Katholikentag 2006 in Saarbrücken – Fh 2006/3

„Vollbeschäftigung ist möglich – Familie schafft Arbeit“

Perspektiven eines zusätzlichen Erziehungs- und Pflegeeinkommens

Vorab das Statement von Prof. Dr. Elisabeth Jünemann
zum Kurzbericht in der demnächst erscheinenden „Familienarbeit heute“ 3/2006
„Gerechtigkeit vor Gottes Angesicht“ Katholikentag 2006 in Saarbrücken

Ein „Erziehungseinkommen“ für Familien,
Theologisch – sozialethische Perspektive
Elisabeth Jünemann

These:
Erziehungseinkommen für Familien –
das ist eine Frage der Gerechtigkeit vor Gottes Angesicht.
Ein Weg, der Familie gerecht zu werden.

Eine kurze Begründung:
Bei aller larmoyanten Klage über die Familie – nach wie vor erwartet die Gesellschaft ganz bestimmte Leistungen von der Familie, und nur von der Familie. Sie hat Leistungen zu erbringen, von denen die moderne liberale und wertplurale Gesellschaft zehrt, die sie aber selber innerhalb ihrer politischen und ökonomischen Systeme nicht bringen kann: Da geht es um das zum Unwort gekürte „Humankapital“ der Gesellschaft.

Von der Familie wird erwartet, dass sie dafür sorgt, dass Kinder auf die Welt kommen. Ohne Kinder ist kein Staat zu machen. Keine Wirtschaft. Und auch keine Kirche.

Von der Familie wird erwartet, dass sie dafür sorgt, dass Kinder sich entwickeln. Hier soll es möglich sein, ein eigener Mensch zu werden und zugleich eine soziale Identität auszubilden. Was den pluralitätsfähigen Staatsbürger ausmacht. Familie soll Ort der „Menschwerdung“ des einzelnen sein.
Von der Familie wird erwartet, dass sie dafür sorgt, dass hier Kinder und Erwachsene füreinander Verantwortung übernehmen. Verantwortung für den ganzen Menschen. Für den Menschen, von dem die theologische Anthropologie sagt, dass er Körper ist, Geist ist und eine Seele hat. Familie ist der Ort, an dem die Person mit allem, was sie angeht, mit allem, was sie kümmert, soziale Resonanz findet. Nirgendwo sonst ist das möglich, nirgendwo sonst kann man das erwarten. Und: Nirgendwo sonst ist die Enttäuschung so groß, wenn sich die Erwartungen nicht erfüllen.

Familie muss funktionieren. Das wird erwartet. Zu recht. Familie ist das Funktionssystem, das, so beschreibt der Soziologe Peter Fuchs die Funktion der Familie und damit gleichzeitig die Leistung der Familie für die Gesellschaft, die „Komplettberücksichtigung der Person“ übernimmt. Nirgendwo sonst geht es so um das Ganze, um die Berücksichtigung der ganzen Person, des ganzen Menschen.
In der Familie geht es um die Berücksichtigung des Körpers: Alles, was wir mit Körper konnotieren, Sexualität, Empfängnis, Gebären, Säugen, Nähren, Stoffwechsel, Heranwachsen, Gesundheit, Stärke, Schwäche, Krankheit, Alter, Tod – in der Familie ist es zu berücksichtigen.

In der Familie geht es um die Berücksichtigung des Geistes und der Psyche: Alles, was wir damit konnotieren, Lebensenergie, Lebenslust und die Gefahr, sie zu verlieren; das Verlangen nach Verstehen und Verstandenwerden, nach Kreativität und Fantasie, nach Einsicht und Erkenntnis; das Verlangen nach Glück und nach Liebe, dessen Erfüllung und dessen Scheitern – in der Familie ist es zu berücksichtigen.

In der Familie geht um die Berücksichtigung dessen, was wir Seele nennen: Dass wir daran glauben, dass eine göttlichen Kraft den Menschen verändert, seine Lebenswünsche und -ängste in Relation zu Gott stellt, den Menschen lebendig und stark macht – in der Familie ist es zu berücksichtigen.

Familie muss funktionieren. Die Komplettberücksichtigung der Person, der ganzen Person: Körper, Geist und Seele, die muss gelingen. Ein extremer Anspruch und eine extreme Belastung. Wieso sollte man sich ihr stellen? Sie aushalten – wenn nicht aus Liebe? Kühl soziologisch formuliert heißt das: „Im Intimsystem Familie muss das Kommunikationsmedium Liebe angenommen werden.“ Das heißt: Gegenseitige Komplettberücksichtigung funktioniert nur, wenn Liebe im Spiel ist. Man muss lieben in der Familie. Man darf nicht nicht lieben. Abneigung und Vernachlässigung, selbst Teilabneigungen und Teilvernachlässigung („Ich liebe Deine Augen, aber verschone mich mit Deinem geistlosen Gerede.“) werden nicht toleriert. Denn: Wenn Liebe die Voraussetzung für das Funktionieren ist, führt der Mangel an Liebe zur Katastrophe.

Familie muss funktionieren. Das wird erwartet. Einerseits. Andererseits zeigt die Erfahrung, dass Familien scheitern. Oder erst gar nicht gegründet werden. Woran liegt das?

Ob nun kühl soziologisch geredet wird von der Funktion der Familie als „Komplettberücksichtigung“ und von ihrem Kommunikationsmedium Liebe, ohne das die Komplettberücksichtigung nicht funktioniert, oder ob eher theologisch-ethisch geredet wird vom gegenseitigen Dienst der Familienmitglieder, einander als ganzen Menschen verstehen und zum gelingenden Leben zu verhelfen, und zwar „in Liebe und Solidarität“ (CA 39,1), was dabei herauskommt, sozusagen die Schnittmenge, ist: In der Familie geht es um zweierlei, um Funktionalität und um Liebe. Es geht um Funktionalität und um Liebe.

Das macht die Familie zu einem höchst komplexen Gebilde. Und zu einem höchst fragilen. Denn wo es nicht möglich ist, Funktion und Liebe zu koppeln, wo die Funktion oder die Liebe weg bricht, da gerät das gesamte Gebilde Familie in Not. Es kommt zur Katastrophe. Die Katastrophen nehmen zu. Immer häufiger geschieht es, dass Familie scheitert.

Wieso?

Weil die Menschen unfähig oder unwillig sind, sich in gegenseitiger Liebe zum Zwecke gegenseitiger Fürsorge zu binden, jammern die einen. Es fehle an der Liebe. In der Konsequenz zerbreche die Funktion.

Es läuft umgekehrt, sagen die anderen. Gesellschaftliche Veränderungen irritieren die Familie, erst in ihrer Funktion und dann auch in der Folge die Liebe.

Familie muss funktionieren. Das wird erwartet. Zurecht. Familie kann leisten, was von ihr erwartet wird. Nur, mit Berthold Brecht gesagt, die Verhältnisse, die sind nicht so. Familien scheitern an den Verhältnissen. An Konfliktpotentialen, die von außen kommen.

Familie muss funktionieren. Trotz der Irritation durch die Wirtschaft, der Unsicherheiten des Arbeitsmarktes, der Zeitflexibilitäts- und Mobilitätsforderungen, der ungünstigeren Karrierechancen für Mütter, der Doppelbelastungen für Mütter und Väter.

Familie muss funktionieren. Trotz der Irritation durch die Politik, des nicht ausreichend zugestandener „Leistungs- und Lastenausgleich“, des „Elterngeldes“, das sich (ähnlich wie einst das „Arbeitslosengeld“) nicht an der aktuellen Funktion und Leistung als Vater oder Mutter, Tochter oder Sohn pflegebedürftiger Eltern bemisst, sondern an der als Lehrerin, Einzelhandelskauffrau oder als Sozialarbeiter.

Familie muss funktionieren. Trotz der Irritation durch ein Bildungssystem, der zunehmenden überforderung, die Kinder möglichst früh, möglichst schnell zum Schulabschluss zu treiben, möglichst früh und möglichst effizient auf den Moment der Arbeitsaufnahme vorzubereiten.

Familie muss funktionieren. Trotz der Belastungen von außen, die die Familien irritieren, in ihrer Funktionalität und in ihrer Solidarität. Je nachdem, wie viele Irritationen zusammenkommen, je nachdem, wie es mit den Ressourcen der einzelnen Familie bestellt ist, den materiellen, den intellektuellen, den emotionalen, bis zum Scheitern.

Familie muss funktionieren. Was ist zu tun? Zweierlei Strategien sind vorstellbar und werden realisiert. Mit sehr unterschiedlicher Wirkung, je nach Ziel. Je nachdem, ob es um die Familie als Ganze gilt. Um deren Erhalt. Oder ob es um die einzelnen Funktionen der Familie geht. Um deren Erhalt – auch ohne Familie, außerhalb der Familie. Ausgelagert aus der Familie.
Zum einen stehen die einzelnen Funktionen der Familie im Mittelpunkt. Was ist zu tun, damit der Gesellschaft die Pflege und Erziehung der Kinder, die Pflege der Alten etc. erhalten bleiben, auch außerhalb der Familie? Schließlich braucht die Gesellschaft die.

Zum anderen steht die Familie als Ganze im Mittelpunkt. Was ist zu tun, damit sie die Ressourcen – Zeit, Geld, Erziehungskompetenz, haushalterische Kompetenz – erhält und behält, die sie braucht, um die Funktion der Komplettberücksichtigung der Person zu garantieren?

Zum einen: Was ehemals Sache der Familie war, wird nun ausgelagert aus der Familie. Das hilft weiter – wenn man zum Beispiel davon ausgeht, dass es besser für die Großmutter sei, sie im Seniorenstift St. Anna der professionellen Pflege anzuvertrauen als zuhause der gestressten Schwiegertochter; dass es besser für die Kinder sei, tagsüber der professionellen Erziehung in der „Arche Noah“ anvertraut zu werden als zuhause Eltern, die ständig zwischen den Anforderungen des Chefs und denen der Kinder zerrieben werden oder Eltern, denen, wie es das Heer der Super Nannys per Fernseher der ganzen Nation deutlich macht, die basalen Kompetenzen fehlen, Kindern an Körper, Geist und Seele gerecht zu werden.

Zum anderen: Was Sache der Familie war, bleibt Sache der Familie. Familien, die nicht (noch nicht oder nicht mehr) in der Lage sind, ihrer Sache gerecht zu werden, werden gefördert. Man setzt auf Strategien, die die Leistungsfähigkeit von Familien stärken.

„Gerechtigkeit vor Gottes Angesicht“ Was ist gerechter? Das eine oder das andere? Aus der Perspektive der Katholischen Soziallehre ist die Antwort eindeutig: Die Familie ist im Blick zu halten. Als Ganze. Als etwas besonderes eigenständiges Ganzes. Mit einer eigenen besonderen Funktion. Mit einer eigenen Logik, die beibehalten werden muss; gegen Versuche von außen, sie zu biegen, bewahrt werden muss. Die Funktion der Sorge um den ganzen Menschen soll in der Familie bleiben. Die Entscheidung darüber, wie diese Funktion erfüllt wird, soll (dem sozialethischen Gedanken der Subsidiarität in Quadragesimo anno 79 genauso entsprechend wie dem systemtheoretischen Gedanken der autopoietischen Geschlossenheit der Systeme bei N. Luhmann, gegen die nicht verstoßen werden kann ohne die Operationsfähigkeit der Familie samt ihrer gesellschaftlichen Leistung zu zerstören) in der Familie bleiben.

Was ist gerechter? Das jedenfalls, was dabei unterstützt, die Familie „in Funktion“ zu halten.
„Gerechtigkeit vor Gottes Angesicht“ Was ist familiengerecht? Eine Familie „in Funktion“ zu halten, ist, wie das in Funktion halten anderer Systeme, zum Beispiel der Wirtschaft, der Pflege, der Sozialen Arbeit, eine kompetente Leistung, die als sozial unersetzlich und gemeinwohlrelevant erkannt wird. Eine Leistung, die im Sinne der katholischen Soziallehre, z.B. der Enzyklika Johannes Paul II über das Arbeiten, „Laborem Exercens“, „Arbeit“ ist, gute Arbeit (LE 6). Eine Arbeit, die im Sinne der Katholischen Soziallehre seit der ersten Enzyklika „Rerum Novarum“ genug materielle Mittel einbringen muss, um der Person, die sie leistet, samt ihrer Familie ein gutes Leben zu erlauben.
Was ist familiengerecht? Das jedenfalls, was der Leistung der Familie, in Liebe zu funktionieren, der Arbeit der Familie gerecht wird.

„Gerechtigkeit vor Gottes Angesicht“ Was ist familiengerecht? Eine Familie „in Funktion“ zu halten, ist wie das in Funktion halten anderer Systeme, zum Beispiel der Pflege, der Sozialen Arbeit, eine kompetente Leistung. Allerdings erwartet man von den Familien-Personen, die diese Leistung erbringen, dass sie es unentgeltlich tun. Was nicht zuletzt an der Doppelstruktur der Familie liegt: Funktion und Liebe. Was ist Funktion, was ist Liebe? Funktion ist berechenbar. Liebe ist unberechenbar. Wie ist beidem gerecht zu werden? Am besten immateriell, sagen die einen. Alles andere würde die Liebe pervertieren. Das ist ungerecht, der Funktion gegenüber, sagen die anderen. Und unsinnig, was die Liebe angeht. Die Funktion ist Leistung, Arbeit – die kann und muss materiell honoriert werden. Wo sie einseitig verlangt wird, ausgebeutet wird, da gerät die Liebe unter Druck. Eine Gerechtigkeitsforderung, die seit Christen Gedenken Probleme macht:
Wo immer es um die Doppelstruktur von Funktion und Liebe ging, wo immer sie typisch war, diese Verbindung von Funktion und christlicher Nächstenliebe, in der christlichen Sorge um Kranke, Arme, Schwache vor allem, da tat man sich schwer mit der Wertung und materielle Bewertung der systemspezifischen Leistung. Da galt die Leistung so lange als unbezahlbar bis sie unbezahlt unleistbar war.

Was ist familiengerecht? Jedenfalls das, was die Familie als Ganze „in Funktion“ hält. Jedenfalls, das, was es möglich macht, die Liebe (wie es Papst Benedikt XVI in „Deus Caritas Est“ formuliert) als „Formel christlicher Existenz“ (DCE 1), als Voraussetzung für ein Handeln, das dem anderen gut tut und gerecht wird, zu leben. Das, was das „Funktionieren in Liebe“ sichert. Das, was die Liebe nicht unter Druck setzt, pervertiert, sondern das, was die Liebe vor überforderung und Ausbeutung schützt, präserviert. Zum Beispiel ein Erziehungseinkommen.

Zum Weiterlesen:
Fuchs, Peter, Liebe, Sex und solche Sachen. Zur Konstruktion moderner Intimsysteme, Konstanz 1999.
Huinik, Johannes/ Strohmeier, Klaus-Peter/ Wagner, Michael (Hg.), Solidarität in Partnerschaft und Familie. Zum Stand familiensoziologischer Theoriebildung, Würzburg 2001
Jans, Bernhard/ Habisch, André u.a. (Hg.), Familienwissenschaftliche und familienpolitische Signale, Grafschaft 2000.
Jünemann, Elisabeth, Was ist dem Staat die Familie wert, in: H. Reifeld (Hg.) Ehe, Familie und Gesellschaft – Ein Dialog mit dem Islam. Eine Veröffentlichung der Konrad-Adenauer-Stiftung, St. Augustin 2006, 121-134.
Jünemann, Elisabeth, Soziale Gerechtigkeit für die Familie. Zur Frage nach sozial gerechten Bedingungen für die funktionierende Familie, in: Jünemann, Elisabeth/ Wertgen, Werner (Hg.) Herausforderung Soziale Gerechtigkeit, Paderborn 2005
Jünemann, Elisabeth, „Dankbar geben wir die Geburt unseres 3. Kindes bekannt …“ Erster Lernort des Lebens: Die Familie, in: Eller, Friedhelm/ Wildfeuer, Armin (Hg.), Kontexte frühkindlicher Entwicklung, Münster 2005.
Jünemann, Elisabeth/ Ludwig, Hans (Hg.), Vollbeschäftigung ist möglich! Makroökonomische Simulation der Wirkung eines zusätzlichen Erziehungseinkommens, Merzig 2002.
Köpf, Peter/ Provelegios, Alexander, Wir wollen doch nur ihr Bestes, Hamburg 2002
Krebs, Angelika, Arbeit und Liebe. Die philosophischen Grundlagen sozialer Gerechtigkeit. Frankfurt 2002.
Nacke, Bernhard/ Jünemann, Elisabeth (Hg.), Der Familie und uns zuliebe. Für einen Perspektivenwechsel in der Familienpolitik, Mainz 2005.
Schmidt, Renate, S.O.S. Familie, Berlin 2002.
Schmidt, Renate/ Mohn, Liz (Hg.), Familie bringt Gewinn. Innovation durch Balance von Familie und Arbeitswelt, Gütersloh 2004.
Tschöppe-Scheffler, Sigrid (Hg.), Neue Konzepte der Elternbildung. Ein kritischer überblick, Leverkusen 2005.

 

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