„Demo für alle“ am 21.6.2015 (Fh 2015/2)

von Ute Steinheber

Die Initiative Familienschutz, www.familien-schutz.de, hatte bundesweit zum 5. Mal zu einer ‚Demo für Alle‘ nach Stuttgart eingeladen. Auslöser war der neue Bildungsplan der rot-grünen Landesregierung in BW, der die Themen frühe sexuelle Aufklärung sowie Toleranz und Akzeptanz für sexuelle Vielfalt fächerübergreifend und schon für die Grundschule verbindlich vorschreibt.

Die Koordinatorin und Veranstalterin, Hedwig Freifrau v. Beverfoerde, begrüßt um 14:00 Uhr die ca. 4.600 Gegner dieses Vorhabens(1), die sich auf dem Schillerplatz eingefunden haben, ausgestattet mit rosa und blauen Luftballons und in fröhlich aufgeräumter Stimmung. Zu Gast ist auch die französische Partnergruppe „La Manif Pour Tous“ (übersetzt: „Die Demo für alle“).(2) Rund 300 Gegendemonstranten mit Trillerpfeifen und Trommeln versuchen, auf den Schillerplatz zu gelangen. Die Polizei ist mit mehreren Hundertschaften im Einsatz.(3)

14 Uhr: Vor der dichten polizeilichen Absperrung am Schillerplatz in Stuttgart wandelt ein gutes Dutzend in braune Kapuzenkutten gekleidete Personen schweigend hin und her, die Hände zum Gebet gefaltet. Ist das ein Aufmarsch des Ku-Klux-Klans? Was wollen diese Leute damit aussagen? Ich spreche einen der Herren einfach an, will Auskunft haben, ich sage, ich recherchiere für ein eigenes Buch. Der Angesprochene grinst und schweigt. Ein älterer Herr von außen kommt auf mich zu, spricht mich an. Für wen schreiben Sie? Für welche Zeitung? In wessen Auftrag? Ich wiederhole, dass ich hier für mein eigenes Buch recherchiere, mir ein eigenes Bild, eine eigene Meinung bilde und auch die Randgruppen von außen beobachte und beachte mit ihren Sorgen und Nöten, mit ihrer ganz eigenen Wahrnehmung. Warum fühlen sie sich angegriffen? Warum ist die Stimmung hier draußen so aggressiv? Der Herr erklärt, die Kuttenträger seien Schauspieler, Musiker, Bildende Künstler. Dies hier sei ein unpolitischer Auftritt, eine künstlerische Performance, eine Persiflage. Statt Übersteigerung der Parolen Schweigen. Schweigen gegen den Aufmarsch von Rechtsradikalen, vom Klerus bis hinauf in die Leitungsetagen, von NDP’lern, die sich von dieser Demo angezogen fühlen.
Aber das sind doch Missverständnisse, wo marschieren hier denn Rechtsradikale auf?

Ich sehe nur Linksradikale oder Autonome Gruppen. Ich sehe schlecht gekleidete, gepiercte, tätowierte junge Leute, die an Bierflaschen oder Zigaretten nuckeln. Sie hocken und kauern auf dem gepflasterten Boden. Ich sehe einige bekennende Homosexuelle, die ihre Regenbogenfahnen oder Schilder hochhalten: „Keine Homophobie“, „Gegen Islamophobie“, zudem: „Hätt‘ Maria abgetrieben, wärt ihr uns erspart geblieben“, was auch eifrig skandiert wird, oder: „Lieber zwei Mütter als ein Scheiß-Vater“. Ich frage mich traurig, warum diese jungen Menschen weder an christliche Werte noch an intaktes Familiendasein glauben. Meiner Einschätzung nach haben sie überwiegend schlechte Familienerfahrungen. Nun übertragen sie diesen Mangel auf die Teilnehmer der „Demo für alle“, die doch genau für den Erhalt gesunder Familien, für gute Rahmenbedingungen für Mütter, Väter, Kinder einstehen, die auch Homosexualität weder verleugnen noch verdammen, sondern tolerieren. Menschen, die sich allerdings gegen Indoktrination und Übersexualisierung in den Bildungsplänen zur Wehr setzen. Die sich gegen die Überbetonung der Homosexualität wehren, auch in Form der Ehe, die sie als Sakrament und als geschützten rechtlichen Rahmen nur für Mann und Frau sehen. Sie tun das ohne Gewalt, ohne Hass, ohne Diskriminierungsabsicht. Ihnen ist klar, dass es verschiedene Menschen gibt, verschiedene sexuelle Orientierungen, aber sie wollen klarstellen, dass Familien mit Kindern vom Staat besonders geschützt und gefördert werden müssen, um zu überleben und unsere Gesellschaft zu erhalten. Familien stärken, damit auch die nachwachsenden Generationen Mut zu eigenen Kindern haben können. Am Protest der Randgruppen sieht man doch, was ein „Scheiß-Vater“ oder eine „Scheiß-Mutter“ anrichten kann. Aus dieser Gruppe heraus erklingen hasserfüllte Parolen wie „kein Platz für Nazipropaganda“, „Nazis, haut ab, haut ab“, „hier laufen Nazis rum, Heil Hitler“ oder „Eure Kinder werden so wie wir“.

Nein, unsere Kinder sind nicht so wie ihr. Unsere Kinder und Enkelkinder werden nicht so wie ihr, weil wir uns um sie kümmern, weil wir sie lieben und wertschätzen, weil wir sie auch annehmen, wenn sie anders sind.
Ich gehe ohne Probleme durch die enge polizeiliche Absperrung auf den Schillerplatz und höre die ruhig und sachlich vorgetragenen Argumente von Hedwig von Beverfoerde:

  • Wir brauchen eine familienfreundliche Wirtschaftspolitik.
  • Wir wollen nicht diskriminieren. Wir wollen Menschen annehmen in ihrer Andersartigkeit.
  • Wir achten die Vielfalt.
  • Setzen Sie sich weiterhin für Ehe und Familie ein, um zerstörende Einflüsse zu verhindern.

Jérôme Brunet aus Paris, Sprecher der französischen Initiative „La Manif Pour Tous“, ergreift das Wort: „1998 hat man uns versprochen, es gäbe niemals ein Recht auf Adoption für homosexuelle Paare. Heute, 2015, haben wir die Ehe für alle mit Recht auf Adoption und medizinisch unterstützte Fortpflanzung. Wir wehren uns vehement gegen die Leihmutterschaft (französisch: gestation pour autrui – GPA). Unsere Initiative hat die GPA erfolgreich verhindert. Aber in den USA beraten und verkaufen Firmen widerrechtlich Leihmütter. Klagen blieben erfolglos. Auch gibt es in Frankreich immer wieder Versuche, die französischen Gesetze zu unterlaufen. Wir müssen laut und deutlich STOPP sagen. Ist der Mensch eine Ware? Wollen Sie in einer Welt leben, wo der Mensch zur Ware degradiert wird? Wir haben in Frankreich, auch in Italien und in anderen Ländern demonstriert. Wir werden nicht aufgeben.“

Nach weiteren Sprechern, darunter Dr. Malte Kaufmann (Vorsitzender Mittelstandsvereinigung der CDU Rhein-Neckar), Heinz Veigel (Petitionsinitiative Zukunft-Verantwortung-Lernen e.V.) und Karin Heepen (Bündnis C – Christen für Deutschland) sowie Grußworten von Weihbischof Thomas Maria Renz und den MdBs Thomas Dörflinger und Thomas Bareiß,(4) erklingt klassische Musik aus dem Übertragungswagen, der auch als Bühne dient. Die Menschen warten geduldig, unter ihnen Schwangere, stillende Mütter, viele adrett gekleidete junge Menschen, Studenten, ganze Familienclans mit Kinderwagen bis Rollator, Kinder im Schulalter bis hin zu Großeltern, Geistliche, Jugendgruppen mit Gitarren, ein Querschnitt durch den deutschen Mittelstand.

In Richtung Großer Schlossplatz drängen sich nun die Randalierer des anderen Lagers mit ihren unverfrorenen Naziparolen unter lautem Trommelprotest. Die Polizei muss einschreiten, die Reiterstaffel geht dazwischen. Indes bewegt sich der unglaublich lange, fröhliche, bunte Zug der Demo bis zum Opernhaus, wo die Schlusskundgebung stattfindet. Unterwegs erklingen Wanderlieder und auch christliche Lieder, immer wieder fröhlicher Jubel. Teilnehmergruppen winken sich freudig zu. Am Rande immer wieder Störer mit ihren Islamophob und Homophob-Schildern. Ich sehe auch ein Leintuchbanner mit der Aufschrift: „Stoppt die Diktatur der Kinder-Gender“. Sie haben hier wirklich einiges missverstanden, diese Randgruppen, vielleicht sind sie tatsächlich Opfer von Kinderschändern?

Im See vor den Staatstheatern stapfen Teenager provozierend durch das Wasser, bespritzen Passanten und Polizisten mit Fußtritten. Mehrfach werden Sie durch eine Polizeisprecherin per Mikrofon aufgefordert, dies sofort zu unterlassen. Natürlich machen sie weiter. Einige werden abgeführt. Nochmals ergreift die Organisatorin Hedwig von Beverfoerde das Wort und betont, wie wichtig ihr es sei, dass sich hier nicht Homo- Hasser versammeln. „Kein Mensch hat das Recht, Homosexuelle herabzusetzen. Aber wir lehnen die Homo- und Genderagenda ab!“ Sie verspricht: „Wir kommen wieder und zwar am 11. Oktober in Stuttgart!“ Lauter Jubel, Hunderte oder Tausende von blau-rosa Luftballons steigen in den wolkenlosen Himmel. Die Menge löst sich auf. Tumult gibt es nur Richtung Hauptbahnhof, wo die Polizei schützend aufmarschiert. Ein großer Dank geht an die Einsatzkräfte.

Ich strebe einem Café zu unter den Arkaden der ehemaligen Kunstgalerie und beobachte die nach Hause strömenden Menschen, Kinder, die ein Polizeipferd streicheln, andere schlecken ein Eis. Der Rasen füllt sich mit jungen Leuten, die noch ein kleines Sonnenbad nehmen. Nach einer Weile kommen die Polizeimannschaften, die Helme in der Hand zu ihren Mannschaftswagen zurück. Ein friedliches Ende einer friedlichen Demonstration. Bleiben wir doch gelassen und lassen wir uns in Frieden leben!

Quellen:
(1) Die Veranstalter zählten die Teilnehmer, indem sie sie durch eine Ordnerreihe lenkten und einzeln erfassten. Das Ergebnis am Ende: genau 4.603 Teilnehmer.
(2) Homepage: http://www.lamanifpourtous.fr/de
(3) Pressestelle Polizeipräsidium Stuttgart. http://www.presseportal.de
(4) Videos sowie die Texte aller Redner/innen und Grußworte unter https://demofueralle.wordpress.com

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