzen verfügt, als Dienstleistung einkaufen und mit 7 Euro pro Stunde honorieren wollte, muss dafür rund 1700 Euro im Monat ausgeben, die ideelle Personenbetreuung nicht mitgerechnet. Kann diese Arbeit zu Hause nicht geleistet werden, etwa bei Erwerbstätigkeit, so muss das Geld ausgegeben werden, um die Leistungen einzukaufen – oder der Lebensstandard der Familie sinkt eben um diese Werte.

Familienarbeitende schaden sich selbst
Frauen und Männer, die sich bei der unbezahlten Familienarbeit engagieren, müssen dabei den Nutzen der gesamten Familie gegen ihren eigenen Vorteil abwägen: Nur die außerhäusliche Erwerbstätigkeit bringt ihnen eine eigene Altersabsicherung und finanzielle Unabhängigkeit. Arbeiten sie im schattenwirtschaftlichen Bereich, verfallen ihre Investitionen in die Berufsausbildung: schon nach wenigen Jahren wird ihnen die Rückkehr in den Erwerbsberuf nur schwer und nur nach aufwändiger Fortbildung ermöglicht. Frauen wie Männer, die ihre Erwerbsarbeitszeit reduzieren, geraten beruflich aufs Abstellgleis. Kollegen, die sich mit höherem Stundendeputat einsetzen, ziehen an ihnen vorbei, ihre Erwerbsbiografie knickt ab.

Hausarbeit wird als defizitär erlebt
Aus diesen Gründen geht der Trend ungebrochen zu mehr Erwerbsarbeit. Die Zeitbudgetstudie weist aus, dass Frauen ihren Zeitaufwand für die Arbeiten in Haushalt und Familie seit 1991/92 um knapp 10% reduziert haben, der der Männer ist unverändert geblieben.
Dabei sinkt entweder das Anspruchsniveau in den Haushalten – oder die Arbeit wird ausgelagert. Anja Janus widmet in der Zeitschrift "FrauenRat" 5/04 unter dem Titel "Herrin und Magd" diesem (ungerechten) Sachverhalt ihre Aufmerksamkeit und zitiert Sabine Hess, eine Kulturanthropologin der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt: "Berufstätige Frauen sehen Hausarbeit als defizitäre und mangelhafte Anforderung für sich selbst", sagt die Wissenschaftlerin. Sie würden daher "die niedrig bewertete Hausarbeit kommerzialisieren und auf den geschlechtlich und rassistisch hierarchischen Arbeitsmarkt outsourcen." Rund vier Millionen deutsche Haushalte beschäftigten regelmäßig Putzfrauen, zitiert die Autorin das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung, laut Bundesknappschaft liege die Zahl der illegal beschäftigten Putzhilfen deutlich im Millionenbereich.

DieÄrmsten machen die Hausarbeit
So deutlich ist die bittere Wahrheit schon lange nicht mehr ausgedrückt worden. Wir sind dabei zu kapitulieren vor der emanzipatorischen Aufgabe, endlich für die Anerkennung der unbezahlten Arbeit zu sorgen! Es scheint, als hätten die Frauen während der Emanzipation der vergangenen vierzig Jahre vor allem die Lektion der Männerwelt gründlich gelernt: Unsere Gesellschaft ist hierarchisch, und Haushalts- und Familienarbeit ist die unterste Stufe dieser Hierarchie. "Willst du vorankommen, dann sieh zu, dass du diese Stufe hinter dir lässt und nie mehr damit in Berührung kommst!" scheint dabei die Botschaft zu sein. Existenzsichernde Arbeit jedoch wird ein immer knapperes Gut in unserer Gesellschaft. Wer sich darum bewirbt, muss topfit und bereit zu 40 und mehr Stunden Arbeitseinsatz sein. Wehe, wer da über fünfzig oder nicht ganz gesund ist – oder eben Kinder und Haushalt hat, um die sie/er sich kümmern will. Die-/derjenige braucht zur Zeit gar nicht erst anzutreten. Machen wirŽs also wie die Männer: lassen wir uns den Rücken freihalten, von jemand, die/der noch ärmer dran ist. Von der ukrainischen Aussiedlerin, der lateinamerikanischen Einwanderin ohne Papiere, es gibt genug Frauen, die noch weniger eine Wahl haben…

Wollen wir das?
Ist das wirklich das, was wir Frauen wollen? Als Folge davon müssen heute nicht nur Männer sondern auch Frauen, die im öffentlichen Leben stehen, so tun, als hätten sie mit Haushalt und Familie nichts zu tun. Sie dürfen möglichst wenig oder gar nicht mit diesen Erhaltungsarbeiten beschäftigt sein. Doch davon verschwindet diese Arbeit nicht. Es wird jeden Tag gegessen und gespielt, die Menschen wollen sich in geordneten, gemütlichen Wohnungen ausruhen, entspannen, lernen und ihre Freunde treffen. Sie brauchen jemand, der /die ihnen zuhört, ihre Sorgen versteht und ihnen hilft, wenn es Probleme gibt. Sie wollen sich waschen und saubere Kleider vorfinden, um am nächsten Morgen gepflegt und ausgeruht wieder in den "öffentlichen" Bereich zu starten.

Elterngeld ist ein Tabu – wer daran rührt, gefährdet seine politische Karriere
Die Schüler-Union hat sich Ende November 2004 zu Wort gemeldet, als die CDU nun auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zum Leitziel ihrer Frauenpolitik machte. Die
Jugendlichen fordern, dass "Kindheit nicht allein nach Karriere-, Freizeit- und Konsumplänen der Eltern" organisiert werden dürfe. Das auszusprechen trauen sich viele andere nicht mehr. Finanzielle Anerkennung und staatlichen Schutz für Erhaltungsarbeit zu fordern, ist nach wie vor ein Tabu-Thema. Das hat Anfang September 2004 Familienministerin Renate Schmidt erfahren müssen, die im Hinblick auf die sinkenden Geburtenzahlen mit ihren Plänen zum Elterngeld nach schwedischem Modell binnen vier Tagen von den eigenen Parteigenossen mundtot gemacht wurde.

Wir müssen selbst für uns einstehen!
Dabei wird vor allem eines immer wieder klar: Niemand wird uns Betroffenen abnehmen, dafür einzustehen, das Gehalt für Familienarbeit und die eigenständige soziale Absicherung für unsere Arbeit zu fordern. Zu viele profitieren vom Status quo und ein Einstehen für diese Ziele ist ein so erhebliches politisches Risiko, dass unsere so genannten Volksvertreter es nicht eingehen werden. Darum lasst uns davon reden und darüber schreiben, bei Tagungen, Kirchentagen, in den Landesfrauenräten, beim Jako-O-Familienkongress, beim Hessischen Familientag, in Zeitungen, im Fernsehen und im Radio: Wir wollen auch weiterhin unsere Zeit mit und für die verbringen, die uns in unserem Leben am wichtigsten sind und wir wollen nicht den Rest unseres Lebens die Zeche dafür zahlen.

Quellenangaben:
1) Wo bleibt die Zeit, 2003
Die Zeitverwendung der Bevölkerung in
Deutschland 2001/02
Bestellnummer 0000116-02900
beim Statischen Bundesamt unter
Tel. 06 11 / 75 33 30 bzw. per
E-Mail: info@destatis.de

2) Herrin und Magd
Beitrag aus FrauenRat 5/2004, S. 24
Von Anja Janus

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