1968 – Licht und Schatten (Fh 2018/1)

von Gertrud Martin

50 Jahre nach der Studentenrebellion: Die Zeitungen sind voll von begeisterten oder miesepetrigen Rückblicken. Je nach politischem Standort.

Auch wir als Familienverband und Lobby für die Anerkennung und Honorierung der Familienarbeit sollten uns fragen: was hat uns dieser gesellschaftliche Umsturz gebracht? Dabei fällt mir unweigerlich das Bild einer brennenden Kerze ein. Ihr Licht bewirkt, dass Gegenstände einen Schatten werfen. Wenn ich den nicht dort haben will, wo er hinfällt, verschiebe ich die Kerze, und der Schatten fällt anderswo hin: kein neues Licht ohne neuen Schatten! Das gilt auch für die Errungenschaften bzw. missliebigen Folgen der 68er-Revolution, die wie fast jeder gesellschaftliche Umsturz zunächst übers Ziel hinausschoss. Da bleibt Objektivität auch heute noch eine schwierige Herausforderung.

Blinder Obrigkeitsglaube („Kadavergehorsam“), definiert auch als Wegbereiter des „Dritten Reichs“ und jeglicher Kriegsbereitschaft, geriet zu Recht massiv in die Kritik, jedoch mit der Folge, dass hierarchische Strukturen rundheraus abgelehnt und Ansprüche auf Autorität verneint wurden.

Die „Abschaffung“ vermeintlich spießiger Tugenden wie Anstand, Höflichkeit, Pünktlichkeit, Manieren, Verlässlichkeit, Fleiß, Strebsamkeit, Pflichtbewusstsein, Treue, Ehrlichkeit musste sehr bald ihre Kehrseite zeigen, nämlich die Beeinträchtigung des gesellschaftlichen Zusammenlebens und des persönlichen Fortkommens. Lügen z.B. haben eben kurze Beine, mit denen sie aber zuverlässig zwischenmenschliches Vertrauen unterlaufen. Das „Naturgesetz“, nach dem soziales Miteinander funktioniert, ist nicht so einfach auszuhebeln. Es heißt: „Wie du mir – so ich dir!“ Auch heute sind Eltern gut beraten, ihre Kinder auszustatten mit dem Wissen über Wert und Wirkung dieser „Sekundärtugenden“.

Durch die 68er-Bewegung wurden Entwicklungen angestoßen, die das soziale Miteinander auf Dauer veränderten. Die Idee der Selbstverwirklichung leitete einen Prozess ein, der wegführte von der vorrangigen Verpflichtung des Einzelnen, das Gedeihen einer Gemeinschaft, der er angehörte, zu fördern, hin zur Wahrnehmung persönlicher Interessen. Dieser Idee der uneingeschränkten persönlichen Freiheit lag nicht zuletzt die Forderung zugrunde, jedes Individuum müsse selbst für den Erwerb seines Lebensunterhalts und die Sicherung seines Alters zuständig sein. Eine Selbstverwirklichung durch unentgeltliches Engagement für Andere ist unter dieser Prämisse nicht möglich. Die Abhängigkeit von einem mehr oder minder wohlmeinenden „Ernährer“ (vulgo: Ehemann) geriet zum Stigma der Rückständigkeit.

Seitdem sitzen besonders Vollzeitmütter in der Falle: Schon das 1957 von Konrad Adenauer eingeführte Rentenrecht hatte die Altersversorgung von der eigentlich naturgegebenen Voraussetzung abgekoppelt, die dafür später zuständigen Kinder aufzuziehen, und sie allein an die Erwerbsarbeit gebunden. Angemessene Rentenansprüche konnten folglich nur durch möglichst lückenlose sozialversicherungspflichtige Erwerbstätigkeit erworben werden. Fazit: Kinder wurden zum privaten Luxus bzw. zum Klotz am Bein. Zwei Generationen später haben das die meisten jungen Frauen begriffen und richten sich danach. Unterstützt werden sie dabei durch einen Feminismus, der Mutterschaft vom Anspruch weiblicher Gleichberechtigung ausschließt, und von einer Familienpolitik, die sich ganz in den Dienst dieses Feminismus und damit gekoppelter neoliberaler Wirtschaftsinteressen stellt. So werden als Mitwirkende an der Entwicklung des Elterngeldgesetzes unter Familienministerin Renate Schmidt „der Mittelstand“, der Arbeitgeberverband und der Deutsche Industrie- und Handelskammertag genannt. Die Familienverbände blieben außen vor.

Ein weiterer „Fortschritt“, die sexuelle Befreiung, angestoßen bereits durch Beate Uhse und Oswald Kolle, wurde beflügelt durch die Erfindung der Pille. Sie ist unbestritten ein großes Licht mit einem dementsprechend großen Schatten: Unter dem Motto: „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“, geriet dann auch der eheliche Seitensprung zum Kavaliersdelikt. Die Scheidungsraten stiegen. Immer mehr Frauen, die sich einem „Alleinernährer“ anvertraut hatten, um verantwortungsvoll gemeinsame Kinder großzuziehen, sahen sich doppelt betrogen. Ihr Selbstwertgefühl sank gegen null. Eine Erwerbsarbeit musste her. Heute gilt für sie, sich unbedingt der Doppelbelastung durch Familie und Erwerbstätigkeit zu stellen, wobei die Familie möglichst „mit links“ zu managen ist. Erwünscht und auch politisch gefördert ist dabei die Beteiligung eines Partners, der sich bereitfindet, seine Erwerbstätigkeit zugunsten der Familie einzuschränken und die damit verbundenen Nachteile für Einkommen und Alterssicherung in Kauf zu nehmen.

Die Erziehungskraft der Eltern ist durch das Doppelengagement erheblich beeinträchtigt. Wer will sich nach einem stressigen Arbeitstag abends noch mit den Kindern auseinandersetzen? Wer möchte sich – auch wenn es erzieherisch vernünftig erschiene – deren Konsumwünschen verschließen angesichts eines durch zwei Erwerbseinkommen vergleichsweise höheren Familienbudgets und angesichts dessen, was in der Überflussgesellschaft angesagt ist? In der Presse häufen sich die Nachrichten über dramatische Fälle elterlichen Versagens. Immer unabweisbarer entsteht der Eindruck, der Staat müsse mehr Familie in seine Regie übernehmen – ein Teufelskreis!

Nachdem die sexuellen Freizügigkeiten, die in den antiautoritären Kinderläden der 70er-Jahre als fortschrittlich galten, als Irrweg erkannt worden waren, müssen wir heute unsere Kinder – um sie gegen sexuellen Missbrauch zu wappnen – über Gefahren aufklären, die es früher zwar auch gab, aber nicht in dem heutigen Ausmaß. Schon die Kleinsten sollen lernen, „Nein“ zu sagen in Situationen, die sie nicht erfassen können und in denen sie einer übermächtigen Beeinflussung ausgesetzt sind. Bildungspläne für Kitas und Schulen sehen vor, die Kinder „spielerisch“ an eigene sexuelle Betätigung heranzuführen, und sie über verschiedenste, von der Heterosexualität abweichende Veranlagungen aufzuklären. Unsere Gesellschaft ist übersexualisiert. Im alten Wortsinn: geil. Das Gegenwort „keusch“ ist aus dem allgemeinen Wortschatz verschwunden. Auch dass jemand „verklemmt“ sei, hört man kaum noch. Die Möglichkeiten, die das Internet bietet, potenzieren diese Entwicklung. Dabei ist der Reiz der Romantik beim Zusammenfinden junger Paare weitgehend verlorengegangen, bis hin zum demonstrativen Überdruss an sexueller Betätigung.

Ein neues Licht wird derzeit durch die #MeToo-Bewegung aufgestellt, dessen Schatten eine bis in den intimsten Bereich der Menschen reichende staatliche Einmischung bedeuten könnte. Ohne Frage ist es ein Skandal, wenn Frauen bei sexuellem Missbrauch – egal in welchen privaten oder beruflichen Zusammenhängen – kein Gehör finden, weil unterschwellig immer noch patriarchale Denkweisen wirksam sind. Allerdings wäre in diesem Zusammenhang doch auch neu zu thematisieren, warum lt. gängigem Verständnis von Frauenrecht die Frauen beliebig aufreizend gestylt herumlaufen können, ohne dass die anwesenden Männer darauf reagieren dürfen, wie es ihrer Art als Säugetier entspricht. Wozu soll das ganze weibchenhafte Styling denn nütze sein, wenn nicht dazu, bei den Männern Eindruck zu machen und sie als Partner anzulocken? Noch einmal: es gibt keinerlei Rechtfertigung für Grapschereien. Aber wir Frauen sollten uns bewusst sein, dass wir eine Verantwortung für unsere eigene Würde und für guten Geschmack haben.

Die Befreiung der Frau zu einer gleichberechtigten Partnerin des Mannes in allen Lebensbereichen ist eine Erfolgsgeschichte der letzten Jahrzehnte oder besser des letzten Jahrhunderts (1919: Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland). Mädchen entscheiden sich frei für Berufe, die ihren individuellen Begabungen und Interessen entsprechen. Zu Recht fordern sie „gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit“ und ihren Anteil an Karrierechancen. Frauen sind nicht länger „dem Manne untertan“. Wie bereits ausgeführt, ist der Schatten, den dieses Licht wirft, gewaltig. Er wird allerdings trickreich verdrängt von der politisch allein korrekten, nach wie vor einseitigen, ideologiebesetzten Interpretation der Gleichberechtigung der Geschlechter: Nur in dem früher dem Manne zugesprochenen Bereich der Erwerbsarbeit wird die Frau gleichgestellt. Sobald sie eine entsprechende gleichberechtigende Anerkennung erwartet für ihre zutiefst weibliche Bestimmung als Mutter, sitzt sie – um im Bilde zu bleiben – im Finstern.

Die Folgen, die daraus resultieren, sind leicht abzusehen: Wenn es nicht gelingt, die Idee der Gleichberechtigung der Frau auf die Partizipation der Mütter auszudehnen, wird der Fortschritt unserer Gesellschaft ein Schritt in den Abgrund sein. Frauen dürfen durch Mutterschaft nicht länger benachteiligt werden. Es kann nicht Aufgabe einer Frauen- und Familienministerin sein, die jungen Frauen davor zu warnen, die Erwerbstätigkeit zugunsten eines Kindes einzuschränken. Vielmehr ist es ihre Aufgabe, dafür zu sorgen, dass alle heute aus einer Mutterschaft und dem Engagement für Familie (gegebenenfalls auch der Väter!) erwachsenden Benachteiligungen aufgehoben werden. Allerdings: Die einseitige hohe Subventionierung der außerfamiliären Kinderbetreuung bei gleichzeitiger Nullbewertung der in der Familie geleisteten Erziehung ist keine entsprechende Maßnahme. Im Gegenteil: sie ist kontraproduktiv, denn sie aberkennt den Müttern ihre Bedeutung für das Gedeihen ihres Kindes. Ebenso verhält es sich mit einem Elterngeld, das die Funktion eines Lohnersatzes wie bei Krankheit oder Arbeitslosigkeit hat, anstatt die Erziehungsarbeit der Eltern als solche anzuerkennen. Das heißt doch: „Diese Arbeit ist nichts wert. Lass sie lieber bleiben!“

„Kinder sind unsere Zukunft!“ Dieser wohlfeile Satz bedeutet: „Ohne Kinder haben wir keine Zukunft!“ Er bedeutet gleichzeitig: „Ohne Mütter haben wir keine Zukunft!“ Allem Aufschwung und jeder Blüte der Wirtschaft, zu denen die erwerbstätigen Frauen kurzfristig beitragen, ist langfristig das Ende einprogrammiert, wenn Frauen sich weiterhin als minderwertig erleben, sobald sie Mütter sind.

Kategorie: Feminismus, Gleichberechtigung Eltern – Kinderfreie. Lesezeichen anlegen für diese Seite.