Eßlinger Zeitung_Geldbeutel und Arbeitszeiten entscheiden mit

Familien haben geringeres Einkommen als kinderlose Paare – Mangelnde Solidarität zwischen Kollegen

Von Stephanie Danner – Eßlinger Zeitung vom 1.2.2006

Stuttgart/Frankfurt – Wenn Frauen sich für oder gegen Kinder entscheiden spielen oft Finanzen eine Rolle – und das Ausbildungsniveau, das in Deutschland gestiegen ist. Unter den 60-Jährigen und älteren haben 64 Prozent einen Hauptschulabschluss, aber nur 9 Prozent eine Hochschulreife. Unter den 30- bis 39-Jährigen haben nur noch 36 Prozent einen Hauptschulabschluss, aber 28 Prozent die Hochschulreife. Vor allem bei den Frauen ist dieser Anteil stark gestiegen. Das Statistische Landesamt in Stuttgart hat herausgefunden, dass Frauen mit höherer Ausbildung eher Vollzeit beschäftigt sind. Gleichzeitig sind höher ausgebildete Frauen – und auch Männer – häufiger kinderlos. Die Stuttgarter Statistiker erklären dies mit den so genannten Opportunitätskosten. Damit ist die Höhe des Einkommens gemeint, auf das verzichtet wird. Bleibt ein Partner – in der Regel die Frau – zuhause, um sich um die Kinderbetreuung zu kümmern, fällt ihr Einkommen weg. "Die Geburt eines Kindes bewirkt ein deutliches Absinken des monatlichen Familiennettoeinkommens", erläutert Erich Stutzer, Leiter der Familienwissenschaftlichen Forschungsstelle beim Statistischen Landesamt.

Unterschiedliches Erwerbsverhalten

Im Durchschnitt verdienten kinderlose Paare im Jahr 2000 in Deutschland 2387 Euro, Familien hatten 376 Euro weniger zur Verfügung. In Baden-Württemberg ist der Unterschied Stutzer zufolge noch größer: 2556 Euro blieben Ehepaaren, Familien verfügten über 2090 Euro. Das liegt nach Auskunft der Statistiker auch daran, dass der Anteil Kinderloser an höheren Einkommensschichten größer ist. Zudem sind dann meist beide Partner Vollzeit erwerbstätig. Gehen Mütter überhaupt arbeiten, dann meist in Teilzeit. "Die Einkommensunterschiede resultieren also vorrangig aus einem unterschiedlichen Erwerbsverhalten", sagt Stutzer.

Das Familieneinkommen steigt außerdem nicht in dem Ausmaß, wie sich der Bedarf einer mehrköpfigen Familie erhöht. Besonders deutlich wird dies anhand des Pro-Kopf-Einkommens: Demnach bleibt dem einzelnen Mitglied einer Familie mit einem Kind gerade einmal 60 Prozent dessen, was einem Kinderlosen zur Verfügung steht. In einer vierköpfigen Familie sinkt der Anteil auf 50 Prozent, bei drei Kindern bleiben 40 Prozent. An diesen Relationen änderten den Berechnungen zufolge auch staatliche Hilfen wie Kinder- und Erziehungsgeld sowie der Kinderfreibetrag nichts. "Dadurch konnte nur ein weiteres Abrutschen verhindert werden", resümiert Stutzer. Er macht auch darauf aufmerksam, dass immer mehr Familien und vor allem Kinder auf Sozialhilfe angewiesen sind. So lag der Anteil der unter siebenjährigen Empfänger im Jahr 2000 bei 17 Prozent, bei den unter 15-jährigen bei 33 Prozent. Besonders viele Alleinerziehende erhalten außerdem die staatliche Unterstützung. Knapp ein Drittel der allein erziehenden Frauen ist demnach darauf angewiesen.

Wie Paare mit Kindern arbeiten und Geld verdienen können, hängt auch mit den angebotenen Arbeitszeitmodellen zusammen. In 77 Prozent der Familien mit Kindern unter drei Jahren war im Jahr 2000 in Westdeutschland ein Partner Vollzeit beschäftigt, der andere nicht erwerbstätig. Nach dem Werkstattbericht des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hätten sich aber nur 14 Prozent der Familien dieses Modell gewünscht. 63 Prozent der Paare würden viel lieber Vollzeit/Teilzeit arbeiten – praktiziert wird das in lediglich 15 Prozent der Fälle. Das Modell beide Vollzeit wird in 3 Prozent der Familien durchgehalten, 7 Prozent würden es gerne so machen. "Beide Teilzeit" realisieren 5 Prozent der Paare, 16 Prozent würden gerne so arbeiten.

Skandinavien als Vorbild

Unflexible Arbeitszeiten bemängelt auch Autorin Susanne Mayer, die das Buch "Deutschland armes Kinderland" veröffentlicht hat. Sie nimmt Skandinavien als Vorbild: "Da dort alle arbeiten und Kinder haben, ist Solidarität selbstverständlich." Ungleich schwieriger sei es, "wenn Sie in einem Heer von Kinderlosen arbeiten, die es alle unmöglich finden, dass Sie nach Hause gehen", schildert die Autorin die Situation arbeitender Mütter in einem Interview. Väter, die sich um ihre Kinder kümmerten, hätten es im Beruf sogar noch schwerer. Schnell würden sie als "Waschlappen" charakterisiert. Außerdem kritisiert Mayer, dass es in Deutschland unter Müttern keine Solidarität gebe. "Berufstätige Mütter sind für Vollzeitmütter Rabenmütter." Anstelle von Solidarität zwischen Eltern mit verschiedenen Lebensstilen gebe es "unglaubliche Grabenkämpfe".

Susanne Mayer: Deutschland armes Kinderland. Wie die Ego-Gesellschaft unsere Zukunft verspielt. Eichborn Verlag, Frankfurt, 2002. ISBN 3821839643, 260 Seiten, 17,90 Euro

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