Kritik an der Arbeit des Programmbeirats der ARD (Fh 2015/2)

Schreiben von Wiltraud Beckenbach

Betreff: Arbeit des Programmbeirats
Datum: 27. Juli 2015
Von: W. Beckenbach
An: programmbeirat@daserste.de

Sehr geehrte Damen und Herren,

auch wenn ich Fragen oder Anmerkungen eigentlich an die Fernsehmacher senden soll, wende ich mich heute direkt an Sie. Als Beirat können und müssen Sie Stellung beziehen, ansonsten wäre Ihre Arbeit entbehrlich.
Da ich selbst viele Jahre bei einem privaten Sender im Beirat gesessen habe, kann ich mir über diese Tätigkeit und seine Auswirkung durchaus ein Urteil erlauben.

Auslöser für mein Schreiben ist die Berichterstattung in der ARD (ZDF ist nicht besser) und den einzelnen Länderanstalten nach dem Urteil zum Betreuungsgeld.
Die Beiträge waren zu 98 Prozent pro Urteil. Mit keinem Wort wurde erwähnt, dass mit der beanstandeten Zuständigkeit des Bundes auch Krippenfinanzierung und Elterngeld in Frage stehen.
Es wurden die altbekannten Argumente erneut aufgefrischt, die da sind:

  • Das Betreuungsgeld halte Frauen von der Erwerbstätigkeit ab und die Kinder aus den sozialschwachen Familien würden nicht gebildet
  • Ein konservatives Familienbild würde gefördert, welches abgeschafft gehöre
  • Die 150 Euro würden auch gut verdienenden Familien zukommen, die das nicht brauchen,
  • etc.

Dazu muss ich Folgendes feststellen:
Wer wegen 150 Euro auf eine Erwerbsarbeit verzichtet, hat sich das sicher gut überlegt. Diesem lächerlichen Betrag steht nämlich die Alternative eines zweiten Einkommens und eines von uns allen subventionierten Krippenplatzes für ca. 1.200 Euro gegenüber. Das macht auch der „Splittingvorteil“ nicht wett. Der beträgt bei einem Durchschnittseinkommen rd. 250 Euro.
SozialgeldbezieherInnen bekommen das Betreuungsgeld gar nicht. Ebenso dürfen sie zumindest bei uns ihre Kinder ohne Erwerbstätigkeit nicht in eine Krippe geben. Woher soll also die staatlich verordnete Bildung kommen?
Was bei fast allen Beiträgen immer verschwiegen wurde: Betreuungsgeld erhalten lediglich Eltern für unter dreijährige Kinder. Gezeigt werden aber oft dazu Kindergartenkinder bzw. sogar Schulkinder. Das ist bewusste Irreführung.
Von der Bindungsforschung wissen wir, dass Kinder unter drei Jahren in erster Linie Bindung und nicht Bildung brauchen. Diese erbringen Migranten oder Sozialschwache mehrheitlich ebensogut wie alle übrigen Eltern. Es reicht nach Meinung der Wissenschaftler,
wenn die Bildung ab drei Jahren erfolgt.
Völlig verlogen wird die universelle Empörung dann, wenn es bei der Altenpflege völlig normal ist, dass beim Pflegegeld in der
Stufe 0 123 Euro
Stufe 1 244–316 Euro
Stufe 2 458–545 Euro
Stufe 3 723 Euro
gezahlt werden. Zuzüglich der nicht unerheblichen Sachleistungen.
Von einem konservativem Familienbild ist hier keine Rede. Zudem sollen die alten Menschen so lange wie möglich zu Hause in ihrer vertrauten Umgebung bleiben dürfen. Offensichtlich ist das nicht rückständig.

Gar nicht erwähnt wurden die Arbeitgeber, die auf Kosten der staatliche subventionierten Krippen- und Hortplätze Arbeitskräfte generieren. Wie wäre es mit einem Appell, sich an diesen Kosten zu beteiligen? Von familienfreundlicheren Arbeitszeiten ganz zu schweigen.

Der Presseclub vom 26.7.2015 war die Krone im Zusammenhang mit dem Thema Betreuungsgeld.
Ich habe mich danach gefragt, wie neutral ein Sender mit strittigen Themen umgeht, wenn nur eine Person – hier Frau Kelle – für das Betreuungsgeld votiert. Auch sollte eine Moderatorin keine familienpolitischen Finanzierung nennen, die hinterfragt gar nicht Familien mit Kindern zugute kommt. Selbst das Familienministerium unter Ministerin Schröder brach diese auf gerade mal 55 Mrd. herunter.
Wieder einmal wurde das Ehegattensplitting verteufelt. Dabei sind es nur 250 Euro bei einem Durchschnittsverdienst, den eine Familie mehr hat, wenn sie von nur einem Einkommen lebt. Wer deshalb auf einen Erwerbsarbeitsplatz verzichtet, ist entweder Idealist oder kann nicht rechnen. Reich wird er nicht.

Natürlich kam auch wieder das Unwort des Jahres 2007 – die Herdprämie – zur Sprache. Das Wort gehört auf den Index, ebenso wie es die Worte Zigeuner und Neger sind, die kaum noch jemand ungestraft ausspricht.

In Zukunft wünsche ich mir Ausgewogenheit bei der Wahl der DiskussionsteilnehmerInnen und unanfechtbares Zahlenmaterial.
Durch meinen nicht unerheblichen Rundfunkbeitrag finanziere ich alle diese Sendungen mit. Deshalb erwarte ich eine faire, nicht tendenziöse Berichterstattung und keine bewusste Irreführung und Ihren Einsatz als Gremium beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Mit freundlichem Gruß
Wiltraud Beckenbach

Hinweis der Fh-Redaktion: Mit einer Antwort des Programmbeirates kann erst nach der Sommerpause gerechnet werden.

Kategorie: Arbeitsplatz Familie, Betreuungsgeld, Bezahlung der Familienarbeit, Bildung, Bindung, Fremdbetreuung von Kleinkindern, Verbandsaktivitäten, Wahlfreiheit. Lesezeichen anlegen für diese Seite.