Mütterlichkeit (Fh2017/3)

von Bettina Hellebrand

Mütterlichkeit – ein Begriff, der für heutige Ohren etwas pathetisch klingt oder gar altertümlich. Aber das Phänomen ist überall anzutreffen und zuweilen trifft es uns mitten ins Herz, wie neulich, als ich das Foto einer Flüchtlingsmutter sah. Sie war von einer dieser goldenen Rettungsdecken umhüllt, das Kleinkind im Arm, es nährend mit Fertigbrei aus einem Gläschen. Vertieft in ihre Aufgabe, schien sie den Fotografen nicht bemerkt zu haben. Sie ist da, wo ein anderer Mensch, ein kleiner Mensch, sie braucht. Mütterlichkeit ist kein Begriff, es ist eine Urgeste für Umhüllen, Schützen, Nähren, Nähe- und Wärmegeben, bedingungslos Dasein – darüber zu schreiben scheint fast überflüssig. Ein solches Handeln leuchtet jedem sofort ein, würde jeder für sich und seine Kinder in einer solchen Situation als das einzig Sinnvolle erkennen und herbeisehnen.

Warum darüber schreiben?

Das Verhältnis zu Mütterlichkeit hat sich grundlegend gewandelt. Auch wenn uns der Anblick rührt, bleiben wir „außen vor“. Im Zuge der Emanzipation haben wir uns frei gemacht von tradierten Rollenbildern. Insbesondere wir Frauen wollen nicht mehr vorgeschrieben bekommen, was eine Mutter zu tun hat. Das Wort „Mutter“ in „Mütterlichkeit“ beziehen wir ungern auf uns. Wir sind lieber „weiblich“ als „mütterlich“ und sehen im mütterlichen Handeln eine allgemeinmenschliche Zuwendungsfähigkeit. Vielleicht zu Recht. Gleichzeitig ist gerade uns Müttern oft bewusst, dass sich unsere Kleinkinder nicht genauso „emanzipieren“ können wie wir. Sie brauchen, wie schon zu Urzeiten, immer noch die gleiche Zuwendung. Sie brauchen Schutz, Nahrung, Wärme, Bindung. Sie brauchen das Mütterliche. Aus welcher Perspektive ist „Mütterlichkeit“ jetzt zu betrachten? Aus der der Mütter oder der Kinder? Da prallen zwei sehr unterschiedliche Bedürfnisse aufeinander. Die Fähigkeit, diese Urgeste den Kindern zuliebe ausführen zu können, ist uns nicht mehr selbstverständlich gegeben. Vielleicht sind wir sogar dabei, sie zu verlernen, denn sie gilt mittlerweile als „delegierbar“ an professionelle Erziehungskräfte.

Die Kunst, einen Kaktus zu umarmen

Uns fehlen zunehmend die Vorbilder. In der Öffentlichkeit sehen wir eher joggende, Kinderwagen steuernde Powerfrauen, als Mütter (und Väter), die sich – fast scheu – in ihren verlangsamten Alltag zu Hause zurückziehen. Denn Verlangsamung gehört zur Mütterlichkeit. Sich Zeit nehmen und Raum geben können – ganz gleich, was ringsum geschieht – das fällt uns schwer, aber genau darin besteht das Bedürfnis unserer Kinder. Mütterlichkeit scheint eine Fähigkeit zu sein, die wir erst wieder lernen müssen – wenn wir das wollen. Und da dürfen wir zu Recht fragen, ob Mütterlichkeit nur an Frauen gebunden ist. Ja und Nein. Da die Urgeste des Mütterlichen in der Schwangerschaft beginnt, haben wir Frauen als erste die Chance, uns in dieser Fähigkeit ausbilden zu lassen. Wohlgemerkt: Wir müssen das nicht, wir können uns auf diesen Ausbildungsweg begeben. Wie bei jeder Ausbildung lernen wir uns selbst dabei kennen, tiefer und inniger als wir es vielleicht je zuvor erlebt haben.

Frauen sind nicht automatisch „mütterlich“, sie können es aber werden. Das ist der erste Schritt: das naturgegebene Symbiosegefühl verwandeln in ein bewusstes Nähren, Schützen und Raumgeben. Doch bewusste Mütterlichkeit umfasst meines Erachtens noch einen weiteren, für Männer und Frauen gleichermaßen wichtigen Aspekt. Bewusste Mütterlichkeit beginnt dort, wo wir plötzlich begreifen, dass das eigene Kind das Fremde ist. An diese seltsame Grenze stoßen alle Eltern, manche früher, manche erst in der Pubertät ihrer Kinder: das Fremde mitten unter uns. Und die bange Frage, ob „die Kunst“ gelingt – so der Untertitel eines Erziehungsratgebers – auch „einen Kaktus zu umarmen“? Unser gesteigertes Selbst-Bewusstsein muss sich erweitern um ein Fremd-Bewusstsein. Wenn das gelingt, ist Mütterlichkeit die Kraft und der Mut zur Integration. Bei mehreren Kindern umfasst dies noch dazu die Akzeptanz der vielfältigen Fremdheit und die Fähigkeit, daraus eine irgendwie funktionierende Gemeinschaft zu bilden.

Jede Mutter hat Anspruch auf Schutz

Mütterlichkeit ist keine Gabe der Natur, sondern eine Kulturtechnik, die täglich geübt werden muss. Oft wird vergessen, dass diese Geste meist selber Schutz braucht! Natürlich gibt es Löwenmütter, die ihre Kinder verteidigen, aber dieser Vergleich aus dem Tierreich hinkt. Denn ein mütterlich handelnder Mensch hat Hände und Kopf oft nicht frei zur (Selbst-)Verteidigung. Im Artikel 6, Absatz 4 unseres Grundgesetzes steht sogar: „Jede Mutter hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft.“ Es scheint sinnvoll, auch die Väter, die mütterliche Fürsorge leisten, mit einzubeziehen. Aber weitaus wichtiger scheint mir die Frage, ob wir als Gemeinschaft überhaupt schon genug wärmende „Golddecken“ um all die Fürsorgenden legen. Golddecken, die aus echter Wertschätzung und sogar besser noch aus finanzieller Unterstützung gewoben sind. Denn solange die Sorgen um den verlorenen Arbeitsplatz und den Rentenanspruch die Mütter umtreibt, fällt das Neuerlernenwollen von „Mütterlichkeit“ schwer. Aber gerade diese Kulturtechnik des Integrierens ist es, die unserer Zeit so bitter Not tut.

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