Das Erziehungsgehalt ist Not-wendig: Stoppt die Ausbeutung der Eltern! (Fh 2017/2)

von Sabine Mänken

„Guter Ganztag macht Familien stark und fördert die Teilhabechancen aller Kinder“ so die Parlamentarische Staatssekretärin im Familienministerium Caren Marks in puncto Ganztagesbetreuung bei Schulkindern. 1) Die Bundesregierung weiß, was sie will: Neben den Kleinsten sollen nun auch die Schulkinder ganztags unter staatlicher Aufsicht stehen. Wenn es durch die Krippenoffensive gelungen ist, Fremdbetreuung in den Köpfen der jungen Eltern als selbstverständlich zu verankern, dann ist es nur folgerichtig, ihnen mit weiteren „Hilfen“ das Leben zu „erleichtern“. Dass mit der Betreuung von Schulkindern das Abenteuer Kindheit nun vollends verstaatlicht wird, fühlt vielleicht so mancher beim Lesen. Doch schnell ist jeder aufkommende Zweifel schöngeredet. Entspricht doch die „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ unserem modern gewollten Alltag…

Dem eigenen Gewissen verpflichtet

Stopp! Es ist wichtig, was Sie fühlen! Und welche Gedanken Sie dazu haben! Auch wenn der Zeitgeist nach anderem ruft: Nichts obliegt mehr der freien persönlichen Entscheidung als die Frage, wie wir unser eigenes Kind betreuen möchten. Das weiß auch das Grundgesetz: „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern…“ (Artikel 6, 2) – Andersdenkende mit eingeschlossen.

Das Buch DIE VERKAUFTE MUTTER 2) beschäftigt sich mit den Motiven für individuelle Erziehungsarbeit, die Eltern in Beziehung zu den Bedürfnissen ihres Kindes selbst leisten – ein Buch, das sich jenseits der Verwissenschaftlichung von Bindung und Bildung stark macht für die Einzigartigkeit von Erfahrungen. Denn je nach biographischem Hintergrund integrieren Frauen den Balanceakt zwischen beruflicher und familiärer Selbstverwirklichung ganz individuell. Was aber als gemeinsamer Grundton die verschiedenen Erfahrungen ausmacht, ist die Ausrichtung der eigenen Biographie auf die Ermöglichung, DA ZU SEIN. Dass an diesem Kunstwerk moderner Mutterschaft auch die Väter zunehmend teilhaben, unterstreicht die Vielfältigkeit der Gestaltungsmöglichkeiten. Auch wenn vielerlei externe Betreuungsmöglichkeiten Sinn machen, so sind sie weder der Weisheit letzter Schluss noch dauerhaft mit der Heterogenität einer mündigen Bürgerschaft vereinbar. Oder kann ein politisch hochgehaltenes demokratisches Freiheitsideal glaubwürdig sein, wenn die Verantwortlichen anfangen, den Pluralismus ihrer Gesellschaft durch die Propagierung uniformer Lebensmodelle zu zerstören?

Politische Bewusstlosigkeit oder bewusste Politik?

Doch unsere Wahlfreiheit stößt besonders beim Thema Familie auf politische und gesellschaftliche Widerstände. Obwohl sie ein Verfassungsgebot ist, scheuen die Parteien sich auch in diesem Wahlkampf nicht, ihr Angebot allein auf Fremdbetreuung auszurichten. Das gängige Verständnis von Frauenemanzipation schließt die Mütterlichkeit aus. Doch wer Selbstverwirklichung nicht ohne die Freiheit des anderen denkt, kommt zwingend zu dem Schluss, dass Frauen selbst beurteilen wollen, was dem Wohl ihrer Kinder dient.

Warum ist unser Denken so vernebelt? Liegt es daran, dass häusliche Erziehungsarbeit noch immer im Schatten des Erwerbssystems steht?

Volkswirtschaftlich gesehen ist längst bewiesen, dass elterliche Erziehungsarbeit eine produktive gesellschaftliche Arbeit ist, indem als „öffentliches Gut“ eine junge Generation ermöglicht wird. Sie ist deshalb der Erwerbsarbeit gleichzustellen, auch wenn sie bisher nicht auf dem Erwerbsarbeitsmarkt stattfindet. 3) Die Folgerichtigkeit dieser intergenerativen Betrachtungsweise wird offensichtlich, wenn wir der Erosion des klassichen Familienmodells Rechnung tragen. Die gesellschaftlichen Veränderungen durch Emanzipation und Individualisierung hatten das Anwachsen kinderloser und kinderarmer Paare sowie eine steigende Anzahl von Singlehaushalten zur Folge. Somit werden in zunehmendem Maße die positiven externen Effekte des Kinderaufziehens von gesellschaftlichen Gruppen genutzt, die keinen finanziellen Verzicht dafür geleistet haben. Gleichzeitig werden immer mehr Kinder durch nur einen Elternteil ins Leben begleitet. Die horizontale Einkommensumverteilung zwischen Kinderlosen, Lebensformen mit einem Kind oder mit mehreren Kindern ist vorprogrammiert. Die polarisierenden Folgewirkungen dieser Veränderungen liegen auf der Hand.

Wir stehen an der Schwelle. Das ökonomisch ehemals geschlossene intergenerative System braucht dringend den monetären Ausgleich, wenn Elternsein nicht zur Armutsfalle werden soll. Das Erziehungsgehalt ist DIE Antwort. Es ist volkswirtschaftlich ableitbar und sozial innovativ, denn es schafft die Rückintegration des Zusammenhanges zwischen Elternarbeit und Alterssicherung und verhindert damit die Abwälzung der finanziellen, sozialen und gesundheitlichen Folgen der gesellschaftlichen Veränderungen auf Eltern und Kinder. 4) Bis heute ist unser Verband Familienarbeit e.V. der einzige politisch motivierte Zusammenschluss, der diese Zusammenhänge eindeutig benennt und die Konsequenzen einfordert.

Fakt allerdings ist, dass noch immer die Frauen den Großteil der unbezahlten Haus- und Erziehungsarbeit machen, und dass sie deshalb oft ihre Existenz zusätzlich mit einem Broterwerbsjob sichern müssen. Warum wird uns dieses als Emanzipation verkauft? Die Schlagwortpalette, die um die Berufstätigkeit der „emanzipierten Frau“ herum existiert, verschleiert doch die Ausbeutung ihrer Arbeitskraft! In den meisten Fällen ist der Beruf nicht Berufung. Doch die Machteliten kümmert das wenig, solange sie im Dienste der globalisierten Märkte davon profitieren. Im Gegenteil: Manche Aussagen politischer Führungspersönlichkeiten offenbaren schonungslos ihre strategischen Motive 5) , und es ist in deren Interesse, wenn EU und andere politische Akteure wie z.B. die OECD darauf drängen, möglichst viele Kinder zwischen ein und sechs Jahren in Tageseinrichtungen unterzubringen, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit sicherzustellen. Fazit: Einsicht ist vom politischen Establishment nicht zu erwarten.

Alte Rollenbilder verhindern Freiheit im Denken

Im Gegenteil: Jeder nur annähernde Versuch, dem Artikel 6,4 im GG – „jede Mutter hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft“ – etwas gerechter zu werden, gilt in der öffentlichen Diskussion als Rückschritt. Die abgelutschte Phrase vom „Heimchen am Herd“ zieht noch immer… Letztendlich ist es ja auch keiner Frau übelzunehmen, wenn sie nicht dastehen will wie das adrette Weibchen aus der Persilwerbung! Nein, das Hausfrauenmodell wird nicht zurückkehren. Die alten Rollenbilder und ihre verzerrte mediale Ausschlachtung verstellen nur den Blick auf die eigentliche Brisanz des Themas. Denn im modernen Muttersein liegt ein gesellschaftsrelevanter Widerspruch, der uns Frauen inzwischen spaltet. Es ist eben ein Irrtum zu glauben, es sei für alle gesorgt, wenn jeder für sich selber sorgt. Deshalb muss sich Mutterschaft von ihrer rollenbezogenen funktionalistischen Aufgabe emanzipieren zu einer in Freiheit gewählten Arbeit, die Beziehung und Fürsorge ermöglicht. Muttersein wirkt Kultur schaffend. Dass damit ein bewusster Verzicht auf gesellschaftliche Gleichberechtigung einhergeht, ist ein Absurdum. Die wachsende Familienarmut wird uns bald eines Besseren belehren, wenn wir nicht die gesellschaftliche Spaltung riskieren wollen. Trotzdem und Gott sei Dank! Unsere Gesellschaft unterliegt einem permanenten Wandel. Der Zeitgeist hat seine eigenen Gesetze, die vor allem durch die jungen Menschen Ausdruck finden. Entwicklung ist DIE Gesetzmäßigkeit an sich, an der die Menschheit nicht vorbeikommt. Der peinliche Glaube an eine allzeit wachsende Wirtschaft ist dafür nur die materielle Projektionsfläche.

Es ist kein Zufall, dass seit 2015 weitere Bücher herausgegeben wurden, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Frage stellen. 6) Doch trotz allen Mahnens an der Grenze zur Unmöglichkeit, das Eltern spaltet zwischen Verstand und Gefühl, sind wir offensichtlich als hochindustrialisierte Gesellschaft noch nicht fähig, endlich die Konsequenzen zu ziehen.

Das Erziehungsgehalt schließt die Wunde im sozialen Gefüge

Die Rhythmen der verschiedenen Alter eines Menschenlebens sind geistiges Gut einer jeden Kultur und brauchen Wertschätzung. Doch die finanzielle Nichtbewertung von Familienarbeit und ihr Missbrauch durch den Arbeitsmarkt ist nicht nur eine Frage des kulturellen und ethischen Selbstverständnisses unserer Gesellschaft, sondern vor allem ihrer Überlebensfähigkeit. Solange es ein Elterngeldgesetz geben kann, das bewirkt, dass Eltern, die vor ihrer Erziehungsarbeit nicht erwerbstätig waren, gegenüber Eltern, die für ihre Erziehungsarbeit nur vorübergehend nicht erwerbstätig sind, finanziell diskriminiert werden, ist die Notwendigkeit verbindlicher Fürsorgearbeit im gesellschaftlichen Bewusstsein nicht angekommen. Im Gegenteil: Der Zugriff der Arbeitsmarktpolitik auf die Familien vernebelt unser Denken. Wir müssen aber klar sehen, dass es die Ausrichtung unseres Sozialsystems ist, die die zunehmende Kinder- und Elternarmut verursacht.

Inzwischen lebt jedes fünfte Kind in Armut. 7) Der ökonomische Druck auf Eltern – insbesondere im Trennungsfall – legt den Boden für eine Überforderung, die die Beziehungen in der Partnerschaft und zu den Kindern vor Zerreißproben stellt. Oft werden Kinder und Jugendliche auch in den höheren Einkommensschichten durch mangelnde Präsenz der Eltern schwer vernachlässigt. Zunehmende psychische Erkrankungen zeugen davon.

Das Erziehungsgehalt gleicht die Einkommensungerechtigkeit zwischen Kinderlosen und Eltern mit allen genannten Folgewirkungen aus und ermöglicht somit die finanzielle Wertschätzung einer kulturschaffenden Begleitung. Damit korrigiert es die Diskriminierung der Familienarbeit im gesellschaftlichen Bewusstsein sowie die Herabsetzung von Familien zu Almosenempfängern. Als sozialversicherungspflichtiges Gehalt ermöglicht es in Konkurrenz zur Selbstverwirklichung durch Beruf eine wirkliche Wahlfreiheit in der Entscheidung, ob Mutter oder Vater eine zeitlang Familienarbeit übernehmen wollen. Erst wenn alle Eltern Erziehungsgehalt bekommen, egal ob sie es für eine Kita, eine Tagesmutter oder als Einkommen für die selbst geleistete Erziehungsarbeit verwenden, vollendet sich Gleichberechtigung unabhängig vom jeweiligen Lebensentwurf. Voraussetzung dafür ist, dass wir Bewusstsein schaffen, auf einer möglichst breiten Basis, die von den Veränderungen der politischen Landschaft über ihre eigene Initiative weiß.

Fußnoten:

1) Quelle: Pressemitteilung 65/2016 des BMFSFJ

2) DIE VERKAUFTE MUTTER – 21 Erfahrungsberichte zur Freiheit der modernen Frau, S. Mänken, B. Hellebrand, G. Abel, Quell Edition 2015

3) Erziehungsgehalt 2000 – Ein Weg zur Aufwertung der Erziehungsarbeit, C. Leipert, M. Opielka, Institut für Sozialökologie, Bonn 1998, S. 18ff

4) vgl. die Listung der Folgen bei Leugnung des intergenerativen Zusammenhanges: http://familienarbeit-heute.de/?page_id=4661

5) Michael Rogowsky, Präsident des BDI anlässlich der Debatte im Familienministerium zur Befristung des einzuführenden Elterngelds: „Wenn kein Geld mehr bezahlt wird, werden die meisten freiwillig früher zurückkehren.“ Die Welt v. 09.11.2004

6) DIE-ALLES-IST-MÖGLICH-LÜGE – Wieso Familie und Beruf nicht zu vereinbaren sind, S. Garsoffky, B. Sembach, Pantheon Verlag, München 2014. GEHT ALLES GAR NICHT – Warum wir Kinder, Liebe und Karriere nicht vereinbaren können, M. Brost und H. Wefing, Rowohlt 2015. und DIE ABSCHAFFUNG DER MUTTER – Kontrolliert, manipuliert und abkassiert – warum es so nicht weitergehen darf, A. Bronsky, D. Wilk, DVA 2016

7) u.a. Studie der Hans-Böckler-Stiftung, 2014

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