Das Verschwinden der Frauen (Fh 2016/3)

von Monika Bunte

Bereits im November 1991 titelte die Welt am Sonntag: „Millionen Frauen in Asien verschwunden“. Tatsächlich liegt das Verhältnis von Frauen zu Männern in den meisten Ländern der Welt nach dem CIA World Fact Book – Sex ratio 1) bei ca. 100 zu 105 – in Indien und China jedoch lediglich bei ca. 100 zu 112 bzw. 115, in China mit Tendenz fallend. Da in vielen asiatischen Ländern Männer mehr gelten als Frauen, liegt der Verdacht nahe, dass Frauen dort zu Opfern ihres Geschlechts werden. So gibt es in einer ganzen Reihe von Staaten eine geschlechtsselektive Geburtenkontrolle. In China und Indien ist sie aufgrund der Größe der Länder besonders auffällig. Mara Hvistendahl versucht, in ihrem Buch „Das Verschwinden der Frauen – Selektive Geburtenkontrolle und die Folgen“ 2) dieses Phänomen zu beleuchten.

Zunächst verweist Hvistendahl auf den französischen Demografen Christophe Guilmoto, der bei Feldforschungen im südwestlichen Indien in den 1980er Jahren feststellte, dass die Fertilitätsrate auf europäisches Niveau gesunken war – nicht, weil die Menschen dort allgemein weniger Kinder, sondern explizit weniger Mädchen bekommen hatten. Ähnliche Beobachtungen konnte er in China anstellen. Fazit seiner Forschungsergebnisse: In Asien findet eine „galoppierende demografische Maskulinisierung“ statt – heute würden in Asien über 160 Millionen Frauen mehr leben, wenn das natürliche Geschlechterverhältnis von 105 Männern zu 100 Frauen weiter bestanden hätte. Diese gravierenden Veränderungen finden weltweit nur wenig Aufmerksamkeit, obwohl sie massive Folgen haben. So werden die Frauen zur „Mangelware“ und erleben sexuelle Ausbeutung, Heiratshandel und Zwangsehe.

Warum jetzt?

Hvistendahl berichtet, dass Abtreibungen in Asien traditionell verpönt waren. So warne das hinduistische Schrifttum vor der Tötung eines Fötus, und auch nach buddhistischen Regeln beginne das Leben mit der Empfängnis. Durch die aktive Bevölkerungskontrolle in Asien änderte sich diese Einstellung drastisch. So sah ein 1979 zwischen der chinesischen kommunistischen Regierung und dem UNFPA (Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen) vereinbartes Abkommen Geld für die Ausbildung von 70.000 Familienplanungs-Agenten vor, ebenso wie eine breit angelegte Informationskampagne bezüglich einer geringeren Kinderzahl pro Familie. Wie extrem diese „Planung“ umgesetzt wurde, zeigt die damalige Aussage eines Brigadeführers gegenüber einer Reporterin: „Wenn eine Frau außerhalb unserer Planung schwanger wird, muss sie sich einer Abtreibung unterziehen, auch wenn sie schon im 8. Monat ist. Dann erfolgt die Abtreibung durch Kaiserschnitt“. Nachdem Abtreibungen in Asien „salonfähig“ gemacht worden waren, war der Schritt zur gezielten Abtreibung weiblicher Föten nicht mehr weit. Möglich gemacht wird die Selektion durch Fruchtwasseruntersuchungen und Ultraschalltechnik, welche das Geschlecht schon vor der Geburt erkennen lassen. In Indien ist die geschlechtsselektive Abtreibung seit 1994 zwar verboten, aber das Verbot wird nur unzureichend durchgesetzt.

Was sind die Folgen für die Frauen und die Welt?

1995 fand in Peking die Weltfrauenkonferenz statt. Die zum Schluss verabschiedete Resolution machte aufmerksam auf die zunehmende Gewalt gegen Frauen. Dazu gehören Vergewaltigung, sexuelle Sklaverei und Mord. Zwangssterilisation, die Tötung weiblicher Neugeborener und die vorgeburtliche Geschlechtsselektion sind ebenfalls Instrumente dieser Gewalt. Die UNFPA, wichtigste UN-Organisation in der Bevölkerungspolitik, sieht die Geschlechtsselektion allerdings nicht als Menschenrechtsverletzung. Die Webseiten von UNICEF und UNFPA zeigen nur Material über Genitalverstümmelung – dabei sind Genitalverstümmelung, häusliche Gewalt und selektive Abtreibung ein Terzett patriarchaler Unterdrückung.

Hvistendahl berichtet, dass sich Junggesellen aus den reichen Landesteilen von Taiwan und Südkorea Frauen in China und Indien „besorgen“. In den ärmeren Landesteilen vermitteln häufig Makler Frauen. In Taiwan gibt es eine Dreiviertelmillion mehr Männer als Frauen. In Südkorea sind mehr als 1.000 internationale Eheanbahnungsinstitute registriert. Auf dem Land ehelichten 40 Prozent der Bauern und Fischer ausländische Frauen, 2003 waren ein Drittel aller Bräute dort aus dem Ausland. Der Männerüberschuss staut sich auf, weil viele Männer der 1. Generation jüngere Frauen heiraten, die dann zusätzlich für die Männer der 2. Generation fehlen. 2013 gab es für jeden 10. chinesischen Mann keine potentielle Partnerin.

Wertsteigerung? Aber für wen?

Manche Wirtschaftswissenschaftler vertreten hartnäckig die Ansicht, dass die Gesetze von Angebot und Nachfrage auch für die Rolle der Geschlechter gälten, dass der Wert von Frauen umso höher sei, je knapper sie werden. Diese Einschätzung ist nur eingeschränkt zutreffend. Die Wertsteigerung – oder sollten wir besser sagen: die Wertschätzung? –, die eine Ostchinesin erfährt, lässt sich wohl erst nach der Eheschließung feststellen. Auch Prostitution findet historisch gesehen immer dort statt, wo Männer gegenüber Frauen in der Überzahl sind. Aufs Ganze gesehen ist in China die Prostitutionsrate höher als in den USA. Es gibt fließende Übergänge zwischen Prostitution und Zwangsehe. Die Zwangsehe ist in Asien mittlerweile so gängig geworden, dass sie – neben Genitalverstümmelung, häuslicher Gewalt und Vergewaltigung in der Ehe – in den USA als Asylgrund für Frauen anerkannt wird.

In Vietnam haben es Mädchenhändlerringe auf Mädchen aus sozial benachteiligten Schichten abgesehen – Kidnapper, die junge Mädchen über die Grenze schmuggeln und in die Prostitution verkaufen. Jungfräulichkeit kostet extra. In jüngster Zeit wurden Tausende vietnamesischer Frauen über die Grenze nach China verkauft, teils als Ehefrauen, teils für die Prostitution. Ein vergleichbares Geschäft floriert in Indien. Auch Polyandrie kommt vor: eine Frau wird für einen Sohn eingekauft. Am neuen Ort erfährt sie alsbald, dass sie auch seinen Brüdern zur Verfügung stehen muss. Wenn das von ihr erwartet wird, kostet sie mehr.

Krankheit und Gewalt

Die starke zahlenmäßige Zunahme der überschüssigen Männer begünstigt die Zunahme sexuell übertragbarer Krankheiten. In China ist Aids 2008 zur häufigsten Todesursache geworden.

In allen Kulturen werden Gewalttaten überwiegend von Männern begangen. Die Erklärung für die Kluft zwischen den Geschlechtern liegt im Testosteron. Das Geschlechtshormon liegt bei Männern in höherer Konzentration vor als bei Frauen. Testosteron ist nicht der Auslöser für Gewalttätigkeit, hat aber einen fördernden Effekt. Der Wissenschaft ist seit Langem bekannt, dass verheiratete Männer einen niedrigeren Testosteronspiegel haben als ledige, Väter wiederum einen niedrigeren als kinderlose Ehemänner. Der Testosteronspiegel steigt übrigens im zeitlichen Umfeld einer Scheidung. Verheiratete Männer begehen weniger Delikte als Unverheiratete. Ein Überschuss von 160 Millionen Männern ist so gesehen etwas anderes als der Überschuss von 160 Millionen Frauen. Die Erfolglosigkeit auch nur einer einzigen Generation auf dem Heiratsmarkt vermag die ganze Gesellschaft zu beeinträchtigen.

In China ging die Kriminalitätsrate – auch in Bezug auf Vergewaltigungen – zwischen 1992 und 2004 steil nach oben. Allerdings stieg die Wirtschaftsentwicklung im gleichen Zeitraum ebenfalls rasant an, und es ist schwer zu sagen, wie viel davon mit einem Übermaß an Testosteron zusammenhängt. Um diese Zusammenhänge aufzudecken, nahm sich eine koreanische Forscherin die chinesischen Kriminalitätsstatistiken vor. Ihr kam dabei zugute, dass die Ein-Kind-Politik seit den 1980er Jahren auf Provinzebene zu unterschiedlichen Zeiten eingeführt wurde. Die zeitlich gestaffelte Durchsetzung brachte es mit sich, dass in der Teenagerpopulation die Verschiebung des Geschlechterverhältnisses zu unterschiedlichen Zeiten wirksam wurde. Das Ergebnis: Wo die Verschiebung des Geschlechterverhältnisses früher eingesetzt hatte, stieg auch die Kriminalitätsrate früher an. Zitat: „Die zunehmende Vermännlichung der jungen Erwachsenen-Population könnte wohl für ein Drittel des Anstiegs der Kriminalität im Ganzen verantwortlich sein.“

Gleiches Muster in Indien

In Utar Pradesh war eine Gruppe von mehreren hundert Frauen so aufgebracht, dass sie sich in magentafarbene Saris kleideten und sich in „rosaroten Banden“ zusammenschlossen, um gemeinsam, auch mit geschwungenen Knüppeln, gegen Männer vorzugehen, die sich „ungehörig“ benahmen. Generell sind die Ängste der Eltern um ihre Töchter und die der jungen Frauen insgesamt enorm gestiegen.

Nach langem Ignorieren und Herunterspielen des Geschlechterungleichgewichts ist das Thema bei hohen Funktionsträgern in Indien und China angekommen. Zum Beispiel nannte im Jahr 2008 der damalige indische Premierminister die Abtreibung weiblicher Föten eine „nationale Schande“ mit negativen Folgen für die gesamte Gesellschaft. Auch in China wird von offizieller Seite aus versucht, dem Maskulinisierungstrend entgegenzuwirken: In einer Provinzstadt wurde zum Beispiel ein Programm angeschoben, das übersetzt in etwa heißt: „Ein Herz für Mädchen“. Im Rahmen dieses Programms wandten sich die Mitglieder der Familienplanungskommission unter anderem an Mütter, damit diese ihre Söhne nicht drängen sollten, endlich einen Sohn zu zeugen. Auch Ultraschalltechniker wurden schärfer überwacht. Das Geschlechterverhältnis in dieser Provinzstadt veränderte sich von 125 Jungen zu 100 Mädchen im Jahr 1999 innerhalb von drei Jahren auf 114:100. Das Programm wurde dann auf 24 weitere Bezirke ausgedehnt. Im Jahr 2006 wurde das Programm „Ein Herz für Mädchen“ landesweit eingeführt, wobei nicht an den ursprünglichen Erfolg angeknüpft werden konnte. Auch in Indien wurden bislang noch keine nachhaltigen Lösungen für das Problem der Maskulinisierung gefunden.

Science-Fiction-Romane und Filme haben die Problematik aufgegriffen und malen düstere Szenarien. Der eingangs erwähnte Demograf Guilmoto ist hingegen hoffnungsvoller – mit Blick auf Südkorea, wo nach zwei „verhunzten“ Generationen nun wieder eine neue Generation mit ausgewogenem Geschlechterverhältnis heranwächst. Allerdings wird eine Umkehr des Trends nicht ohne aktives Einwirken auf die gesellschaftlichen Werte und Normen zu haben sein – was ja zunächst auch der Auslöser für das Ungleichgewicht überhaupt gewesen war. Die Autorin Mara Hvistendahl kritisiert, dass der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen, die US-Regierung und die Frauenverbände hier noch viel zu wenig aktiv sind. Die vorliegende Zusammenfassung von Hvistendahls vierhundertseitigem Buch soll mit dazu beitragen, dass dem Thema „Geschlechtsselektive Abtreibung“ die ihm zustehende Aufmerksamkeit zuteil wird.

Fußnoten:

1) https://www.cia.gov/library/publications/the-world-factbook/fields/2018.html, aufgerufen am 26.08.2016

2) Mara Hvistendahl, amerik. Wissenschaftsjournalistin, lebt seit 2006 in China und ist Asien-Korrespondentin der Zeitschrift „Science“. Mara Hvistendahl: Das Verschwinden der Frauen. Selektive Geburtenkontrolle und die Folgen. dtv Verlag, München 2013. ISBN 978-3-423-28009-9. 424 Seiten.

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