Presseschau

Beitragsbild: Kinder in Kita

Aus der fh 2/22

Die Rheinpost vom 25. April 2022 hat ein Interview mit Frau Theobald, Vorsitzende des Kita-Fachverbandes Rheinland-Pfalz veröffentlicht.

 

Frau Theobald, Sie waren gerade zehn Tage krank. Haben Sie die Kinder in der Kita vermisst?

Ja! Es gibt nichts Faszinierenderes als die rasante Entwicklung von Kindern. […]

Haben Sie auch die Arbeit vermisst?

(Zögert). Eigentlich habe ich meinen Beruf als Erzieherin immer als Berufung gesehen. Daher schmerzt es mich, dass die Kita immer mehr zur Verwahranstalt wird.

Das müssen Sie erklären.

Als ich vor 30 Jahren anfing, waren die jüngsten Kinder in der Kita drei, vier Jahre alt. Heute habe ich in meiner Gruppe acht Wickelkinder. Die brauchen viel Pflege und Zuwendung. […] Das Personal ist nicht entsprechend der Anforderungen gewachsen.

Rechnen Sie das mal vor …

Theoretisch sind wir 2,5 Kräfte für 25 Kinder. Oft sind wir aber wegen Urlaubs, Krankheit oder fachlicher Hintergrundarbeit nur zu zweit. Für pädagogische Arbeit bleibt wenig Zeit.

Reicht das nicht?

Nein, die Kinder werden mehr verwahrt, als gefördert. Die Rahmenbedingungen sind nicht kindgerecht. Mit dem Neue-Kita-Gesetz (mit dem seit 2021 ein Anrecht auf sieben Stunden Betreuung am Stück besteht, Anm. d. Red.) wurde noch eine Schippe draufgelegt. Das ist unverantwortlich. Vor allem kleine Kinder leiden an totaler Reiz- überflutung. Das ist hart.

Gegen das Gesetz haben Sie rebelliert. Aber man wollte Sie mundtot machen.

Ich war zuerst nur eine private Kita-Aktivistin, die kleine, ironische Filme gemacht hat über die Arbeitsbedingungen im Kindergarten. Die Filme haben für Aufsehen gesorgt. Ich musste gegenüber dem Landesjugendamt, das von einem Mitglied der Regierung beauftragt worden war, Stellung nehmen. Mein Arbeitgeber aber stand immer hinter mir. Politisch Verantwortliche haben anfangs so getan, als sei ich die einzige unzufriedene Erzieherin in Rheinland-Pfalz. Auch noch bei der Gründung unseres Interessenverbands, dem Kita-Fachverband Rheinland-Pfalz, im August 2020 hieß es, das sei ein Zusammenschluss von Meckerliesen. Heute ist klar, wie groß der Protest ist. […]

Sind Sie damit zufrieden?

Der größte Erfolg ist, dass die Problematik in den Kitas nun der Gesellschaft bewusst wird. Aber es dauert, bis die Politik bereit ist, das nötige Geld in die Hand zu nehmen.

Was fordern Sie?

Die Fachwelt ist sich über die Mindest-Anforderungen an kindgerechte Personalschlüssel absolut einig. Das aber wird überall ignoriert.

Wer ignoriert das?

Die Landesregierungen. Kein Bundesland hat kindgerechte Personalschlüssel. In Rheinland-Pfalz ist es durch das neue Gesetz besonders schwierig. Die Wissenschaft sagt, statt dem 1:10-Schlüssel für Personal und Kinder braucht es einen von 1:7,5 – also fast ein Drittel mehr Personal, wohlgemerkt für die Drei- bis Sechsjährigen. Für Jüngere noch deutlich mehr. Personal ist nicht alles. Viele Kitas platzen aus allen Nähten. Das Land muss auch Zuschüsse für Kita-Erweiterungen geben. Und zwar ohne dass mehr Kita-Plätze geschaffen werden. Die Regierung hält dagegen, dass sie Geld gibt und die Kommunen für die Kitas zuständig sind… Das Verantwortungsgeschiebe muss aufhören. Kinderbetreuung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. […]

Erzieher ächzen – und die Kinder?

Ja, auch die ächzen. Wegen Personalmangels sind wir oft an der Grenze, unsere Aufsichtspflicht zu verletzen. Wer die Aufsichtspflicht ernst nimmt, muss bei Personalmangel die Öffnungszeiten einschränken. Notbetreuung und reduzierte Öffnungszeiten sind mittlerweile gängige Praxis. Und das bringt berufstätige Eltern natürlich in die Bredouille.

Können die 2600 Kindergärten in Rheinland-Pfalz noch Tausende ukrainische Kinder aufnehmen?

Nein! Dazu haben wir weder Platz noch Personal. Es würde mir davor grauen, 30 statt 25 Kinder in der Gruppe zu haben. Dazu traumatisierte Kinder, die kein Deutsch können – absolut unverantwortlich.

Aber Sie wollen helfen?

Natürlich wollen wir helfen, aber das geht nur mit Hilfe der Kommunen, Kreise und dem Land. Und dazu fehlt es an Konkretem. Der Andrang durch Flüchtlingskinder ist aber noch nicht besonders groß.

Wie groß ist der Fachkräftemangel?

Ich habe bei den Agenturen für Arbeit in Rheinland-Pfalz zuletzt rund 900 Stellenausschreibungen für Erzieher und Erzieherinnen gezählt. Nicht alle schreiben über die Agentur aus. Der Bedarf ist also noch deutlich größer. Wo soll das Personal herkommen? Dringend muss die Ausbildung für Erzieher und Erzieherinnen umgestellt werden. Sie müssen früher in die Praxis kommen – nicht erst im fünften Ausbildungsjahr und erst da Geld verdienen. […]

CDU und Freie Wähler im Landtag kritisieren, dass die Regierung nicht weiter so tun kann, als sei alles bestens.

Ich hoffe sehr, dass die offensichtlichen Probleme nicht länger ignoriert werden.

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