Frühe Wunde, später Schmerz (Fh 2015/2)

„Überwindung der Mutterrolle“ – und die Rollenerwartungen eines Kleinkindes
von Hanne Kerstin Götze

Rollenerwartungen und -muster, vor allem die überkommenen, muss man überwinden – Schlagworte wie dieses sind schon lange in der öffentlichen Diskussion zu finden. Überwinden heißt heute, gendergemäßes Dekonstruieren der Zweigeschlechtlichkeit von Mann und Frau sowie ihres geschlechterstereotypischen Verhaltens, der traditionellen Rollenverteilung in der Familie. Der Politologe Stefan Fuchs stellt in seinem Buch „Gesellschaft ohne Kinder“(1) fest: „Diese Familienpolitik passt sich nicht gesellschaftlichem Bewusstseinswandel an, sondern treibt diesen aktiv voran bzw. versucht, ihn selber zu initiieren.“ Seitdem fließt viel (Steuer)geld. Krippen schießen wie Pilze aus dem Boden. Und wenn sie einmal da sind, dann müssen sie auch voll werden. Kinder in die Einrichtungen – Mütter in den Job. „Vereinbarung von Beruf und Familie“ bzw. Work Life Balance – so wohlklingend kommt die „Überwindung der Mutterrolle“ daher. Da darf es keine finanziellen Fehlanreize für ein längeres Beieinandersein von Mutter und Kind geben. Der Kampf gegen das Betreuungsgeld, welches sich laut statistischem Bundesamt wachsender Beliebtheit erfreut, wie im April gemeldet wurde(2), ist im Eigentlichen ein Kampf gegen das ausgeübte Muttersein: Es steht der „Dekonstruktion der Mutterrolle“ im Wege.
Ist aber das „geschlechterstereotypische“ Rollenverhalten einer Mutter wirklich ausschließlich kulturell geprägt und ist es veraltet? Und wie ist das eigentlich mit dem Baby und seiner Rolle? Was hat es für Rollenerwartungen an uns? Und was ist überhaupt eine Rolle?

Der Rollenbegriff ist eine der zentralen Grundkategorien der Soziologie. Danach beinhaltet die soziale Rolle die Erwartungen an den Träger einer sozialen Position bezüglich seines Verhaltens. Die Einhaltung dieser Rollenmuster wird von den entsprechenden Interaktionspartnern erwartet. Aus Sicht der Soziologie sind die Rollenerwartungen in hohem Maße kulturell vorgegeben. Der deutsche Soziologe Ralf Dahrendorf, der bereits Anfang der 1950er Jahre den Rollenbegriff in der europäischen Soziologie etablierte, sah in der Rolle eine Einschränkung der persönlichen Freiheitsverwirklichung des Einzelnen. Aus der Sicht des Feminismus war Muttersein von je her eine Fessel.
Tatsache ist, dass Muttersein auch harte Arbeit ist, die ohne Verzicht und Hingabe nicht funktioniert und die einen an die eigenen Grenzen bringen kann. Elan und Motivation sinken umso eher auf null, je weniger diese Arbeit anerkannt und unterstützt wird. Schlimmer noch, denn die Mutter wird derzeit für die kindliche Entwicklung eher als sinnlos oder gar schädigend hingestellt. Es ist zum Davonlaufen! Infamerweise wird genau das inzwischen in ganz Deutschland angeboten: die Befreiung der Frau von der „Fessel“ des Kinderversorgens und die Beglückung mit der (männlichen) Freiheit lebenslanger voller Erwerbsstätigkeit. Als Mutter primär und verlässlich für ihr Kleinkind zu sorgen, wird als die aus dem 19. Jahrhundert überkommene soziale Erwartung im Sinne eines sozial-ideologischen, bürgerlichen Konzeptes gesehen.
Wie aber ist die Lage des Kindes als Hauptinteraktionspartner der Mutter? Wenn ein Baby schreit, hilft keine Ansprache etwa nach der folgenden Art:
„Liebes Baby! Hör gut zu. Ich bin zwar deine Mama, aber wir leben in einer modernen Zeit und ich bin eine moderne Frau. Das musst du verstehen. Ich muss auch an mich denken. Ich kann einfach nicht ständig für dich da sein. Wir brauchen das Geld und ich muss ja auch an meine berufliche Entwicklung denken. Nur Mutter sein, dass geht einfach nicht. Außerdem gibt es ja auch noch andere nette Leute auf der Welt. Du wirst schon zurechtkommen. Sei einfach ein liebes, modernes Baby. Schließlich plane ich ganz bewusst unsere Qualitätszeiten ein.“

Das Kind hat Erwartungen, die ihm primär instinktgemäß vorgegeben sind. Es weiß nichts von dieser Welt und von den sozial-kulturellen Verhältnissen, in die es hineingeboren wurde. Aber es will leben. Es bringt also keine kulturell geprägten Erwartungen, sondern Überlebensinstinkte mit auf die Welt.
Schwangerschaft und Geburt sind biologische Vorgänge: hochkompliziert und von Hormonen gesteuert. Nach der Entbindung in eine helle, laute Welt braucht unser Kind sofort wieder Bindung, und zwar an genau diese Person, in deren Körper es sein ganzes vorheriges Leben verbracht hat. Es sehnt sich nach dem Herzschlag seiner Mama, der Wärme ihres Körpers, ihrer Stimme und nach dem Saugen an ihrer Brust, um das bis dahin unbekannte Hungergefühl zu stillen. Wenn dem Kind sofort nach der Geburt diese Nähe gewährt wird, entsteht die so wichtige erste Bindung.
Die Mutter wird im Übermaß von den Stillhormonen Oxytocin und Prolaktin „überflutet“ – sie verliebt sich in ihr Kind. Das runde Köpfchen, das Stupsnäschen, die süßen Händchen, die zarte Haut – alles das rührt uns tief an und ist geeignet, unser Herz zu erobern. Die mütterliche Empathie und Hingabebereitschaft, die in der Frau angelegt ist, erwacht hier. Sie kann aber auch beeinträchtigt oder verhindert werden, wenn diese Nähe z. B. durch die Klinikroutine nach der Entbindung nicht ermöglicht wird.
Werden jedoch die Erwartungen eines Babys nach unmittelbarer Nähe, Bindung und Stillen erfüllt, so, wie sie sich spontan ergeben, fühlt es sich sichtlich wohl. Es gedeiht und wirkt ausgeglichen. Die Mama-Nähe ist seine Wellness-Oase. Stillen, Tragen, gemeinsames Schlafen im Familienbett, liebevolles Ansehen, Ansprechen, Berühren und verlässliches Dasein – das ist die Sehnsucht kleiner Kinder, solange es die Menschheit gibt. Babys sind da sehr konservativ und gleichzeitig zeitlos modern. Liebevolle Mütterlichkeit als archetypisches Verhaltensmuster ist keine deutsche Erfindung des 19. Jahrhunderts, wohl aber wurde sie zumindest teilweise in dieser Zeit als Quelle des Kindeswohls wiederentdeckt.

Inzwischen gibt es genügend wissenschaftliche Erkenntnisse darüber, wie sehr die ursoziale Beziehung zwischen Mutter und Kind an biologische Zusammenhänge geknüpft ist. Der englische Psychiater Donald Winnicott (1896 bis 1971) erkannte bereits: „Wesentlich ist die Kommunikation zwischen Mutter und Kind, die sich in Anatomie und Physiologie lebendiger Körper abspielt.“ Das beschreibt die symbiotische Beziehung zwischen Mutter und Kind, die Verbundenheit mit allen Fasern, die gelebte Haut-Nähe mit ihrem Einfluss auf Stillfähigkeit und individuelle Muttermilchzusammensetzung. Der Neurophysiologe Manfred Spreng schreibt 2015 in dem Artikel „Frauen und Kinder zuerst“(3) z. B. über den prä- und postnatalen Einfluss der Mutter für Bindung und Sprachanbahnung: „Es ist allgemein bekannt, dass bereits ab der 14. bis 24. Entwicklungswoche der Fötus im Mutterleib flüssigkeitsgekoppelt (über das Fruchtwasser, Anm. der A.) die Mutterstimme hört und nach der Geburt voll darauf fixiert ist. Demgemäß sind weder der nicht flüssigkeitsgekoppelte Vater noch andere Frauenstimmen in der Lage, eine optimale und adäquate dyadenspezifische, also auf enger Zweierschaft basierende Beziehung zu dem Neugeborenen aufzubauen.“

Die Bindungsforscherin Karin Grossmann beschrieb 2002, dass in Mutternähe im Körper des Kindes Endorphine und das Wachstumshormon Somatotropin ausgeschüttet werden. Sie vermutete überdies, dass solche Vorgänge in Bezug auf eine Erzieherin nicht stattfinden. Richard Bowlby, der Begründer der Bindungsforschung, weist daraufhin, dass sich die Größe des Kindergehirns in den ersten zwei Lebensjahren verdoppelt und dass bis zur Dreijährigkeit fast ausschließlich die emotionalen Bereiche des Gehirns entfaltet werden. Die amerikanische Hirnforschung entdeckte bereits 1997, dass jede positive emotionale Stimulierung das Synapsenwachstum und ihre Vernetzung fördert. Die im Körper der Mutter begonnene körperliche und emotionale Entwicklung des Kindes kann also nur an ihrem Körper fortgesetzt werden.
Der amerikanische Hirnforscher Allan Schore wies auf einer Kinderärztetagung 2012 darauf hin, dass im Zuge der vertrauten Zweisamkeit zwischen Mutter und Kind die annehmende mütterliche Reaktion die negativen Gefühle des Kindes minimiert und die positiven maximiert. Die mit dem Kind emotional mitschwingende mütterliche Reaktion „stillt“ das kindliche Gehirn und schafft die Basis dafür, dass es später selbst Ausgeglichenheit herstellen kann. Ausgeglichenheit ist der umgangssprachliche Ausdruck für eine gesunde Stress- und Affektregulationsfähigkeit des Gehirns.

Mit der Vergrößerung des Aktionsradius etwa ab der Einjährigkeit beginnt das Kind zu erahnen, dass es eine eigene von der Mutter abgetrennte Person ist. Zu der Freude, dass es selbst irgendwohin krabbeln oder tappeln kann, paart sich ambivalent ganz schnell die Verunsicherung wegen des Einzelnseins, die wiederum nach Rückversicherung zur Mama verlangt. Die Bindungssicherung macht das Kind fähig, zu anderen Personen Beziehungen aufzubauen, z. B. zum Vater. Der Vater ist für ein Kind genauso wichtig wie die Mutter. Nur ist seine Bedeutung für es eine andere. Es kommt von der Einheitsbeziehung mit der Mutter her, die Beziehung zum Vater wird erst neu aufgebaut. Sie kann stillen, er nicht. Er will es eher (heraus)fordern und mit ihm die Welt entdecken. Mit ihm wird die Zweierschaft zur Dreierschaft (Triangulierung).
Menschenkinder haben überdies einen besonderen Überlebensbonus gegenüber anderen Lebewesen: Sie können zur Not auch zu anderen Personen als der Mutter eine sichere Primärbindung aufbauen, wenn diese Person zugetan und stabil da ist. So kann auch ein Vater oder jemand aus der Verwandtschaft zur Primärbindungsperson werden. Not ist dann gegeben, wenn die Mutter stirbt. Das Einspringen einer anderen Person wird dann notwendig.

Heute schwingt sich unsere Gesellschaft auf, quasi einen Notzustand künstlich herbeizuführen, z.B. durch den zunehmenden finanziellen Druck auf Familien. Dieser Notzustand wird nicht nur zur Norm gemacht, sondern in Form von Krippenbetreuung zum Königsweg für die kindliche Entwicklung, Bildung und sein späteres Fortkommen erklärt.
Alle seriösen Studien belegen indes das Gegenteil, keine kann der frühen Fremdbetreuung eine Unbedenklichkeit bescheinigen. Die Risiken dieser sind in der zu hohen Stressbelastung für das junge Gehirn durch Trennung von der Hauptbindungsperson begründet: das Kind schreit, wenn die Mama geht. Wenn es aufhört, ist das nicht etwa ein Lernerfolg, sondern Resignation. Der messbare Trennungsstress kann unabhängig von der Qualität der U3-Betreuung die Stressregulationsfähigkeit lebenslang beeinträchtigen sowie Verhaltens–, Lern- und Beziehungsprobleme nach sich ziehen, wie die zwischen 1991 und 2007 laufende amerikanische Langzeitstudie des National Institute of Child Health and Human Development (NICHD) ergab.
Die frühe Wunde bereitet oft späte Schmerzen: Alle seelischen, psychosomatischen und einige körperliche Erkrankungen haben ihre Ur-Sache in unsicherer früher Bindung, so folgert Allan Schore aus den aktuellen Forschungsergebnissen. Der kanadische Neurobiologe Michael Meaney, der 2014 den hochdotierten Klaus J. Jakobs Research Prize verliehen bekam, verweist auf Versuche mit Ratten, deren Ergebnisse auch auf den Menschen anwendbar seien: „Je intensiver die mütterliche Brutpflege, desto …weniger empfindlich reagieren die Kinder im späteren Leben auf Stress. Und umgekehrt.“ Er schließt daraus u. a., dass z. B. für Kinder aus schwierigem Milieu „jene Hilfen am effektivsten (seien), die vor allem den Eltern helfen, mehr Verständnis, Geduld und Umsicht bei der Erziehung ihrer Kinder walten zu lassen.“

Mutterliebe ist also nicht einfach ein sozial-ideologisches Konzept, das man annehmen oder verwerfen kann, sondern sie ist das Gedeih-Medium eines Kindes auf ganz existenzieller Ebene. Sie ist eine (Über)lebensaufgabe. Der Rollenbegriff „Mutter“ taugt nicht, um das Verhältnis zwischen Mutter und Kind zu beschreiben: Das Baby kann sich seinerseits aus seiner „Rolle“, aus seinen instinktiven Erwartungen als Baby nicht lösen, so dass sich infolgedessen die Mutter ihrerseits aus ihrem Rollenverhalten als Mutter ohne Folgen lösen könnte. Die Frage ist jedoch, inwieweit eine Kultur willens und in der Lage ist, das zu akzeptieren und Gedeihbedingungen für die Mütterlichkeit zu schaffen.

Über die Autorin:
Hanne Kerstin Götze, Jahrgang 1960, arbeitet seit vielen Jahren auf den Gebieten der Mütter- und Familienberatung. Die verheiratete Mutter von vier Kindern und langjährige Familienfrau ist gelernte Diplom-Bibliothekarin. Ihr Buch „Kinder brauchen Mütter. Die Risiken der Krippenbetreuung – Was Kinder wirklich stark macht“ (Ares Verlag, Graz 2011) wurde in der Fh 4/2012 vorgestellt.

Fußnoten:
(1) Stefan Fuchs: Gesellschaft ohne Kinder – Woran die neue Familienpolitik scheitert. Verlag Springer VS, Wiesbaden 2014.
(2) https://www.tagesschau.de/inland/betreuungsgeld-117.html
(3) Manfred Spreng: Es trifft Frauen und Kinder zuerst. Wie der Genderismus krank machen kann! Broschüre. © Logos Editions Project, Ansbach 2015.
Siehe auch: Manfred Spreng – Harald Seubert (Hrsg. Andreas Späth): Vergewaltigung der menschlichen Identität. Über die Irrtümer der Gender-Ideologie. (2. Aufl. 2012). Vorgestellt in der Fh 2/2012

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