aus der fh 1/26 von Aloys Gelhaus
Dr. Erika Butzmann
„Sicherheit im Erziehungshandeln“
Die kindliche Entwicklung fördern in Zeiten von Unsicherheit und Modernisierungsdruck
Psychosozial-Verlag, Gießen | 250 Seiten, 34,90 Euro | ISBN 978-3-8379-3418-2
Das Aufwachsen unserer Kinder, ja, das Familienleben an sich war und ist in den letzten Jahrzehnten einem großen Wandel unterworfen. Erziehungshandeln wird ab etwa dem ersten Geburtstag immer häufiger und vielstündiger von den Familien auf externe Stellen übertragen, in erster Linie auf Kitas. In der sogenannten modernen Gesellschaft sollen Krippen der Knotenpunkt des sozialen Wandels sein, der Eltern möglichst früh wieder Berufstätigkeit erlauben soll.
So müssen die fremdbetreuten Kinder schon sehr früh aushalten, dass sie es in ihrer Erziehung mit mehreren Bezugspersonen und folglich mit häufigeren, viele Kinder belastenden Situationswechseln zu tun haben. Ist auch dadurch „Sicherheit im Erziehungshandeln“ verloren gegangen, wie es der Titel des neuesten Buches von Entwicklungspsychologin und Erziehungswissenschaftlerin Dr. Erika Butzmann, die auf langjährige Erfahrungen aus der Elternbildung und -beratung zurückgreifen kann, vermuten lässt?
Das zweite Kapitel beschäftigt sich ausführlich mit dem gesellschaftlich hochstrittigen Thema der frühen Krippenbetreuung.
Die wichtigsten Studienergebnisse über die Folgen von zu früher, zu langer und unter schlechter Qualität durchgeführter Krippenbetreuung, die im öffentlichen Diskurs gerne verschwiegen werden, runden die detaillierten Ausführungen zu den Problemen der Kinder mit der frühen Krippenbetreuung ab. Dass den Verfechtern der frühen Krippenbetreuung solche Studienfeststellungen nicht passen, liegt auf der Hand. Die Autorin weist darauf hin, dass z.B. die positive Sprachentwicklung die tiefgreifenden Belastungen der Kinder nicht legitimieren kann, zumal diese Vorteile gegenüber familienbetreuten Kindern zu Schulbeginn nicht mehr vorhanden sind, dass viele der Kinder (…) einen sie überfordernden Dauerstress erleben. „Dauerstress führt dazu, dass sich die Chancen des Kindes, sich seinen genetisch mitgegebenen Begabungen gemäß zu entwickeln und zu entfalten, deutlich verringern“. Die Autorin begibt sich mit Kapitel 3 gleichsam mit Erziehenden auf den Weg des Kindes von Geburt bis zum Schulkind. Welches Erziehungshandeln ist gefordert, wenn das Kind sich in bestimmten Altersabschnitten so oder so verhält? Eltern und Kita-Fachpersonal erfahren sehr nachvollziehbar eine Unmenge an Tipps und Beispielen für eine mögliche angemessene Reaktion. Die natürlichen Entwicklungsmerkmale und -verläufe sind dabei das Maß für Erziehungshandeln. Aus diesen natürlichen, reifungsbedingten Entwicklungsverläufen mit allen Facetten werden gleichsam die grundlegenden Ansprüche des Kindes an das Erziehungshandeln der Erwachsenen deutlich.
Die Autorin hat diese Zusammenhänge sehr praxisnah und förmlich das Kind vor Augen sehend geschildert.
Über die Entfaltung seines enormen Bildungspotenzials entwickelt sich das Kind bei einer zuträglichen Umwelt stetig weiter zu einer „verantwortungsbewussten, psychisch stabilen und leistungsfähigen Persönlichkeit“. Entsprechend ihrer kognitiven Reife eignen Kinder sich im möglichst ungestörten selbstgesteuerten Spiel die Umwelt an. Die wichtigste und tragende Ressource zur Erreichung dieses Zieles ist „die sichere Eltern-Kind-Bindung“. Kapitel 4 nimmt zwei Überforderungsthemen in den Blick, die Folge des beschleunigten Lebens sind. Die Reaktionen der Kinder auf die ständigen Situationswechsel werden erklärt sowie die Frage diskutiert, ob negatives Verhalten der Kinder aus Überforderungen resultiert oder ob ADHS dahintersteckt.
Bunte Bildungsprogramme von außen braucht es in den ersten Jahren nicht. „Die Gehirnentwicklung folgt einem gut ausgeklügelten Reifungsplan und mag die bunten Lernvorgaben in den ersten zwei Jahren nicht besonders“. Das Kind ist einfach noch nicht reif für externe Bildungsmaßnahmen, wie sie in Kapitel 5 dargestellt sind. Bildungsprogramme von außen schaden eher. Sehr kritisch sieht die Autorin deshalb beispielhaft die Partizipationsbemühungen und Maßnahmen zur Entwicklung des Demokratieverständnisses. Auch erscheint es ihr unsinnig, Kleinkindern in der Kita schon Medienkompetenz vermitteln zu wollen, was mit Kapitel 6 im Einzelnen erläutert wird. Hinzu kommt seit Jahren das extreme Problem des Personalnotstandes. So ist es zwangsläufige Folge dieses sogenannten gesellschaftlichen und sozialen Wandels in Verbindung mit der starken Erwartungshaltung der Eltern an die bestmögliche Bildung ihrer Kinder, dass er besonders auf dem Fachpersonal in den Kitas lastet. Aber auch die Eltern klagen über Zeitnot und Stress; einen Feierabend haben sie nur selten. Zu Hause wartet Familienarbeit auf Mutter und Vater.
Dass „der Stress im Alltag grenzwertig ist“ und unter diesen Voraussetzungen die Beteiligten den „Blick für die natürlichen Entwicklungsverläufe“ verlieren können, darauf weist die Autorin schon in der Einleitung hin.
Zu dem gesellschaftlich dominanten Thema der Rollenverteilung unter den Eltern zeigt die Autorin mit Kapitel 7 nachdrücklich auf, dass die Missachtung der unterschiedlichen Denk- und Wahrnehmungsweisen von Eltern auch die Kinder belastet. Ihre Argumente dafür, dass z. B. die „Identifikation mit dem Vater“ erst im zweiten Lebensjahr beginnt, sind nachvollziehbar dargelegt. Die Offenlegungen stehen im Gegensatz zum Mainstream unserer modernisierten Gesellschaft. Eine versöhnliche Einordnung der Autorin zum Ende des Kapitels: „Wenn Väter und Mütter die (…) genetisch vorbestimmten natürlichen Unterschiede im Denken und Verhalten annehmen könnten, gäbe es eine spürbare Entlastung im Zusammenleben der Familien“.
Fazit: Die realitätsnahen Beschreibungen in diesem wichtigen Buch werden zu mehr Sicherheit im Erziehungshandeln sowohl der Eltern als auch des Fachpersonals in den Kitas führen, weil sie von den berechtigten Ansprüchen des Kindes in seinen natürlichen Entwicklungsphasen ausgehen. Dazu hat die Autorin am Schluss eine wunderbare Aussage formuliert:
„Erziehung entlang der natürlichen Entwicklungsverläufe, die die Bedürfnisse der Kinder beachtet, Disziplin und Anstrengungsbereitschaft erwartet und soziale, emotionale und kognitive Bildung ermöglicht, führt zu einem gesamtgesellschaftlichen friedlichen Miteinander“.
Nicht nur Eltern und Fachkräfte sind angesprochen. Wenn unsere Familienpolitiker auf allen Ebenen bis hinunter zu Orts- und Kreisverbänden unsere Kinder für eine gute Zukunft vorbereiten wollen, dann ist zwingend, dass sie die Erziehungsleistung der Familien zunächst offen und ehrlich wertschätzen. Die Rahmenbedingungen dafür müssen so gestaltet werden, dass anstelle von wirtschaftlichen und ideologischen Prioritäten wieder die Kinder unverrückbarer Ausgangs- und Mittelpunkt ihrer Planungen und letztlich Entscheidungen sind.
Das Buch schließt ab mit dem zusammenfassenden Kapitel acht. Ein ausführlicher Index schafft die Möglichkeit, über Stichworte einzelne Themen im Buch gezielt aufzuspüren..

