OXFAM – noch eine Studie mit fragwürdigem Nährwert

Beitragsbild: Kinder in Kita

Von Monika Bunte und Wiltraud Beckenbach aus der fh 3/2020

In vielen deutschen Städten gibt es Oxfam-Läden. Das sind Secondhand Shops für Textilien, Porzellan und Bücher, in denen zahllose Ehrenamtliche arbeiten. Gegründet wurde die Bewegung 1942 in Oxford gegen die Hungersnot in Griechenland (FAMine relief) während der deutschen Besatzung im 2. Weltkrieg. Die Anzahl der Läden wuchs stetig; die Arbeit von Oxfam geht weit über die Läden hinaus. Inzwischen ist Oxfam eine große Nichtregierungsorganisation (NGO), die in zahlreichen armen Ländern auch zusammen mit anderen NGOs Hilfe leistet.

Zum Weltwirtschaftsgipfel in Davos im Januar 2020 veröffentlichte Oxfam eine viele Seiten starke Broschüre „Time to Care“ mit Hinweisen auf den unverschämten Reichtum von Wenigen und das haarsträubende Elend von vielen Armen, besonders von Frauen. Care Work, wie die meist unbezahlte und auf jeden Fall unterbezahlte Betreuungs-, Erziehungs- und Pflegearbeit neuerdings heißt, wird überwiegend Frauen abgefordert und auch von ihnen geleistet. Anschaulich dargestellt wird die Ungleichheit von Einkommen und Vermögen zwischen einzelnen Ländern und Bevölkerungsgruppen. Demnach verdienen Frauen nach wie vor im Durchschnitt 23 % weniger als Männer. Frauen haben weltweit zu 65 % keine Absicherung im Alter. Auf die Gesamtarbeitszeit bezogen bekommen Männer 80 % ihrer Arbeit bezahlt, die Frauen aber nur 41 %, da sie den Löwenanteil der unbezahlten Pflege- und Fürsorgearbeit leisten. Wir nennen es Familienarbeit.

Und was fordert Oxfam International?

Höhere Ausgaben für die öffentliche Kinderbetreuung, damit die Frauen ein Einkommen aus Erwerbsarbeit erzielen können! Das ist wahrlich wenig originell! Eine aktuelle Bertelsmann-Studie belegt, dass es vor allem die Mütter sind, die „im Leben zwei Drittel weniger verdienen als kinderlose Frauen“. Aber auch den Autorinnen dieser Studie fällt nichts anderes ein, als nach mehr Fremdbetreuung zu rufen, sprich Familie tendenziell abzuschaffen.

Oxfam vergleicht den Wert der unbezahlten Pflege- und Fürsorgearbeit der Frauen und Mädchen mit dem Umsatz von Apple, Google und Facebook. Dieser Vergleich hinkt. Löhne, bezahlte oder fiktive, lassen sich nicht mit Umsätzen von Konzernen vergleichen, seien sie klein oder groß. Umsätze enthalten alle Kosten, auch Lohnkosten. Der zitierte Vergleich ist im gutgemeinten Sinn der Arbeit von Oxfam interessant wegen der horrenden Größenordnung. Oxfam führt für den Wert der bezahlten Carearbeit weltweit mindestens 11 Billionen Dollar an. Vergleiche mit den unbezahlten Care-Leistungen von Frauen und Mädchen lassen sich nicht einmal ansatzweise anstellen. Dazu fehlen Angaben über die Zahl der helfenden Frauen. Sowohl für Entwicklungsländer als auch für Industriestaaten lässt sich die Höhe eines fiktiven Einkommens nicht mal schätzen.

Oxfam beklagt, dass der Wert der Fürsorge- und Hausarbeit gesellschaftlich und ökonomisch nicht anerkannt wird. Der jetzige Zustand bezüglich der unbezahlten Fürsorge- und Pflegearbeit wird gründlich analysiert.

In meiner Vorstellung von einer perfekten Welt sind wir alle gleichberechtigt, aber ganz bestimmt nicht gleich – Barbra Streisand

Zusätzlich zur internationalen Time to Care Broschüre gab Oxfam Deutschland eine Ergänzung heraus: eine DIN-A4-Broschüre von 14 Seiten mit dem Titel „Im Schatten der Profite – Wie die systematische Abwertung von Hausarbeit, Pflege und Fürsorge Ungleichheit schafft und vertieft“. Oxfam schreibt: „[…] es sollte selbstverständlich sein, dass die Bedeutung von Pflege- und Fürsorgearbeit anerkannt wird und auch unbezahlt Pflegenden weder jetzt noch in Zukunft aus ihrem Engagement Nachteile entstehen […] Die meisten Beschreibungen von Wirtschaft blenden […] systematisch aus. Diese Arbeit gilt als unproduktiv, nicht wertschöpfend und letztlich außerökonomisch.“ (Seite 5)

Das Anliegen von Oxfam ist, Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen zu verringern, weil Ungleichheit Armut bewirkt. Interessant ist auch, welche Anmerkungen Oxfam zu Stereotypen macht. Dass Hausarbeit, Pflege und Fürsorge Frauenarbeit ist, sei ein Stereotyp, welches die Arbeitsteilung in der Familie beeinträchtige.

Selten genug findet man in der übrigen Literatur den Hinweis auf folgenden Zusammenhang: „Die Abwertung der Pflege- und Fürsorgearbeit betrifft zudem diejenigen, die diese Tätigkeiten professionell ausüben. In zahlreichen Ländern wird sie, obwohl oftmals komplex und körperlich anstrengend, auch als Erwerbsarbeit gering geschätzt und entsprechend schlechter bezahlt als Arbeit mit ähnlichen Anforderungen in anderen Berufen.“ (S.5)

Die Angaben zu Einkommens- und Vermögensverteilung in Deutschland auf den Seiten 10 und 11 der Broschüre sind gut lesbar dargestellt.

Auf Seite 11 folgt jedoch eine Einschätzung, die Kritik herausfordert: „Eine materielle Anerkennung von Pflege und Fürsorge kann über Be- oder Entlohnung erfolgen. Dies geschieht direkt, indem die Arbeit von professionell Pflegenden besser bezahlt und ausgestattet wird und indirekt über die sozialen Sicherungssysteme, die all jene, die unbezahlte Pflege- und Fürsorgearbeit leisten, absichern. Zentrale Elemente sind universelle Renten, die unbezahlt Pflegende nicht für fehlende Beiträge bestrafen, und Kindergeld, das allen zugutekommt, die sich um Kinder kümmern.“

Zu fragen ist: Reicht eine universelle Rente aus als Ausgleich für entgangenen Erziehungslohn? Was ist mit all den Frauen, die weltweit ohne soziale Sicherungssysteme leben? Und wieso kommt Kindergeld allen zugute, die sich um Kinder kümmern? Die Autoren, die diesen wissenschaftlichen Bericht verfasst haben, sollten wissen, dass Kindergeld keine besondere Förderung von Familien ist, sondern die verfassungsrechtlich gebotene Freistellung des Sachbedarfs eines Kindes, mit dessen Betreuung also nichts zu tun hat.

Oxfam macht eine Reihe von Vorschlägen für Deutschland und weltweit, wie Ungleichheit und Verarmung zu bekämpfen seien. In keinem Vorschlag wird jedoch die direkte Bezahlung der Familienarbeit ernstlich erwogen. Es geht wie immer nur um mehr Geld für außerhäusliche Betreuungs- und Pflegearbeit und um Familienersatz.

Ein Volk steht und fällt mit seinen Müttern! – nach Friedr. v. Schiller

Lit: Oxfam Deutschland „Im Schatten der Pro- fite“, auch im Internet

 

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