Schon gewählt?

99 Fragen zur Familienpolitik der Zukunft

von Judith Bomheuer-Kuschel zur bevorstehenden Bundestagswahl

1. Haben Sie schon gewählt?
2. Wollen Sie lieber eine Ganztagsschule oder 750 Euro pro Kind/Monat?
3. Oder suchen Sie einen verbindlichen Krippenplatz für Ihr Kind, das noch keine drei Jahre ist, oder wollen sie anstelle der Eigenheimzulage einen höheren Grundfreibetrag?
4. Sind das gute Aussichten oder Alternativen?
5. Sind 750 Euro pro Kind/ Monat eine Bleibeprämie für die Frau, im Haus zu bleiben, Haus- und Erziehungsarbeit zu machen?
6. Auch für die Zeitungsfrau oder die Putzfrau, die morgens, wenn die Kinder noch schlafen, zum Geld verdienen aufsteht, oder für die Hebamme, die nachts arbeitet, damit man über die Runden kommt?
7. Ermöglichen oder verhindern 750 Euro pro Kind/Monat die Erwerbsarbeit von Frauen?
8. Welche Berufe sollen denn vereinbar sein mit der Familie?
9. Sind alle Berufe oder nur die schönen, die lukrativen, die mit Selbstverwirklichungschance gemeint?
10. Gehören auch die anstrengenden, die dreckigen, die manchmal auch unmenschlichen dazu?
11. Wo arbeiten Familienfrauen; wo wollen Familienfrauen arbeiten; wo müssen sie arbeiten; wo dürfen sie arbeiten; wo können Familienfrauen arbeiten?
12. Wird die Familienarbeit an Wert gewinnen, wenn die Schulkinder bis 16.00 Uhr vom Staat betreut werden?
13. Wird mit den Ganztagsschulen die Familie aufgewertet oder abgewertet?
14. Wer betreut Ganztagsschulkinder wenn sie krank sind, vielleicht nicht nur einen Tag sondern sechs Tage?
15. Sind dann die Frauen gefragt, die die Emanzipation verschlafen haben und zuhause anzutreffen sind?
16. Wäre es gut in einem solchen Fall 750 Euro pro Kind/Monat zu haben, um eine Krankenfallmutter einzustellen?
17. Tut der Staat etwas für die Familien, wenn er Krippenplätze für die Kleinkinder anbietet?
18. Müssen nur Frauen die Möglichkeit haben, Familie und Erwerbstätigkeit miteinander zu verbinden?
19. Brauchen oder haben auch Männer eine solche Chance?
20. Gibt es in unserer rational-ökonomischen Gesellschaft einen familienfeindlichen Leistungsdruck?
21. Oder wird in dieser Debatte deutlich, dass hier zwei verschiedene Leistungsprinzipen gegeneinander stehen und der Sieg des einen über das andere kurz bevorsteht?
22. Gibt es unterschiedliche Leistungsprinzipien für die Familienarbeit auf der einen und die Erwerbsarbeit auf der anderen Seite?
23. Steht bei dem einen die Leistung von Fürsorge, von Selbst-Zurücknahme, von Non-Profit, von Mitmenschlichkeit und Liebe im Vordergrund, und beim anderen die Selbst-Verwirklichung, der Profit, die Gewinnmaximierung und Effizienz?
24. Zweifelt jemand daran, dass beides eine Form von Leistung, von Arbeit ist?
25. Benötigen wir für die Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit also zwei unterschiedliche Leistungsprofile, die sich möglicherweise widersprechen, aber für eine humane Gesellschaft notwendig sind?
26. Ist es einzusehen, warum diese beiden Leistungsprofile, das Non-Profit und Profit-Prinzip, auf die Geschlechter verteilt wurden?
27. Gab es da historische Notwendigkeiten?
28. Ist das Gleichgewicht zwischen diesen beiden Leistungen aus den Fugen geraten, weil das Prinzip der Selbst-Zurücknahme, der Fürsorge, der Mitmenschlichkeit verraten wurde?
29. Helfen uns da 750 Euro und eine Ganztagsschule?
30. Fehlt hier eigentlich Geld?
31. Haben Frauen erkannt, dass die Verteilung der beiden Leistungsformen auf die Geschlechter eine ungute und auch ungerechte Sache ist?
32. Brauchen wir beide Leistungspotentiale?
33. Brauchen wir ein Gleichgewicht dieser beiden?
34. Muss dieses Gleichgewicht von allen Menschen getragen werden?
35. Wird das erreicht, wenn Frauen in beiden und nicht nur in einem Leistungsprofil vertreten sein wollen, dürfen und können?
36. Reduzieren und rationalisieren wir dann mit Hilfe von Mikrowelle, Ganztagsschule, G8-Abitur, Hausfrauen-Managment-Kursen die Familienarbeit soweit, dass wir sie nebenbei erledigen können?
37. Unterstützt der Staat die Nebenbei – Familie?
38. Verraten Worte wie "Erziehungsurlaub", "Wiedereinstieg" und "Neuer Start ab 35", welches Leistungsprinzip den Vorrang hat und das Denken bestimmt?
39. Ist der Einstieg in das Leistungssystem von Fürsorge und Du-Priorität, von Pflege und Solidarität ein Ausstieg?
40. Wer ist eigentlich aus welchem Prinzip ausgestiegen?
41. Oder brauchen wir bald dieses andere Prinzip mitmenschlicher Obhut, der freundlichen Sorge nicht mehr, weil wir das alles bezahlen können, mit Geld regeln?
42. Werden wir in beiden unverzichtbaren Leistungen gleichermaßen geschult?
43. Welches Prinzip wird denn in unseren Schulen vermittelt?
44. Bildet Schule in ausgewogener Weise in beiden Leistungsprofilen aus?
45. Gibt es in unseren Halbtags- oder Ganztagsschulen Unterricht in menschlicher Fürsorge, in Selbst-Zurücknahme, in Arbeiten zum Wohl des Anderen?
46. Geht der Staat davon aus, dass diese Fähigkeit dem menschlichen Instinkt eigen ist?
47. Warum aber gibt es dann eine so große Differenz zwischen den Geschlechtern?
48. Gibt es Unterricht zum Thema Kinder, alte Menschen, Kranke und Bedürftige?
49. Brauchen wir das nicht?
50. Warum sind die Erziehungsberatungsstellen dann so ausgelastet?
51. Lernen Kinder und Heranwachsende fürsorgliche Tätigkeiten?
52. Sollte eine Abiturientin, ein Abiturient gelernt haben, mit einem pflegebedürftigen, kranken Menschen zu kommunizieren und ihn zu begleiten?
53. Würde Ihnen eine Abituraufgabe einfallen zu diesem Thema?
54. Etwa: Können Sie die Geschichte, Persönlichkeit und Beziehung ihrer Großeltern aufzeichnen?
55. Sollte nicht jede Schülerin, jeder Schüler in seiner Schulzeit auch Kranke gebettet, Kinder gewickelt, und Kochen gelernt haben?
56. Oder auch an einem Sterbebett gewesen sein?
57. Welches Leistungsprinzip wird in der Schule gefördert, gepflegt und welche Bereiche als lehrplanwürdig anerkannt?
58. Lernen wir die Bereitschaft und auch Fähigkeit, Pläne zurückzustellen, wenn bedürftige Menschen sie stören?
59. Lernen wir, dass Geschwindigkeit, Effizienz, Rationalität nicht für alle Bereiche des menschlichen Lebens sinnvolle Ziele sind?
60. Macht Schule uns für etwas ganz anderes stark?
61. Fällt vielen die Arbeit und das Leben für andere Menschen so schwer, weil sie die Prinzipien dafür nicht gelernt haben und jahrelang auf die anderen eingeschworen und geschult wurden?
62. Hat dafür bisher die Religion gesorgt?
63. Was würde sich ändern, wenn die Schule nicht nur "Wissen", sondern "Wissen und Pflegen" zu ihren Hauptzielen erklären würde?
64. Wäre das nicht die eigentliche Förderung für die Familie: alle heranwachsenden Menschen in beiden Leistungsprofilen gleichermaßen zu unterweisen, weil eine humane Gesellschaft beide dringend benötigt?
65. Oder ist das keine kulturelle Leistung und Fähigkeit wie Rechnen, Schreiben und Lesen?
66. Können Sie sich einen Manager vorstellen, der bis zum Ende seiner Schullaufbahn in Fürsorge, Menschenkenntnis, Pflege, Familienarbeit nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch unterwiesen wurde?
67. Können Sie sich einen Arbeitgeber vorstellen, der Sie mit Rücksicht auf ihre Familie nach Hause schickt und seine ökonomischen Interessen zurückstellt, auch wenn es sich nicht rechnet?
68. Können Sie sich einen Arbeitsvertrag vorstellen, in dem ausdrücklich steht, dass sie diese Arbeit nur tun dürfen, solange sie die andere, die unendgeldliche Fürsorge für Ihre Mitmenschen nicht verletzen?
69. Hätten Sie dann nicht nur einen Tag für die Bestattung der Eltern frei, sondern vielleicht auch Wochen für die Pflege und Fürsorge?
70. Müssten Sie dann um Ihren Erwerbsarbeitsplatz bangen, wenn Ihr Kind am vierten Tag mit Fieber aufwacht?
71. Stehen da nicht genug Menschen, Millionen sogar, die auf Arbeit warten?
72. Oder müssen sich Familienfrauen bald gegenseitig als Tagesmütter einstellen, damit sie erwerbstätig sind, vielleicht noch Steuervorteile haben und mancherorts den Vorrang, wenn es um die Verteilung von Kindergartenplätzen oder sonstigen Einrichtungen geht?
73. Kommt bald eine Familienfürsorgeversicherung?
74. Wird dann einzeln abgerechnet: Essen kochen, Wäsche waschen, Knöpfe annähen, Ausflug machen, Elternabendbesuch, Baby wickeln, Wohnung putzen….?
75. Hat dann das Profit-System endlich gewonnen; alles ist bezahlbar und weil alles bezahlt werden muss, muss jeder gegen Geld arbeiten?
76. Haben wir es nicht in der Altenfürsorge geschafft, das Fürsorge-Prinzip durch das Profit-Prinzip zu ersetzen, weil die Arbeitsbedingungen der rational-ökonomischen Gesellschaft niemandem mehr die Pflege ermöglichen und unsere einseitige Unterweisung nach dem Ich-Prinzip uns zur Effizienzfrage zwingt?
77. Wann waren Sie zuletzt in einem Alten-Pflegeheim?
78. Sind da nicht viele Familienfrauen, die unendlich viel geleistet haben, aber eben nach anderen Kriterien, die Managerinnen im Fürsorge-Profil?
79. Wenn beide Lebensprinzipien gleichlebendig und gleichwertig gestärkt würden und auf beide Geschlechter verteilt wären, fehlte es dann an Anerkennung?
80. Kämen Menschen dann auf die Idee, Dinge zu produzieren, die unmenschlich oder ungesund sind, aber viel Profit bringen?
81. Werfen wir das Fürsorge-Prinzip dem profit-orientierten Markt vor die Füße, weil Fürsorge ohne Gewinn keine Lobby mehr hat?
82. Sind also 750 Euro pro Kind/Monat wirklich eine Bleibeprämie für die Frau oder vielmehr eine Bleibeprämie für ein global orientiertes, börsengesteuertes, aber familienunfreundliches Wirtschaftssystem?
83. Eine Bleibeprämie für den Absolutheitsanspruch des Geldes?
84. Sollen wir uns vom Staat die Fürsorge bezahlen lassen oder sollen wir lieber den Staat für die Ausbildung der dazu notwendigen Fähigkeiten zahlen lassen?
85. Muss nur die Frau beides miteinander verbinden können?
86. Oder soll sie es stellvertretend für die ganze Gesellschaft tun?
87. Kann sich unsere ökonomie, in der jeder Atemzug und Handgriff in Geld umgesetzt wird, ein so konkurrierendes und konträres Leistungsprinzip noch gestatten oder gar neben sich dulden?
88. Kann sich das Wirtschaftssystem die Familie nur noch als Humankapital leisten, als potentielle Hebelbediener der Maschinenindustrie?
89. Muss also Familienpolitik nicht in erster Linie kritische Wirtschaftspolitik und kritische Bildungspolitik sein?
90. Soll die Ganztagsschule also nicht die Familie entlasten, sondern sich mit dem Komplex Familie belasten?
91. Brauchen wir also Eingliederungsprogramme in eine ganz andere Richtung: in ein Leistungsprofil von Non-Profit und Selbst-Zurücknahme? Wenn ja, für wen? Wüssten Sie auch, wer solche Kurse hervorragend und kompetent entwerfen könnte?
92. Helfen da 750 Euro pro Kind/Monat?
93. Helfen da Ganztagsschulen?
94. Will uns der Staat vom Fürsorge-Prinzip entlasten?
95. Tagesmütter sind berufstätig, Mütter auch?
96. Lässt sich die feindliche übernahme durch das ego- und profitbezogene Denken aufhalten?
97. Durch Geld?
98. Ist Geld nicht das Vernichtungsmittel für jenes andere, Du-bezogene, fürsorgliche, pflegende und liebende Arbeiten?
99. Sind wir auf dem Weg in eine arme reiche Gesellschaft?

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