Armut, Bildung und sozialer Abstieg (Fh 2013/4)

1. Teil

von Beri Fahrbach-Gansky

Eine Behauptung hat schon den Status einer unumstößlichen Wahrheit angenommen: Es sei wichtig, benachteiligte Kinder in Krippen und Ganztagsschulen zu bringen, damit für alle Kinder Chancengleichheit geschaffen werde. Medien, Politik und Wirtschaft haben uns schon einer derartigen Gehirnwäsche unterzogen, dass uns völlig einleuchtet, was eigentlich realitätsfern und kein bisschen logisch, sondern widersprüchlich ist. Wer traut sich noch, das zu hinterfragen und etwas ganz anderes zu denken? Tatsächlich liegen die Dinge ganz anders. Das soll in zwei Artikeln gezeigt werden.

Die USA veränderten 1984 stark ihre Sozialpolitik.(1). Der Hauptschwerpunkt lag fortan darin, alle in bezahlte Arbeit zu bringen, also auch Mütter, selbst wenn sie alleinerziehend waren. Die Zahl der Familien, die noch staatliche Unterstützung erhielten, sank drastisch. Das wurde durch strenge Auflagen und Zumutung jedes Beschäftigungsverhältnisses erreicht. Das kommt uns doch bekannt vor.
Heute sehen sich die Amerikaner in vielen großen Städten vor gewaltigen Scherbenhaufen. Ganze ehemals gut bewohnbare Stadtteile sind im Chaos versunken. Viele junge Leute erreichen keinen Schulabschluss. Arbeitslosigkeit, Verwahrlosung, Drogen und Waffen, Mord und Totschlag prägen das Leben. Wie konnte das passieren?

Armut – wichtige Ursache für sozialen Abstieg
Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Armut eine wichtige Ursache für sozialen Abstieg ist. Sie hat in den USA durch diese Politik der totalen Erwerbstätigkeit nicht etwa ab-, sondern zugenommen. Allein die Zahl der Menschen in extremer Armut hat sich verdreifacht. Auch hier sind Parallelen zu Deutschland zu erkennen: Obwohl die Zahl der erwerbstätigen Frauen kontinuierlich gestiegen ist und über dem OECD-Schnitt liegt, hat die Familienarmut stark zugenommen.(2) Auch deutsche ArmutsforscherInnen bestätigen, dass sich Armut auf Kinder sehr ungünstig auswirkt. Vor allem die Bildung leidet und damit die Zukunftschancen.(1) (3) (4).
Armut ist also als wichtige Ursache für sozialen Abstieg identifiziert worden. Man müsste nun meinen, es folge logisch daraus, dass Familien dringend mehr Geld brauchen. Sie sollten nicht auch noch ausgebeutet werden, wie es bei uns geschieht. Das würde die Bildungsnachteile und den sozialen Abstieg verhindern.

Können Eltern nicht vernünftig mit Geld umgehen?
Doch in Deutschland wird gewarnt: Man darf Familien kein Geld geben, weil die Eltern es in Flachbildschirme investieren (von der Leyen)(5) oder versaufen.
Sicher ist: Das pauschale Verurteilen ganzer Bevölkerungsgruppen (früher z.B. Schwarze, Juden, Schwule, Zigeuner, …) ist haarsträubender Unsinn. Dass Geld für Mütter eine Fehlinvestition wäre, widerlegen mehrere Studien.(6): In Kenia und Malawi wurde festgestellt: Je höher der Anteil des Familieneinkommens ist, den Frauen kontrollieren, desto mehr Kalorien stehen der Familie zur Verfügung und desto weniger wird in Alkohol investiert. Eine brasilianische Studie belegt, dass ein Dollar in der Hand einer Frau denselben Effekt für die Kinder zeigt wie 18 Dollar in der Hand eines Mannes. Indische Männer geben für ihren eigenen Bedarf das Vier- bis Fünffache dessen aus, was Frauen für sich verbrauchen. Es sind die Mütter, die am allermeisten bereit sind, selber zu verzichten und ihren Kindern alles zu geben!

Bildungsnachteile
Es wird weiter gewarnt: Man dürfe Familien – vor allem armen Familien – kein Geld geben, weil sie sonst keinen Anreiz mehr hätten, ihre Kinder in Krippen, Kitas, Ganztagsschulen usw. zu bringen. Befürwortet werden solche Einrichtungen – vor allem frühkindliche und ganz­tägige –, weil sie „besonders geeignet sind, herkunftsbedingte Nachteile … auszugleichen“.(7) Man müsse in Bildung investieren, nicht in Familien, um Chancengleichheit herzustellen.
Diese Argumentation ist in jeder Hinsicht unverschämt. Das hieße ja, dass nicht nur das Geld bei Familien schlecht aufgehoben ist, sondern auch die Kinder selber. Die Ergebnisse der Armutsforschung werden einfach ignoriert und auf den Kopf gestellt. Statt die Befunde der Wissenschaftler/innen ernst zu nehmen, werden Zusammenhänge behauptet, die frei erfunden und völlig unbelegt sind – damit wird von den eigentlichen Problemen, z.B. der Armut, abgelenkt.

Eine deutsche Armutsstudie (4) wirft mehr Licht auf die Frage, was nun tatsächlich zu den besagten Bildungsnachteilen bei armen Kindern führt: In armen Familien wird „die Verantwortung für die Begleitung kindlicher Lernprozesse (…) häufig auf externe Institutionen übertragen.“ Der entscheidende Faktor für einen gelingenden Bildungsprozess ist „das Interesse der Erwachsenen (Anm.: der Eltern) an schulischen Belangen und die notwendige Unterstützung der Kinder beim Lernen.“ Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen! Die Verantwortung abzugeben wird ihnen ja von Politik, Wirtschaft und Medien nahegelegt: Durch Ganztagsschulen könne nachmittags das fertig beschulte Kind in Empfang genommen werden. Keine Hausaufgaben, kein Lernen mehr. Dabei ist gerade die Begleitung der Eltern für den Schulerfolg des Kindes entscheidend. Offensichtlich ist es aber definitiv das Ziel der aktuellen „Bildungspolitik der Chancengleichheit“, diesen Einfluss der Eltern auszuschalten.

Halt und Struktur durch Zeit mit den Eltern
Und das ist die zweite Ursache für den sozialen Wandel. Niemand Geringerer als Barack Obama, der lange vor seiner Präsidentschaft in der Sozialarbeit tätig war, erlebte die anfangs beschriebenen Veränderungen in den Stadtteilen z.T. selber mit. Er vergleicht Slumkinder aus Indonesien und Kenia, die er beobachtet hat, mit den armen amerikanischen Kindern und stellt fest, dass die Slumkinder durch die Elterngeneration noch Halt und Struktur erleben.(1) In Amerika wächst die Isolation – mit besagten katastrophalen Folgen. Fazit: Kinder brauchen vor allem ihre Eltern und Zeit mit ihren Eltern.

Natürlich wurde auch in den USA stark auf Bildung gesetzt. Doch trotz sehr professioneller Schulprojekte und -programme gelang es kaum, die Anzahl der armen Kinder, denen ein Schulabschluss gelingt, zu erhöhen. Am ehesten werden noch arme Kinder aus intakten Familien erreicht. Das ist ernüchternd, beweist aber etwas sehr Wichtiges: Staatliche und andere Institutionen können kaum wiedergutmachen, was im Elternhaus aus Not und Zeitmangel nicht mehr geleistet werden kann. Je mehr Bindung, Beziehung und Halt in einer Familie geschwächt sind, desto weniger werden die Kinder von bildenden und sozialen Maßnahmen erreicht. Warum das so ist und gar nicht anders sein kann, soll in einem zweiten Teil (Artikel in der folgenden Fh) genauer erklären werden.

Den Karren aus dem Dreck ziehen
Es ist höchst interessant, was Obama, ein Kenner der Probleme, als Präsident auf den Weg brachte. Durch verschiedene Maßnahmen haben Familien nun mehr Geld. Programme für Jugendliche und deren Eltern zielen auf die Verbesserung der Chancen der Jugendlichen. Das ist so ziemlich das Gegenteil dessen, was hierzulande geschieht.
Damit ist dem amerikanischen Präsidenten gelungen, trotz ungüns­tiger wirtschaftlicher Bedingungen eine weitere Verschlechterung zu verhindern, nicht aber, die Armutsstatistiken zu verbessern.(1)

Das ist einerseits erfreulich, anderseits wieder ernüchternd, bedeutet es doch, dass der Karren nicht so leicht wieder aus dem Dreck zu ziehen ist. Das führt umso mehr die Dringlichkeit vor Augen, es erst gar nicht zu einem derartigen sozialen Verfall durch Armut kommen zu lassen. Wir haben hier in Deutschland noch nicht so extreme Verhältnisse wie in den USA. Die fortschreitende Familienarmut und Studien, in denen Eltern vor allem beklagen, zu wenig Zeit für Kinder und Familie zu haben, zeigen aber, dass das Fass voll ist. Wir hätten jetzt noch die Chance, großes Unheil zu verhindern!

Folgendes Beispiel untermauert die große Bedeutung der Familie:
In einem sehr armen Indianerreservat kamen alle Bewohner durch ein Casino zu unverhofftem Geldsegen. Da Wissenschaftler schon vorher regelmäßig Daten erhoben hatten, war nun gut zu verfolgen, wie sich der Aufstieg der Familien über die Armutsgrenze auswirkte. Tatsächlich fand man ein Drittel weniger psychiatrische Auffälligkeiten. Bei Kindern gingen Verhaltensauffälligkeiten um 40 Prozent zurück! Unter vielen Faktoren kristallisierte sich als entscheidend heraus: Die Eltern hatten mehr Zeit für die Kinder.(8)

Hier in Deutschland wird durch den Staat sehr viel an Familie zerstört, durch die Ausbeutung von Familie, dadurch, dass der Familie vor lauter Erwerbstätigkeit kaum noch Zeit für sich bleibt, durch die Schwächung von Bindung durch Fremdbetreuung. Die Folgen dieser Zerstörung kann der Staat nicht wieder ausgleichen, nicht durch Investitionen in Bildung und nicht durch immer noch mehr Fremdbetreuung. Schon gar nicht durch immer weitere Ausbeutung. Wenn man einem Kranken das als Medizin gibt, was ihn krank gemacht hat, ist nichts Gutes zu erwarten.

Fußnoten:
(1) Informationen zu den USA stammen von Paul Tough: What Does Obama Really Believe In? New York Times Magazine, 15.08.2012.
Quelle: http://www.nytimes.com/2012/08/19/magazine/obama-poverty.html
(2) Birgit Kelle, Maria Steuer: Vorsicht Studie! Brand eins 07.2011.
Quelle: http://www.brandeins.de/archiv/2011/transparenz/vorsicht-studie.html
(3) Gerda Holz: Gibt es Wege aus der Armut? Vortrag am 21.01.2009 bei der AWO, Kreisverband Schwäbisch-Hall-Hohenlohe und Ortsverein Crailsheim, in den Räumen des Evangelischen Bezirksjugendwerkes.
(4) Susanne Schäfer-Walkmann / Constanze Störk-Biber: „Die Menschen hinter den Zahlen: Kinderarmut in Baden-Württemberg. In: Transfer. Das Steinbeis-Magazin 4/2009, S. 30-31. Quelle: http://www.steinbeis.de/fileadmin/content/Transfermagazin/127875-0409.pdf
(5) Hamburger Morgenpost, 24. Mai 2007.
(6) Anne Manne: Motherhood. How should we care for our children? Allen & Unwin, Sydney 2005.
(7) Bertelsmann Stiftung Hrsg.): Chancen ermöglichen – Bildung stärken. Verlag Bertelsmann Stiftung, Gütersloh, 2008
(8) Mehr Zeit für Kinder verringert Verhaltensstörungen. Psychologie heute, 03.2004

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