Die Welt ist ein Haushalt und Politik ist postpatriarchale Haushaltungskunst – Ausgabe 2006/2

Vortrag von Ina Praetorius am 11. März in Königswinter
bei der gemeinsamen Veranstaltung des vffm und azk:

Das Recht auf Anerkennung von (Familien-)Arbeit ist nur die andere Seite des Rechts auf Arbeit.

s. a. Bericht in der demnächst erscheinenden Ausgabe 2/2006 von Familienarbeit heute

Liebe Frauen und Männer von der dhg-vffm,

mit grossem Interesse habe ich die Informationen zu Ihrer Arbeit gelesen, die Frau Vetter mir geschickt hat. Schon von meinem Schweizer Mitstreiter Christof Arn wusste ich, dass Ihr Verband eine sehr gute, zukunftsschwangere Sache ist. Durch die Lektüre einiger Nummern Ihrer Zeitschrift "Familienarbeit heute", vor allem der Jubiläumsausgabe, und der Studie "Vollbeschäftigung ist möglich!" konnte ich mich überzeugen, dass er Recht hat. Als protestantische Theologin, die die Entwicklung der Katholischen Soziallehre eher von ferne beobachtet, war ich auch begeistert von den Texten von Oswald von Nell-Breuning. Ich finde es eigenartig, dass die Stellen aus seinem Werk, an denen er über die gesellschaftliche Bedeutung der Familienarbeit spricht, bisher so wenig beachtet, geschweige denn umgesetzt werden. Aber das lässt sich ja glücklicherweise nachholen.

Was Ihr klares Eintreten für eine neu strukturierte Arbeitsgesellschaft angeht, melde ich zwar gewisse Differenzen an. In einem Text, den Sie im Internet (1) und in einem meiner neuen Bücher finden, (2) haben wir, die Gruppe "Gutesleben", unsere Vorstellung von einer Kombination aus leistungsunabhängigem Grundeinkommen und Familienarbeitslohn zur Diskussion gestellt. Wir meinen, dass es in der Zeit des ausgehenden Patriarchats die Möglichkeit für Frauen und Männer geben muss, unabhängig vom Gelderwerb neu auszuprobieren, was überhaupt sinnvolles Dasein und Tätigsein ist – jenseits der gängigen Verkoppelung von Lohn und vorgeschriebenen Arbeitsleistungen. Daher unser Plädoyer für ein Grundeinkommen und für die zumindest partielle Auflösung des nur scheinbar selbstverständlichen Konnexes zwischen Leistung und Lohn. Wichtig scheint mir heute aber vor allem, dass unterschiedliche Modelle eines postpatriarchalen Zusammenlebens entwickelt und miteinander ins Gespräch gebracht werden. Und in diesem Sinne bin ich sehr interessiert an einer Debatte über Ihre Idee einer Fortschreibung der Vollbeschäftigung unter veränderten Vorzeichen.

Heute aber sehe ich meine Aufgabe nicht in erster Linie darin, unterschiedliche Zukunftsmodelle gegeneinander abzugrenzen und zu beurteilen. Vielmehr möchte ich mich auf einen Aspekt unseres Themas konzentrieren, den ich in Ihren Texten nicht ausgeführt gefunden habe und auch insgesamt in der Debatte um neue Formen der Existenzsicherung wenig entdecke. Ich nenne diesen Aspekt "Symbolische Politik", knüpfe damit an den Sprachgebrauch der italienischen Denkerinnen der Geschlechterdifferenz an, (3) die mir sehr wichtig sind, und möchte gleich erklären, was ich damit meine:

Symbolische Politik

Wenn ich von symbolischer Politik spreche und diesem Aspekt des Politischen einige Wichtigkeit zumesse, dann beziehe ich mich auf die Tatsache, dass Frauen, Männer und Kinder, wenn sie miteinander sprechen, wenn sie zum Beispiel über das gute Zusammenleben in der Zukunft verhandeln, notwendigerweise Symbole benutzen: Sie können nicht unmittelbar mit dem umgehen, was wir "die Welt" oder "die Wirklichkeit" nennen, sondern müssen, was sie wahrnehmen, in Zeichen übersetzen: in Wörter vor allem, aber auch in Bilder, Gesten und andere nonverbale Zeichensysteme. Das gilt für die direkte Kommunikation von Angesicht zu Angesicht genauso wie für die sogenannt grosse, die globale Medienlandschaft und alle Zwischenstufen.

Als zum Beispiel die Helden der Französischen Revolution die moderne Dreieinigkeit aus "Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" proklamierten, setzten sie Erkennungszeichen für eine grosse Bewegung in die Welt, die die Menschheit vom Absolutismus befreite und inzwischen dazu geführt hat, dass sich weltweit, zumindest nominell, die Staatsform der Demokratie durchgesetzt hat. Gleichzeitig verknüpften sie durch den Begriff der Fraternité Freiheit und Gleichheit – von Neuem – fest mit Männlichkeit. Diese Verbindung bestand schon vorher, sie steht schon am Ursprung des westlichen Demokratiemodells in der athenischen Polis, sie hat, was wir "Demokratie" nennen, wesentlich geprägt, sie wurde durch den Wahlspruch der Revolutionäre erneut verfestigt und hat massive Auswirkungen bis in die Gegenwart: Sie wissen, dass noch heute zum Beispiel der Begriff der "Arbeit" in den meisten grossen Medien umstandslos mit "Erwerbsarbeit", also mit dem, was sich als "freie männliche Arbeit" versteht, gleichgesetzt wird. Schon Aristoteles meinte zu wissen: Nur Männer sind wirklich freie Menschen, nur sie sind um ihrer selbst willen in der Welt, nur was sie tun, ist relevant und wert, von Philosophen und anderen Gelehrten auf den Begriff gebracht zu werden. Seit mindestens zweitausend Jahren ist diese Verknüpfung von Freiheit, Wichtigkeit, Sichtbarkeit, Kultur, Vernunft, Gott usw. mit Männlichkeit in der Welt. Entsprechend lange lebt die Menschheit, zumindest im Westen, mit dem engen Konnex von Weiblichkeit und Abhängigkeit, natürlichem Funktionieren, Trivialität, Körperlichkeit, (Kontroll-)Bedürftigkeit… Solche grundlegenden Zuordnungen, die uns, wenn wir sprechen, oft nicht bewusst sind, konstituieren das, was ich die "zweigeteilte symbolische Ordnung des Patriarchats" nenne.

In politischen Reden wirkt die zweigeteilte Weltordnung ebenso wie dann, wenn zum Beispiel ein Familienvater seinen Kindern erzählt, er gehe jetzt zur Arbeit und Mama bleibe zuhause. Oder wenn ein Manager beim World Economic Forum in Davos vor laufenden Fernsehkameras sagt, mit ein bisschen gutem Willen werde es bald wieder mehr Kinder geben, und die Hauptsache sei "natürlich", dass die Wirtschaft wachse.

Diese zweigeteilte symbolische Ordnung des Patriarchats ist zwar heute in Auflösung begriffen, wofür Ihr Verband ein gutes Beispiel ist. Aber sie lässt sich nicht von einem Tag auf den anderen, noch nicht einmal von einer Generation zur anderen aus der Welt schaffen. Noch immer vernebelt sie das Bewusstsein der Menschen, sogar immer wieder das Bewusstsein von Leuten wie uns, die es eigentlich längst besser wissen. Manchmal hat es den Anschein, als seien die falschen Wörter und die falschen Sätze – also: die noch vorherrschende symbolische Ordnung – wie eine Dampfwalze, die jedes Argument platt macht und jede alternative, richtigere Welt-Benennung vernichtet. Symbole transportieren ja nicht nur Sach-Bedeutungen, sondern auch Gefühle: zum Beispiel die Angst, arm zu werden oder die nächste Wahl zu verlieren, das Minderwertigkeitsgefühl der "Nur-Hausfrauen" oder das Bedürfnis, im allgemeinen Gerede mithalten zu können, statt mit einer queren Symbolik "daneben" zu liegen. Wörter haben viel Macht, weil sie mit unserer Weltwahrnehmung auch unseren Gefühlshaushalt und – das ist besonders wichtig – unser Handeln beeinflussen. Wer glaubt, dass "seine" Frau "nur zuhause" ist, verstellt sich die Möglichkeit zu sehen, was sie dort tatsächlich tut, und damit die Chance, die Frage nach dem guten Zusammenleben von der Wurzel her anzugehen. Wer meint, die Welt sei im wesentlichen ein Markt, an dem viele kleine abhängige Konsumzellen hängen, die sich "Privathaushalte" nennen, kann nicht erkennen, dass es sich in Wahrheit umgekehrt verhält: dass die Welt ein grosser Haushalt ist, in dem Menschen auf die unterschiedlichsten Weisen füreinander sorgen, miteinander handeln und tauschen, unter anderem auch Waren gegen Geld. Selbst wenn jemand daher kommt und, wie zum Beispiel die diversen Zeitbudgetstudien, nachweist, dass bis zu zwei Dritteln der produktiven Arbeitsstunden in Haushalten geleistet werden, wird der Marktgläubige noch nicht wirklich sehen, wie es wirklich ist. Denn das Bild vom Weltmarkt als dem Mass aller Dinge und Menschen und die symbolische Verknüpfung zwischen männlicher Potenz und Geld/Gold (4) ist stark und lässt sich nicht allein mit neuen Zahlen und Fakten aus der Welt schaffen, so wichtig solche Zahlen und Fakten auch sein mögen. Was es jenseits von guten Argumenten, Zahlen und Statistiken braucht, nenne ich symbolische Politik. Es ist die bewusste Arbeit an den Wörtern, die wir für die Welt gebrauchen, und heute speziell die Arbeit an der Dekonstruktion der zweigeteilten Weltordnung. Diese Arbeit reicht weiter als bis zur Kritik an den dominanten Weltbildern. Sie besteht vor allem in der Suche nach einer neuen Symbolik, nach anderen Benennungen für das Ganze, um die sich die unterschiedlich gelagerten Bewegungen für ein postpatriarchales Zusammenleben sammeln und von denen her sie agieren können.

Die Welt: ein Haushalt. Ueberlegungen zur Methode

Ich habe es bereits angedeutet: meine Idee, über die ich sogar schon ein Buch geschrieben habe,(5) besteht darin, von der Vorstellung her, die Welt sei kein Markt, sondern ein Haushalt, "das Ganze" neu zu benennen.

Ich möchte gleich zu Beginn festhalten, dass es dabei nicht darum geht, Haushalte zu idealisieren und Märkte abzuschaffen oder zu verteufeln. Meine Vorstellung des Neu-Benennens orientiert sich nicht an der Methode "Revolution", also nicht an der Vorstellung, man müsse das Oberste zuunterst kehren und ein Weltbild durch das andere "ersetzen", damit alles gut wird. Jede Hausfrau weiss nämlich, dass Häuser nicht wohnlicher werden dadurch, dass man das Mobiliar des Kellers in den Dachboden transportiert und umgekehrt. Wenn wir über das gute Zusammenleben verhandeln, dann geht es aber um Wohnlichkeit. Und deshalb orientiere ich mich in meiner Spracharbeit an der hausfraulichen Tätigkeit des Aufräumens: Ein Schrank gehört nicht in die Mitte eines Wohnzimmers, denn dort verstellt er die Sicht und kann seinen Zweck als Aufbewahrungsort für das, was gerade nicht gebraucht wird, nur schlecht erfüllen. Ebenso gehört auch das Konzept "Markt" nicht in die Mitte unseres Denkens und Wahrnehmens, sondern an den Rand. Denn der Markt ist eine sekundäre Institution, in der es um die Verteilung von Ueberschüssen geht. Ich schiebe also den Schrank an die Wand, sprich: weise der Vorstellung vom Welt-Markt wieder den ihr angemessenen Ort zu. In die Mitte des Raumes gehört der Ess- und Verhandlungstisch. Denn im Haushalt Welt sitzen die Leute zusammen, nähren einander und werden ernährt, spielen, sprechen, streiten sich und verhandeln immer neu über die Regeln des Zusammenlebens.

Das wesentliche Problem der androzentrischen (6) symbolischen Ordnung ist nämlich nicht, dass sie alles vollkommen falsch benannt hat. Vielmehr besteht das Kernproblem darin, dass diese Ordnung notorisch das Erste mit dem Zweiten verwechselt: Das Erste, von dem aus zum Beispiel der moderne androzentrische Oekonom denkt, ist der erwachsene, sogenannt "unabhängige", rational urteilende homo oeconomicus, der zu anderen autonomen, ihm gleichwertigen Marktteilnehmern in transparente Tauschbeziehungen tritt. Alles andere, also Herkunft und Herkommen, Kindheit, Verletzlichkeit, Abhängigkeit und Alter, Geborensein, Gefühle und Körperlichkeit ist für ihn sekundär und irgendwie peinlich. Deshalb bemüht man sich seit langem, das, was man für zweitrangig und animalisch hält, in möglichst verborgenen gesellschaftlichen Nischen unterzubringen, zum Beispiel in Familien, Heimen, sozialen Institutionen, in der symbolischen Sphäre "Weiblichkeit", in Kirche und Religion, neuerdings im Staat, den der Androzentriker in die Rolle der abhängigen Ehefrau des starken Ehemannes Markt drängt. Diese Verdrehung der Wirklichkeit geht mit viel Gewalt, Ungerechtigkeit und Leid einher. Sie muss deshalb aus den Angeln gehoben werden. Eine Möglichkeit dazu ist, laut und öffentlich zu sagen, dass die Welt ein Haushalt – und Gott die Welthausfrau (7) – ist, und der Markt eine Institution, die nur dann ihren Zweck erfüllen kann, wenn sie nicht im Zentrum des Ganzen steht.

Ich kann nun allerdings – und das ist eine wichtige methodologische Einsicht zu Beginn der Neubenennungsarbeit – nicht aus einem real existierenden Haushalt direkt eine "Norm" ableiten. Denn erstens unterscheiden sich Haushalte stark voneinander. Es ist also zumindest ein Zwischenschritt notwendig, der darin besteht, nach Vergleichspunkten zwischen verschiedenen Haushalten zu suchen und so zu einer allgemeinen Sicht des Haushälterischen zu gelangen, aus der ersichtlich wird, weshalb sich der Begriff "Haushalt" als neues Bild fürs Ganze eignet. Zweitens sind Haushalte – auf der Ebene der symbolischen Ordnung und bis zu einem gewissen Grade auch real – systematisch verzerrt durch die Tatsache, dass sie Jahrhunderte lang gedacht und zum Teil auch gelebt wurden als abhängige Institutionen. Ein Ding, dem keine Eigen-Ständigkeit zukommt, kann nun aber nur ein unzureichendes Bild fürs Ganze abgeben. Zwar waren viele – vor allem historische – Ausformungen des Haushalts viel weniger abhängig als es die Symbolik, die man ihnen übergestülpt hat, will. Der antike Grosshaushalt (Oikos) (8) zum Beispiel war faktisch die grundlegende Wirtschaftseinheit. Dass Aristoteles und einige seiner philosophierenden Kollegen ihn dennoch als abhängig definierten, hat mit dem Interesse zu tun, den Schwerpunkt wahrer Menschlichkeit von einer realistischen Konzeption der Freiheit in Bedürftigkeit zu verlagern in ein illusionäres Verständnis von Freiheit, das sich über die "animalische" Sphäre der Bedürftigkeit erhebt. An dem Faktum, dass der Oikos ökonomisch gesehen dennoch eine näherungsweise autarke Wirtschaftseinheit war, ändert solche Ideologie nichts. Erst später, im Zuge der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft und des Kapitalismus, wurden die Haushalte auch real in die Abhängigkeit vom Markt gedrängt. Zwar zeigt sich auch heute immer wieder, dass Haushalte unabhängiger wirtschaften als vom ökonomischen Mainstream angenommen, zum Beispiel wenn die Staats- oder Marktökonomie – wie etwa in Osteuropa nach 1989 oder kürzlich in Argentinien – in eine Krise gerät und die Menschen dennoch besser überleben als die offizielle Statistik glauben macht. Trotzdem: als Bild fürs Ganze eignet sich logischerweise nicht der gegebene patriarchale, also der abhängige Haushalt, sondern nur ein postpatriarchal enttrivialisiertes Konzept des Haushalts, also eine Sicht, die anerkennt und beschreibt, dass man in Haushalten tatsächlich nicht einfach in Abhängigkeit konsumiert, sondern dass hier verschiedene Menschen aktiv und in differenzierten Tauschverhältnissen primäre Daseinsvorsorge leisten.

Drittens, schließlich, geht es mir auch gar nicht um eine neue "Norm" im herkömmlichen Sinn. Denn auch die Vorstellung, das Sprechen lasse sich verstehen als Prozess der "Herstellung" (9) klar definierter Begriffe, die, wenn sie "wahr" sind, ein- für allemal richtige Beziehungen zwischen Wort und Sache konstituieren, gehorcht der patriarchalen Zweiteilung der Welt. Ich stelle mir die Beziehungen zwischen Symbol und Realität dynamischer vor, eher so wie die biblischen Prophetinnen und Propheten, die hebräisch sprachen und ihre Aufgabe darin sahen, sich in die lebendige Dynamik der Geschichte mit immer neuen Worten, also Anstößen einzubringen, die etwas in Bewegung setzten – immer orientiert an der Tora, also der Vorstellung einer anfänglich gegebenen guten Weisung. (10) Wenn ich die Welt neu als Haushalt bezeichne, schließe ich mich dieser prophetischen Sicht der Geschichte an: Indem ich einen neuen Begriff fürs Ganze in die Welt setze, stoße ich einen Prozess an, im Vertrauen, dass die in Bewegung gesetzte Dynamik im Sinne des ursprünglich gemeinten Guten wirkt. Den dogmatischen Anspruch, dass von nun an bis in Ewigkeit die Welt nur noch als Haushalt zu bezeichnen ist, habe ich nicht.

Ausgangspunkt: Die Anthropologie der Geburtlichkeit

Und jetzt zur Frage, was ein Haushalt ist und warum er heute sinnvollerweise die hegemoniale Vorstellung von der Welt als Markt ablösen sollte. Ich knüpfe, um diese Frage zu klären, noch einmal an bei der Anthropologie, also der Frage, was Menschen eigentlich sind: (11)

Menschen werden geboren. Sie kommen in Form einer Beziehung zu einem weiblichen Menschen der vorangehenden Generation zur Welt, die im Anfang so eng ist, dass die beiden aufeinander Bezogenen sich in ein- und demselben Körper befinden. Aus der Anfänglichkeit in einem schwangeren Geistkörper tritt jeder Mensch als Tochter oder Sohn, als blutiger schleimiger, schreiender, gänzlich abhängiger Säugling ins Licht der Welt. Von Anfang an ist er oder sie angewiesen auf die Zuwendung derer, die schon vor ihr da waren, also darauf, dass andere ihn schützen, nähren, wärmen, ihm Sinn, Sprache, Regeln, Moral, Kulturtechniken vermitteln. Die Abhängigkeit nimmt im jahrelangen Prozess des Begleitetwerdens ins Erwachsenenleben allmählich ab, hört aber nie auf. Auch sogenannt selbständige Erwachsene bleiben abhängig davon, dass andere für sie Kartoffeln anpflanzen, Essen kochen, Strassen, Schulen und Wohnhäuser bauen und erhalten, Sinn stiften, Gesetze schreiben, Bankkonten verwalten, Bilder malen usw. Die sogenannte Selbständigkeit ist eine fragile Zwischenstufe im menschlichen Leben. Sie ist nicht das Gegenteil von Abhängigkeit, sondern ein relativ geringer Grad von Abhängigkeit. Im Alter oder durch Krankheit, Behinderung oder Unfall nimmt die Selbständigkeit wieder ab oder geht verloren. Sie ist keineswegs der Normalzustand, von dem das Denken des Ganzen sinnvollerweise ausgeht, sondern ein Punkt am Ende einer Skala aus unterschiedlichen Graden von Angewiesensein. "Freiheit" bedeutet nicht, sich von Bezogenheit und Bedürftigkeit abzulösen. Freiheit bedeutet, dass Menschen als bedürftige und verletzliche, geborene und sterbliche Wesen "das Neue, das in die Welt kam, als sie geboren wurden, handelnd als einen neuen Anfang in das Spiel der Welt … werfen." (12)

Zwar gibt jeder vernünftige Oekonom zu, dass die Idee des unabhängigen, rational kalkulierenden, auf seinen Vorteil bedachten homo oeconomicus ein Modell ist, also nicht die Wirklichkeit abbildet, "wie sie ist", sondern das Denken des Wirtschaftlichen durch Vereinfachung erleichtern soll. Dennoch hat es sich in unserer Gesellschaft eingebürgert, als menschlichen Normalzustand den erwachsenen weissen besitzenden männlichen Bürger anzunehmen, der zuhause eine Ehefrau hat, die "den Rest erledigt". Der ökonomische Mainstream verwechselt also das Zweite mit dem Ersten, Normalität mit Ausnahmezustand und befindet sich damit, ich sagte es bereits, im ausgehenden Patriarchat noch in guter Gesellschaft. Erst durch diese Art der Fokussierung wird es möglich, den Markt als primäre wirtschaftliche Institution wahrzunehmen.

Sobald nun aber Leute wie Sie und ich daher kommen und öffentlich sagen, dass die verkehrte Ordnung nur dadurch aufrecht erhalten werden kann, dass eine riesige Menge von Wirklichkeit verschwiegen wird, dann fällt diese Verkehrung der Tatsachen wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Ich bin optimistisch genug zu behaupten, dass dieser Zusammenbruch bereits begonnen hat. Deshalb spreche ich von unserer Zeit als der "Zeit des ausgehenden Patriarchats" (13) und bezeichne mich nicht mehr als feministische, sondern als "postpatriarchale Denkerin."

Ein schreiender blutiger zappelnder Säugling kann mit einem Markt nichts anfangen. Auch ein zwei- oder fünfjähriges Kind ist noch weit davon entfernt, ein freier rational kalkulierender Marktteilnehmer zu sein, auch wenn er oder sie durchaus schon zur Zielscheibe von Werbekampagnen werden kann. Ein Säugling oder Kleinkind braucht einen Haushalt, um zu überleben, das heißt: ein Zuhause, und zumindest eine, besser mehrere verlässliche Personen, die sich ihm oder ihr zuwenden und bereit sind, seine zahllosen Bedürfnisse zu erfüllen und dabei, zumindest kurzfristig, eigene Interessen hintanzustellen. Das Kleinkind ist mittelbar verbunden mit dem Markt, insofern der Markt, wenn alles gut geht, die Produkte und Dienstleistungen zur Verfügung stellt, die die sorgenden Erwachsenen brauchen, um ihre wesentliche Aufgabe zu erfüllen, die darin besteht, kindliche Bedürfnisse zu erkennen und zu erfüllen. Auch erwachsene Menschen, vor allem, wenn sie krank, müde oder alt sind, fragen oft nicht direkt am Markt nach, was sie brauchen, sondern verlassen sich auf sorgende Menschen, die zum Beispiel rohe Kartoffeln in ein schmackhaftes Gericht, Blumen in Liebe oder Bücher in Gespräche und Sinn verwandeln. Was Menschen in erster Linie brauchen, sind also nicht Waren und Geld, sondern ein "Bezugsgewebe", das Waren und Geld in geistige und körperliche genießbare Nahrung, in Sinnstiftung verwandelt: einen Haushalt. Und insofern nun auch die ganze Welt nicht einfach ein Warenumschlagplatz ist, sondern ein Ort, in dem Menschen jeden Alters in sinnvollen, flexibel veränderbaren Austauschbeziehungen leben können sollen, ist die ganze Welt als Haushalt zu denken, dem Märkte als sekundäre Zulieferbetriebe zugeordnet sind.

Politik ist postpatriarchale Haushaltungskunst

Vielleicht spüren Sie, wie symbolische Politik dazu führt, dass es hörbar kracht im morschen Gebälk des eingeführten Weltbildes. Solches Krachen ist störend für Leute, die ein Interesse an der Aufrechterhaltung der vergehenden Ordnung haben, es ist irritierend für Gewohnheitsmenschen und aufbauend für Frauen und Männer, die sich nach einer besseren Ordnung des Zusammenlebens sehnen, aber manchmal nicht wissen, wie sie das Neue, das sie irgendwie schon bruchstückhaft (er)leben, in Worte fassen sollen.

Ich würde jetzt gern noch ausführlicher darauf eingehen, was das Bild des Welthaushaltes genau meint. Vielleicht können wir an diesen Wunsch später in der Diskussion anknüpfen oder Sie können in meinen Büchern nachlesen. Für heute habe ich Ihnen aber mit dem zweiten Teil des Titels "Politik ist postpatriarchale Haushaltungskunst" noch mehr versprochen. Zumindest in Ansätzen will ich noch auf die Frage eingehen, wie sich vom Welthaushalt her das, was wir "Politik" nennen, neu verstehen lässt.

Wenn eine Jugendliche sich heute die Nachrichten oder politische Sendungen im Fernsehen anschaut, dann kommt sie unweigerlich zum Schluss, in der Politik gehe es vor allem um Wahlkampf, Reden und eine bestimmte Art von Leuten, die sich selbst ziemlich wichtig finden. Eigentlich bedeutet Politik aber im Zeitalter der Demokratie, dass gleichberechtigte verschiedene Menschen unaufhörlich darüber verhandeln, wie sie ihr Zusammenleben organisieren wollen. Nach Hannah Arendt beruht die Notwendigkeit des Politischen darauf, dass jeder Mensch sich von jedem anderen Menschen unterscheidet und doch alle in einer einzigen Welt, der einzigen, die uns zur Verfügung steht, also in einem begrenzten, schönen, reichen, verletzlichen Raum zusammen leben. Während wirtschaftliche Tätigkeiten eher auf das Faktum reagieren – oder reagieren sollten -, dass alle Menschen bedürftig sind, bedeutet Politik, zwischen ganz verschiedenen Wünschen, Begabungen und Lebenszielen Beziehungen so herzustellen, dass daraus ein Gemeinsames entsteht, in dem sich gut leben lässt.

Politisches Verhandeln hört nie auf, denn ständig setzen sich Neuankömmlinge an den Verhandlungstisch und treten alt gewordene, erfahrene Menschen ab. Während man sich die Versorgung der Menschen mit allem, was sie zum Leben brauchen, allenfalls noch als einen Mechanismus vorstellen kann – tatsächlich versteht die Marktökonomie sich selbst als einen Automatismus – kommt beim politischen Tätigsein definitiv Freiheit ins Spiel. Und wenn ich Freiheit sage, dann verstehe ich diesen Begriff im bereits zitierten Arendt"schen Sinne: Freiheit bedeutet, dass jeder und jede Geborene das eigene Leben wie einen Faden von unverwechselbarer Farbe und Konsistenz in ein Gewebe schlägt, das schon vor ihm oder ihr da war. Politik, die sich selbst ernst nimmt, nimmt Menschen in ihrer unverwechselbaren Individualität ernst, so wie Frauen, Männer und Kinder, die in einem postpatriarchalen Haushalt zusammen leben, bereit sind, einander in ihrer sich ständig wandelnden Eigenart wahr- und ernst zu nehmen. Politik ist also postpatriarchaler Haushaltungskunst verwandt. Ich kann auch sagen: Politik ist postpatriarchale Haushaltungskunst, insofern sie darin besteht, dass verschiedene, sich ständig entwickelnde Menschen gemeinsam ununterbrochen über ihr gutes Zusammenleben verhandeln.

Heute, ich sagte es bereits, hat man den Staat und mit ihm die Politik aber in die Rolle der abhängigen Ehefrau gedrängt. Sie kennen die entsprechende Litanei: "Erst muss die Wirtschaft gesund sein, danach können wir vielleicht überlegen, wie wir den Armen und Schwachen helfen". Oder anders ausgedrückt: "Nur wenn der verdienende Ehemann fit ist und das größte Stück Fleisch bekommt, darf vielleicht auch die Frau eine Ausbildung machen und die Tochter aufs Gymnasium". Mit solchen Sätzen sind wir wieder beim Grundproblem der vergehenden Symbolik angelangt: der verkehrten Reihenfolge. Der Schrank gehört aber an die Wand, und der Ess- und Verhandlungstisch gehört in die Mitte. Auch Ihr Projekt der Vollbeschäftigung unter veränderten Vorzeichen ist nur möglich, wenn die Politik als freies Verhandeln über unser Zusammenleben wieder in den Mittelpunkt rückt und die mechanischen Abläufe des Güteraustauschs auf dem Markt an den Rand geschoben werden. Dazu braucht es eine symbolische Politik, die die zweigeteilte Weltordnung als solche, in allen ihren Variationen, aus den Angeln hebt.

Anregung zur Diskussion: eine These.

Vielleicht merken Sie jetzt schon, worüber ich gern mit Ihnen diskutieren würde: Im Bezug auf Ihr politisches Projekt eines Erziehungsgehaltes lässt sich nämlich aus meinen Ausführungen eine These ableiten. Sie heißt:

Mit volkswirtschaftlichen Berechnungen und ökonomischer Ueberzeugungsarbeit allein lässt sich das Ziel, das Ihnen vorschwebt, nicht erreichen. Wer es erreichen will, muss auch öffentlich über die seit Aristoteles bestehende symbolische Zweiteilung der Welt nachdenken und willens sein, sich von dieser Zweiteilung und der verkehrten Reihenfolge, die sie in allen Lebensbereichen zur Folge hat, ausdrücklich zu verabschieden.

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