Bedingungsloses Grundeinkommen – Briefwechsel mit Götz W. Werner (Fh 2013/3)

„MÜTTER SIND KEINE TRAINER VON JUNIORENMANNSCHAFTEN“

Offener Brief an Götz Werner(1)

Villingen, 27.08.2013

Sehr geehrter Herr Prof. Werner,

mit diesem offenen Brief nehmen wir Stellung zu dem Interview, das Sie dem migros-Magazin, Nr. 31 vom 29. Juli 2013, zum Thema „Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE)“ gegeben haben. (2) Wir wählen die Form, da das BGE ohnehin breit diskutiert wird.

Es ehrt Sie als Unternehmer, dass Sie sich Gedanken darüber machen, wie unsere Gesellschaft künftig für alle Beteiligten befriedigend organisiert werden soll. Und wir sind ganz bei Ihnen, wenn Sie den seitherigen Arbeitsbegriff nicht mehr akzeptieren wollen: „… dass die ehrenamtliche Arbeit endlich bezahlt wird, die Mütter oder die Trainer von Juniorenmannschaften verrichten.“

Allerdings fordert gerade diese Feststellung im Detail unseren entschiedenen Widerspruch heraus: Die elterliche Erziehungsarbeit ist keine ehrenamtliche Arbeit, die mit dem ehrenamtlichen Feier­abend-Engagement eines Trainers gleichgestellt werden könnte. Ein Trainer kann sein Amt jederzeit niederlegen. Eltern aber sind ab der Geburt eines Kindes vollzeitlich und über viele Jahre hinweg gebunden. Auch wenn sie für einige Stunden täglich eine außerhäusliche Betreuung organisieren, bleiben sie die hauptsächlichen Bezugspersonen für ihr Kind, dem sie Zuwendung und Präsenz schulden, um es verantwortlich ins Leben zu begleiten.

Sollte das BGE jemals realisiert werden, steht zu befürchten, dass es auf sehr niedrigem Niveau gewährt würde, zum Beispiel vergleichbar mit einem Hartz-IV-Satz. Auch wenn Kinder dann ein eigenständiges BGE bekommen (Steuerfreibeträge und Kindergeld fallen weg), wären doch gerade Eltern zum Zuverdienen genötigt. Kinderfreie sind dann wiederum in einer ungleich komfortableren Lage, starke Konkurrenten, weil zeitlich und finanziell ungebunden durch Verantwortlichkeit für Dritte, genauso wie heute auch.

Auf diese Schieflage aufmerksam zu machen und Abhilfe zu schaffen, ist das Ziel unserer Verbandsarbeit seit dessen Gründung (1979). Eltern sind keine Trainer oder Leiter von Freizeitaktivitäten, sondern sie sind die Garanten für Zukunft schlechthin. Seit den 68ern griff ein fehlgedeuteter Feminismus um sich, der Frauen nur dann als gleich zu berechtigen anerkennt, wenn sie erwerbstätig sind. Mütter werden explizit ausgeschlossen. Viele erschrecken über den Geburtenschwund. Uns wundert er nicht. Wer keine Mütter will, wird vergeblich auf Kinder hoffen.

Zur Vertiefung dieser Feststellung erlauben wir uns, diesem Brief die neueste Ausgabe unserer Verbandszeitung beizulegen. Folgender Link führt zu einer Unterschrifteninitiative pro Erziehungsgehalt: http://www.kindererziehung-entlohnen.de

Es wäre uns ein großes Anliegen, Sie für unsere Sichtweise zu gewinnen. Das heißt: Lassen Sie uns vorrangig gemeinsam für eine eigenständige finanzielle Absicherung der Elternarbeit durch ein Erziehungsgehalt (EZG) kämpfen, ehe wir uns für die „bedingungslose Subventionierung des Nichtstuns“ einsetzen!

Gerne hören wir von Ihnen.
Mit freundlichen Grüßen
Gertrud Martin + Dr. Johannes Resch
Vorsitzende + stellv. Vorsitzender Verband Familienarbeit e.V.

 

„MIT WENIG KRAFTAUFWAND ZUM BEWUSSTSEINSWANDEL“

Herr Werner antwortet

Stuttgart, 06.09.2013

Sehr geehrte Frau Martin,
sehr geehrter Herr Dr. Resch,

vielen Dank für Ihren Brief, in dem Sie vorschlagen, dass wir gemeinsam für die finanzielle Absicherung der Elternarbeit kämpfen – anstatt für die „bedingungslose Subventionierung des Nichtstuns“.
Ihr Engagement ehrt Sie, Ihren Standpunkt kann ich nachvollziehen und Ihre Bewusstseinsarbeit ist wichtig. Trotzdem möchte ich meinen Standpunkt beibehalten.

Ich habe lange nach einem archimedischen Punkt gesucht – an dem angesetzt mit wenig Kraftaufwand ein gesellschaftlicher Bewusstseinswandel impulsiert werden kann. Diesen habe ich in der Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens gefunden.

Meine Beobachtung ist, dass die Grundeinkommensidee die Menschen emotional bewegt. Sie evoziert Fragen. Menschen beginnen gewohnte Denkmuster zu hinterfragen. Und das ist der Beginn eines Bewusstseinswandels.
Ebenso konnte ich als Unternehmer beobachten, dass Menschen arbeiten wollen. Der Mensch ist ein Tätigkeitswesen. Wenn Menschen die Freiheit haben, die Aufgaben zu ergreifen, die für sie sinnvoll sind, werden sie aktiv. Beim Grundeinkommen geht es nicht um Subventionierung des Nichtstuns, sondern um die Ermöglichung von Aktivität.

Sie und ich sind beide der Meinung, dass Arbeit nicht erst mittels eines Einkommens zur Arbeit wird. Jede Tätigkeit von Menschen für ihre Mitmenschen ist Arbeit. Die Arbeit von Eltern ist eine besonders wichtige Arbeit. Schon Henry Ford sagte sinngemäß: Die Zukunft eines Landes entscheidet sich nicht an den Werkbänken, sondern bei der Kindererziehung. Für Ihr Engagement wünsche ich Ihnen von Herzen viel Erfolg.

Herzliche Grüße
Götz W. Werner

Anmerkungen:
(1) Götz Wolfgang Werner, 1944 in Heidelberg geboren, ist Vater von drei Kindern aus erster und vier Kindern aus zweiter Ehe. Der gelernte Drogist gründete 1973 das Unternehmen dm drogerie markt, das er 35 Jahre lang führte. Seit 2005 setzt sich Werner öffentlich für ein bedingungsloses Grundeinkommen in Deutschland ein.
Quelle: http://www.unternimm-die-zukunft.de

(2) Im Internet zu finden unter http://www.migrosmagazin.ch

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